Lutz Marmor im Interview NDR-Intendant: „Man könnte einen Tatort im Sommer machen“

Von Ralf Geisenhanslüke | 22.12.2017, 06:11 Uhr

Ein Tatort weniger im Winter, dafür einer im Sommer – das ist ein Vorschlag von NDR-Intendant Lutz Marmor zur Änderung des Sendeangebots. Im Interview spricht er auch über die Notwendigkeit des Rundfunkbeitrags und den Streit mit den privaten Verlegern.

 Herr Marmor, hat das lineare Fernsehen noch eine Zukunft? Immer mehr junge Menschen verzichten auf den Fernseher und laden sich ihre Lieblingsfilme und -serien von den Streaming-Portalen herunter. Ängstigt Sie das als Intendant? 

Angst ist kein guter Ratgeber. Wir müssen die Entwicklung ernst nehmen. Aber derzeit, das wird oft übersehen, ist nach wie vor die lineare Nutzung des Fernsehens in Deutschland insgesamt stark. Sie war in den letzten Jahren auf einem Allzeithoch. Die Menschen sehen in Deutschland täglich drei Stunden und 42 Minuten lineares Fernsehen im Durchschnitt. Dabei hilft uns, dass die Gesellschaft älter wird und Ältere länger fernsehen. Aber auch die Jungen unter 30 sehen zwei Stunden pro Tag fern. Die Grundbotschaft ist, klassisches Fernsehen ist absolut stark. (Weiterlesen: Das Interview in der Kurzfassung – Umbau der ARD wäre „Verlust von publizistischer Vielfalt“) 

 Sind elf Fernsehsender, 64 Hörfunkprogramme, 16 Orchester und acht Chöre noch zeitgemäß? 

Ich finde schon. Ich kann jetzt erst einmal für den Norddeutschen Rundfunk sprechen. Der NDR ist ein Vier-Länder-Sender. Unsere Landesprogramme sind mit die erfolgreichsten in ganz Deutschland. Das passt. Die norddeutsche Kulturlandschaft wäre deutlich ärmer ohne unsere Musikensembles, ohne das Radioprogramm NDR Kultur und viele andere Programmbeiträge, aber auch ohne alles, was der NDR veranstaltet oder fördert.

 Wenn immer weniger Menschen ARD- und ZDF-Programme konsumieren – worin besteht dann noch die Daseinsberechtigung? 

Wir sind informationsgeprägt, wir sind regional verankert. Wir bieten Kultur. Wenn ich sehr viele amerikanische Serien im Programm habe wie einige private Sender, dann werde ich natürlich zum Beispiel durch Streamingdienste viel stärker angegriffen. Beim Kampf um Rechte und Talente muss man Netflix besonders ernst nehmen. Wir möchten natürlich auch weiterhin für unsere Fernsehfilme, für einen Tatort und für Serien am liebsten die Besten für uns gewinnen können.

 Sollten öffentlich-rechtliche Sender dann nicht die Schwerpunkte verlagern – weg von Unterhaltungsformaten und hin zu Informationsformaten? 

Unterhaltung hat bei uns im Ersten neun Prozent Sendeanteil, das ist kein wirklicher Schwerpunkt. Unterhaltung steht im Staatsvertrag des NDR ausdrücklich als Auftrag. Wenn wir einen reinen Informationskanal hätten, ein Nischenangebot, dann würden wir auch nicht mehr die Menschen integrativ erreichen, was ja unser Auftrag ist. Dieses Vollprogramm entspricht dem Auftrag, integriert die Menschen und sorgt auch dafür, dass sie dann auch andere Angebote vielleicht mehr wahrnehmen, als sie es sonst getan hätten.

 Glauben Sie, dass die Bundesbürger in 20 Jahren noch Rundfunkbeiträge zahlen – und falls ja, warum?  

Selbst Fünf-Jahres-Prognosen in einer Zeit des Wandels sind schwierig. Der Rundfunkbeitrag ist auch so etwas wie ein solidarischer Akt. Für unter 60 Cent am Tag nutzen die Menschen Radio, Fernsehen und Online. Wer das nicht zahlen kann, wird befreit. Es ist und bleibt wichtig, dass es einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt. Dieses Prinzip ist doch nicht überholt: Wir wollen allen Menschen in Deutschland den Zugang zu Informationen, aber auch zu Angeboten wie der Fußball-WM oder den Olympischen Spielen für einen Preis ermöglichen, der am Ende nur deshalb noch überschaubar ist, weil ihn alle zahlen müssen. Oder glauben Sie, dass die Menschen sich wirklich freuen, wenn in der nächsten Saison die Champions League nicht mehr im frei empfangbaren Fernsehen zu sehen sein wird, außer vielleicht das Finale?

 Würde es nicht reichen, das ZDF als nationalen Sender zu betreiben und die ARD für die Regionalprogramme zu nutzen? 

