Kann man Attentäter stoppen? Themenabend auf Arte: „Jung, zornig, islamistisch“

Von Susanne Haverkamp, Susanne Haverkamp | 28.06.2016, 07:00 Uhr

Auch Madrid und London hat es schon getroffen. Wo wird als Nächstes ein Selbstmordattentäter sich und andere in die Luft sprengen? Warum tun die das und wie kann man sie stoppen? Das fragt ein Themenabend auf Arte.

Wenn Cuma Ülger und Hakan Celik einen Klassenraum oder eine Gefängniszelle betreten, weiß man, wo sie herkommen: schwarzer Bart, arabisches Aussehen – das müssen Muslime sein. Sind sie auch, und sie sind es aus Überzeugung, Hakan Celik sogar als ehrenamtlicher Imam. Und gerade deshalb tun sie das, was sie tun: Sie suchen für das hessische Violence Prevention Network ( VPN ) junge Muslime und klären sie auf. Erklären, dass das, was der IS verspricht, Lüge ist. Und dass das, was der IS verlangt, mit dem Islam und dem Willen Allahs nichts zu tun hat. „Mir sagen junge Männer oft: ‚Gut, dass Sie das als gläubiger Muslim sagen, Ihnen können wir glauben‘“, erzählt Hakan Celik in der Dokumentation „ Generation Dschihad “, die Arte heute im Rahmen des Themenabends „Jung, zornig, islamistisch“ ausstrahlt.

Wahrscheinlich ist es das, was an den Terroranschlägen der vergangenen zwei Jahre am meisten erschreckt: dass die Täter oft junge Männer sind, die mitten in Europa aufgewachsen sind, in „unsere“ Schulen gegangen sind und „unsere“ Art zu leben aus eigener Erfahrungen kennen – und die dennoch freiwillig nach Syrien ausgereist sind, um für den IS zu kämpfen und eventuell nach Europa zurückzukehren, um hier Selbstmordattentate zu verüben. Geschätzt 5000 bis 6000 junge Männer und einige Hundert Frauen sind europaweit nach Syrien ausgereist, die zahlenmäßig meisten aus Frankreich und Großbritannien, die anteilmäßig meisten aus Belgien. Aber Deutschland holt auf.

Die Filmemacher Albert Knechtel und P.O. Francois sind für ihre Dokumentation quer durch Europa gereist auf der Suche nach den Ursachen der Radikalisierung, aber vor allem nach guten Präventionsprogrammen. Denn dass vor Ort mehr getan werden muss, als jungen Muslimen Gefängnis anzudrohen, wenn sie sich dem IS anschließen, das hat sich inzwischen herumgesprochen. „Die Salafisten sind gute Sozialarbeiter“, sagt Cuma Ülger. „Sie wissen, was die jungen Leute suchen: Anerkennung, Halt, Heimat, Perspektive.“ Offenbar Dinge, die sie in ihren „Heimatländern“ in Europa nicht finden.

Die Präventionsprogramme setzen dagegen auf Aufklärung – und das am liebsten nicht mit wohlmeinenden deutschen oder französischen oder belgischen Sozialarbeitern, sondern mit Menschen, denen muslimische Jugendliche Glaubwürdigkeit zusprechen, denen sie vertrauen. Da sind zum Beispiel Géraldine und Olivier aus Belgien . Beide haben ihre Söhne an den IS verloren, beide Söhne sind inzwischen tot. Géraldine und Olivier engagieren sich jetzt in einer Elterninitiative, gehen durch Schulen und Jugendclubs. „Wenn wir erzählen, was unseren Söhnen passiert ist, wenn wir Bilder zeigen, dann rüttelt das mehr auf als ein theoretischer Vortrag“, sagen sie.

Oder Mourad Benchellaili aus Lyon. Er war überzeugter IS-Kämpfer, wurde gefangen genommen, kam nach Guantanamo und musste anschließend noch zwei Jahre Haft in Frankreich absitzen. Jetzt will er junge Muslime wachrütteln, damit sie nicht dieselben Fehler machen. Genauso wie Usama Hassan, ein britischer Ex-Dschihadist. Er klärt junge Muslime auf, richtet seinen Blick aber auch auf den Rest der Gesellschaft und warnt: „Der wachsende Islamhass in der Bevölkerung treibt Jugendliche in die Arme der Dschihadisten.“ Druck erzeugt Gegendruck – das schaukelt sich hoch.Prävention im Knast: Cuma Ülger (l.) und Hakan Celik, Mitglieder von Violence Prevention Network Frankfurt, beim Besuch einer Justizvollzugsanstalt. Foto: NDR/Ventana-Film

Der Themenabend hat aber noch eine interessante Dokumentation zu bieten: „ Türkei – Drehkreuz des Terrors? “ des in der Türkei geborenen deutschen Journalisten Halil Gülbeyaz, der nach der Rolle der Türkei in der Rekrutierung und der Einschleusung von Terroristen nach Europa fragt. Das Ergebnis seiner Rundreise durch die Türkei ist ernüchternd: Viele Gegenden, etwa Konya, Adiyaman und Gaziantep, wo inzwischen ein Viertel der Einwohner syrische Flüchtlinge mit einem ausgeprägten Eigenleben und einer erkennbaren „islamistischen Unterwanderung“ sind, gelten als „Hochburgen“ des IS.

„Völlig legal“ halte sich die Organisation dort auf. Anzeigen gegen Hassprediger und radikale Gruppen laufen ins Leere, Polizei und Behörden schauen weg, die Grenzen nach Syrien sind weitgehend offen für ausbildungswillige Kämpfer und ausgebildete Attentäter. „Solange der IS gegen den Hauptfeind, die Kurden, operiert, wird er geduldet“, sagt der Anwalt und Abgeordnete Attila Kart. Wer so offen spricht wie er, wird auch schon mal mit dem Tod bedroht.

Im Gegensatz zur Dokumentation „Generation Dschihad“, die ein gewisses Hoffnungspotential bietet und ein Gefühl von „Die versuchen wenigstens was“ vermittelt, lässt ein dieser Film ratlos zurück. Wer kann auf die türkische Regierung wirklich einwirken? Wie lässt sich die Situation ändern? Und die Tatsache, dass die Mehrheit der türkischen Bevölkerung genauso leidet, wenn sie ihre Kinder an den IS verliert oder sich das Alltagsleben einer Stadt in Richtung Islamismus radikalisiert, hilft da auch nicht viel weiter.