Medien Jugend in Blau

27.07.2009, 22:00 Uhr

Die Aufmärsche der Freien Deutschen Jugend (FDJ) bilden eine bleibende Erinnerung auch für diejenigen, die den Alltag der früheren DDR nur über das West-Fernsehen kennengelernt hatten. Lutz Hachmeister erging es nicht anders. Er wollte mehr wissen über die FDJ – so entstand die jüngste TV-Dokumentation des preisgekrönten Regisseurs.

Nur wenige werden wissen, dass die FDJ bereits 1936 gegründet wurde – von Emigranten, die vor dem Hitler-Regime geflohen waren. Ab 1946 bot die neu gegründete Ost-FDJ jungen Menschen Spiele, Sport und Gemeinschaftsgeist, aber auch Bildung für Benachteiligte, die es dank der FDJ bis zum Hochschulabschluss bringen konnten.

Hachmeister, der 2004 für den Film „Schleyer – Eine deutsche Karriere“ mit zwei Grimme-Preisen prämiert wurde, und Koautor Mathias von der Heide erinnern indes auch an die West-FDJ, die 1951 verboten wurde. Die Leiter der Organisation mussten für mehrere Jahre ins Zuchthaus. „Man sieht“, so Hachmeister im Gespräch mit unserer Zeitung, „dass auf beiden Seiten mit harten Bandagen gekämpft wurde.“ Zeitgenössische Aufnahmen, die von Hachmeister und seinem Team gewissenhaft geprüft wurden, belegen, dass friedliche FDJler von westlichen Polizisten brutal zusammengeschlagen wurden. Solche Vorgänge lieferten Hachmeister Anlass genug, „noch mal über die sehr konfrontativen 50er-Jahre nachzudenken. Es ist eben nicht alles Folkore gewesen.“

Bis über den Mauerbau hinaus war die Arbeit in der Ost-FDJ von einem gewissen Optimismus geprägt. Aber die Kluft zwischen Idealen und Wirklichkeit ließ sich letztlich nicht verleugnen. Einige versuchten sich an einer konstruktiven Opposition und handelten sich Gefängnisstrafen ein, andere wussten sich mit den Verhältnissen zu arrangieren. Die Zugehörigkeit zur FDJ, so hat Hachmeister in vielen Gesprächen erfahren, war für die Mehrheit der DDR-Bürger prägend. Für seinen Film hat er Interviewpartner gesucht und gefunden, die diese Erfahrung reflektieren. Der frühere Regierungssprecher Klaus Bölling zählt ebenso dazu wie die Schauspielerin Anja Kling. Nicht alle Angefragten freilich waren zu Auskünften bereit. Aber: „80 Prozent der Angesprochenen haben wir auch bekommen.“

Für die widerständige Jugend stehen Musiker wie Chris Hinze von Sandow und Christian „Flake“ Lorenz, früher bei Feeling B, heute bei Rammstein. Sie verschmähten die blaue FDJ-Uniform und bekannten sich offen zur Punk-Bewegung – ein Schritt, der ob seiner schwerwiegenden Konsequenzen weit mehr Mut erforderte als im Westen.

Ein besonderes Fundstück ist eine Interviewpassage mit der jungen Angela Merkel. Die heutige Kanzlerin erzählte im Gespräch mit Günter Gaus von ihrer Mitgliedschaft in der FDJ und räumte freimütig ein, dass sie vor allem opportunistisch motiviert war. Umgekehrt lernt man den Linken-Politiker Lothar Bisky von einer ungewohnten Seite kennen. Bisky war zu DDR-Zeiten Rektor der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam – und stellte sich wacker vor Studierende wie beispielsweise Andreas Dresen („Halbe Treppe“), wenn deren kritische Filme den Zorn der Parteiführung erregten.

75 Filmminuten reichen kaum, um sämtliche Aspekte hinlänglich zu beleuchten. „Das Material war unendlich“, sagt Hachmeister. Allein die Bemühungen der FDJ-Ideologen, westliche Pop-Kultur zu adaptieren und unter sozialistischen Vorzeichen verfügbar zu machen, böten Stoff für einen eigenen Dokumentarfilm. Interessant auch die Frage, in welchen Kanälen das nicht unerhebliche FDJ-Vermögen nach der Wende versickerte.

Momentan arbeitet Hachmeister an einem anderen Projekt – einer Studie über die ökonomischen und sozialen Bedingungen in der internationalen Drei-Sterne-Gastronomie. Vielleicht ergibt sich eine Gelegenheit zur Fortsetzung der FDJ-Dokumentation, wenn die heutige Ausstrahlung auf Interesse stößt. Was ihr zu wünschen wäre.

„Freundschaft! Die Freie Deutsche Jugend“. ARD, 28. Juli, 22.45 Uhr