Das wäre ja ein Verlust an publizistischer Vielfalt. Das hielte ich für den falschen Weg. Wir sind doch ein wirtschaftlich durchaus starkes Land. Deutschland tut gut daran, sich diese publizistische Vielfalt zu leisten. Die nationale Bühne ist für uns wichtig. Wenn wir dort spielen, sind auch unsere Angebote im Regionalen besser. Ich möchte aber keine Tagesschau haben, die regionalisiert ist, sie muss schon den Blick in die globalisierte Welt haben.

 Der Wettbewerb mit den Privaten wäre dann nicht gegeben? 

Weniger Vielfalt wäre weniger Wettbewerb. Die privaten Sender spielen natürlich auch eine wichtige Rolle. Die Nachrichtensendungen, auch der Kommerziellen, sähen anders aus, wenn es keine Tagesschau gäbe. Unser stärkster Wettbewerber in der Informationsversorgung ist aber im Fernsehen eindeutig das ZDF.

 Welche alten Zöpfe müssen irgendwann unweigerlich abgeschnitten werden? 

Warum haben wir im Sommer zehn Wochen keinen neuen Tatort? Man könnte ja einen im Sommer machen, dafür einen weniger im Winter. Ich würde die Regel gerne abschaffen, dass wir Sendungen nur sieben Tage ins Internet, in unsere Mediatheken stellen dürfen oder Kaufproduktionen gar nicht. Sie tauchen jetzt statt bei uns bei Youtube und anderswo auf.

 Mit den deutschen Verlegern liegen die öffentlich-rechtlichen Sender eher im Clinch, weil sie gebührenfinanziert das Internet beackern. Warum müssen das Sender machen? 

Wir wollen wirklich nicht den Verlagen schaden. Wir schauen auf uns, und wir möchten unserem Publikum unserem Auftrag entsprechend zeitgemäß Inhalte anbieten. Einen Teil unseres Publikums erreichen wir eher im Netz. Das ist die Grundmotivation. Die lineare Nutzung wird in der Tendenz abnehmen. Wenn wir nicht auch im Netz Angebote machen würden, hätten wir, in Extremo gedacht, keine Zukunft. Wir haben nur sehr begrenzte Teile unseres Budgets dafür zur Verfügung, und der Erfolg unserer Angebote ist bescheiden, wie die Verleger selbst festgestellt haben. Mit tagesschau.de und sportschau.de haben wir nur zwei Webseiten unter den 40 Top-Angeboten in der Kategorie News und Medien. Wir haben die gemeinsamen Probleme, dass die Googles, Facebooks und Amazons dieser Welt immer stärker werden. Und auch diejenigen, die Verbreitung im Netz organisieren, werden immer mehr zu Inhalte-Anbietern wie zum Beispiel die Telekom. Das sind die wahren Zukunftsfragen, denn unsere besten Angebote nutzen nichts, wenn sie keinen unabhängigen Verbreitungsweg haben. Deshalb appelliere ich immer: „Lasst uns gemeinsame Wege finden.“

 Wo sehen Sie in diesem Streit Kompromisslinien? 

Wir waren meines Erachtens schon relativ nahe an einer Einigung. Wir müssen den Gesprächsfaden erhalten und andere Ideen finden, wie sich Inhalte zur Verfügung stellen lassen. Ich habe eine Grundüberzeugung: Guter Journalismus stützt sich wechselseitig. Jemand, der unsere regionalen Angebote nutzt, der wird auch gerne eine gute Regionalzeitung lesen. Das Gleiche gilt umgekehrt auch. Das Team von tagesschau.de wüsste sehr genau, wie es mit Klick-Optimierung mehr Zuschauer erreichen könnte. Es gibt aber die feste gemeinsame Überzeugung von Tagesschau-Chefredakteur Kai Gniffke und mir, dass wir genau das nicht machen. Wir wollen möglichst nahe an der Marke Tagesschau bleiben. Wir brauchen ja nicht das Gleiche wie Spiegel Online oder andere.

 Mathias Döpfner, Präsident des Verbandes der deutschen Zeitungsverleger, hat gerade in einem Interview mit dem Deutschlandfunk seine Vorstellung skizziert, wie der Online-Auftritt der Öffentlich-Rechtlichen strukturiert sein könnte. Ein Drittel Text, zwei Drittel Bilder sowie Videos. Können Sie und der NDR einen solchen Weg mitgehen? 

Zu einem ansprechenden Online-Angebot gehören grundsätzlich Videos, Audios, Texte und interaktive Elemente. Wir haben in den letzten Monaten unseren Video- und Audioanteil deutlich erhöht und werden diesen Weg auch weitergehen, begleitet durch interne Organisationsreformen. Eine pauschale Festlegung von Text- und Bildanteilen erscheint mir für den NDR eher wenig hilfreich. Ein Hinweis noch: Wegen der Barrierefreiheit müssen wir die Möglichkeit haben, unsere Radioberichte auch Menschen mit Hörbehinderung zugänglich zu machen.

 Mathias Döpfner sagt, er stehe jederzeit für ein Gespräch zur Verfügung und würde immer jede Einladung annehmen. Wer lädt Herrn Döpfner ein, und wann findet das Gespräch statt? 

Es gibt offenbar wechselseitige Gesprächsbereitschaft. Das ist gut so.