Lebensbeichte am Küchentisch Videoblog „Shore, Stein, Papier“ rüttelt auf

Von Jörg Sanders | 22.06.2013, 12:04 Uhr

Einmal pro Woche ist er auf YouTube mit Zigarette und Kaffee zu sehen, wie er aus seiner Vergangenheit erzählt: Drogensucht, Drogenhandel, Überfälle, Knast, Entzüge, Rückfälle. Und er bleibt ein „er“, denn Details wie Namen, Beruf und Wohnort verrät er nicht – auch nicht während eines Treffens mit unserer Zeitung. Bekannt ist: Er ist 40 Jahre alt.

 Auf dem YouTube-Kanal „zqnce“ (gesprochen „Sequence“; dt.: Sequenz) ist er mit seinem rückblickenden Videotagebuch (Videoblog, kurz: Vlog) „Shore, Stein, Papier“ zu sehen. Shore ist ein anderes Wort für Heroin, Stein steht für Koks, Papier für Geld, erklärt er. In einer Küche erzählt er vor der Kamera aus seiner Vergangenheit. Als säße ein Kumpel neben ihm. Mal zum Lachen, mal tragikomisch, mal nur tragisch.

„Er soll eine abschreckende Wirkung haben“, beschreibt der Erzähler seinen Vlog. „Das ist für mich das Wichtigste – und wenn ich nur einem helfen konnte.“ Es gehe keineswegs um die Verherrlichung von Drogen. Es sei seine Lebensgeschichte, keine Drogengeschichte – und damit auch Präventionsarbeit, sagt er.

 Bereits zu Beginn der inzwischen 87 Folgen von „Shore, Stein, Papier“ erfährt der Zuschauer viel aus seinem Leben. Scheidung der Eltern, als er vier Jahre alt ist. Umzug mit 13 von Sindelfingen nach Hannover, bei dem ihm der Stiefvater sagt: „Deine Mutter lieb ich, aber du bist unerwünscht.“ Kiffen, das erste Mal Shore mit 15, andere harte Drogen folgen. Verlust der Lehrstelle, Einbrüche, Überfälle, Drogenhandel – und letztlich vier Haftstrafen, die erste mit 18. An seinem 18. Geburtstag schmeißt ihn der Stiefvater aus der Wohnung. Zwischenbilanz mit vierzig: Rund zehn Jahre seines Lebens brachte er im Gefängnis und in zwei Therapien zu.

Doch den Stiefvater oder die Mutter macht der 40-Jährige nicht für seine Drogenkarriere verantwortlich. „Es war einfach die gesamte Situation, so kam es dann zu den Drogen.“ Zu jung, zu dumm, resümiert er.

Zwischen 10000 und 20000 Menschen schauen sich seine Geschichte auf YouTube an. Die erste Folge zählt mehr als 140000 Besucher. Mehr als 38000 Abonnenten hat der YouTube-Kanal. Die ersten Folgen sind rund drei Minuten lang. Inzwischen sind sie bis zu 24 Minuten lang.

Bereits vor sechs Jahren hatte der Erzähler seine Geschichte in einem schriftlichen Blog festgehalten. Vergangenes Jahr kam der Kontakt mit der Produktionsfirma Redframe zustande, die die Videos produziert. Ein grober Drehplan handelt nun die Lebensgeschichte des Erzählers ab.

Das Set für die Videos ist schlicht. Wiederkehrende Utensilien sind ein Kaffeebecher, Zigarette und Aschenbecher. In den ersten Folgen war es gelegentlich auch mal ein Joint. Ein Anfangsfehler, sagt der Protagonist.

Viele Details bleiben ein Geheimnis, etwa wie sein richtiger Name lautet oder wo sich die Küche befindet, in der gedreht wird. In der Vergangenheit nannten ihn Weggefährten $ick (dt.: krank). „Das Entscheidende ist meine Geschichte – durch sie erfährt man, wer ich bin“, sagt er. Der Zuschauer erfährt auch nicht, ob oder womit er Geld verdient, wo er wohnt. All diese Details seien für die Geschichte irrelevant. Die Produktionsfirma Redframe befindet sich jedenfalls in Osnabrück.

Lange Zeit hatten Drogensucht und Beschaffungskriminalität das Leben des Erzählers bestimmt. Zwar habe in der Vergangenheit der Rückfall auf einen Entzug gefolgt, doch letztlich sei es ihm gelungen, den harten Drogen abzusprechen. Süchtig sei er weiterhin: „Man ist nie geheilt“, sagt er, „aber die Frage ist, wie man damit umgeht.“ Wie bei einem Alkoholiker, der auch immer abhängig bleibe. Der Opiatblocker Naltrexon helfe ihm, die Finger von harten Drogen zu lassen. Durch die gezielte Einnahme bei Suchtdruck werde dieser nach kurzer Wirkungsdauer blockiert. „Ich habe Glück, leider reagiert nur eine von drei Personen so reibungslos auf das Medikament.“

Inzwischen habe er auch keine Probleme mehr, vor laufender Kamera aus seinem Leben zu erzählen. Anfangs sei das anders gewesen. „Es ist schwierig, alles vor der Kamera einzugestehen“, sagt er. „Ich ignoriere inzwischen einfach, dass ich vor ihr sitze.“ Für ihn habe der Vlog eine reinigende Wirkung. „Die große Therapie am Ende“, sagt er und lacht. Stellenweise schmerze es, über die vergangenen Zeiten zu sprechen. Aber offenbar mit Wirkung. So kommentiert ein Neuntklässler die zweite Folge mit dem Titel „Das erste Mal Shore rauchen“: „Es bringt viel mehr, wenn das so einer sagt, als wenn ein Polizist oder ein Lehrer darüber was labert.“

Und Reue? Private Angelegenheiten würde der Erzähler anders regeln, wenn er die Chance dazu hätte. Insbesondere mit der Mutter. Doch mit ihr hat er sich längst ausgesprochen, das ist zwölf Jahre her. Mit Erfolg: „Ich bin 40, und jetzt ist Mama das erste Mal stolz auf mich.“ Und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: „Hat ganz schön lange gedauert.“

Noch mindestens ein Jahr wollen er und Redframe den Vlog fortführen. Zu erzählen gebe es noch genug. „Jetzt geht es erst richtig los“, sagt der Vierzigjährige. Auch für die Zeit danach gebe es Überlegungen. Womöglich ein Buch oder Hörbuch. Weitere Details oder Pläne wollen er und Redframe noch nicht verraten.

Finanziert oder zumindest finanziell unterstützt wird „Shore, Stein, Papier“ von Google, dem YouTube-Eigentümer. Im vergangenen Jahr gab YouTube den Startschuss für zwölf deutsche TV-Kanäle, mit denen die Internetplattform den Einstieg ins TV-Geschäft sucht. Die Produktion dieser sogenannten „Original Channels“ übernehmen Produktionsfirmen wie Redframe.

Manche Medien bewerten derartige Sendungen bereits als das Fernsehen von morgen. „Shore, Stein, Papier“ jedenfalls wurde für den Deutschen Webvideopreis 2013 nominiert, der Ende Mai in Düsseldorf vergeben worden war.

„Was soll ich sagen?“ Mit dieser Frage beginnt die erste Folge von „Shore, Stein, Papier“. Offenbar eine rhetorische Frage. 87 Folgen sind online, viele weitere dürften noch folgen. Die Fans dürfte es freuen.

„Shore, Stein, Papier“, der Videoblog auf YouTube: „Shore, Stein, Papier“, der Videoblog auf YouTube: youtube.com/user/zqnce