Kabel-1-Größe aus Filsum Was macht Tamme Hanken zum Quoten-König?

Von Hendrik Steinkuhl | 19.09.2015, 11:27 Uhr

 Der NDR wollte ihn nicht mehr haben, Kabel 1 nahm ihn mit Kusshand – und zum Dank brachte er ein Millionenpublikum mit. Der ostfriesische Knochenbrecher Tamme Hanken ist ein absoluter Quotengarant, und das seit Jahren. Aber warum eigentlich?

Das Bedürfnis nach Sicherheit und einer geordneten Welt wohnt allen Menschen inne, und neu ist diese Erkenntnis nicht. Was aus diesem Bedürfnis so alles entsteht und wie weit es reicht, ist allerdings den wenigsten klar. Oder wussten Sie, dass sich fast alle Arbeitnehmer eine großgewachsene und breitschultrige Führungskraft wünschen, und zwar egal ob auf dem Bau, im Büro oder in der Bibliothek?

Wir alle leben, mehr oder weniger, bewusst oder unbewusst, mit überkommenen Vorstellungen. Kraft und die entsprechende Statur vermitteln Sicherheit und beeindrucken auch in einer Zeit, in der sie evolutionär überhaupt keine Bedeutung mehr haben.

Erfolgsfaktor Körpergröße

Wundert es da noch jemanden, dass kaum ein Begriff im Zusammenhang mit Tamme Hanken so oft bei Google eingegeben wird wie „Größe“? 2,06 Meter misst der ostfriesische Knochenbrecher, 160 Kilo bringt er auf die Waage. Sieht man ihn im Fernsehen, erkennt man sofort, dass Hanken alle überragt und irgendwie auch verdrängt.

Wer sich nicht vorstellen kann, dass das einer der Gründe seines Erfolges ist, der hat auch das Phänomen Ottfried Fischer nicht verstanden. Und der übersieht, dass mit Harald Schmidt, Günther Jauch und Thomas Gottschalk  die drei bedeutendsten Fernsehmoderatoren der letzten 20 Jahre größer als 1,90 Meter sind. 

Hanken hat sich selbst beim Fernsehen beworben

Jahrelang hat der NDR Tamme Hanken als „XXL-Ostfriese“ verkauft, und das sehr erfolgreich. Irgendwann hatte der Sender aber offenbar genug von ihm und beendete die Dokusoap. Hanken ging zu Kabel 1, lange überreden musste man ihn dort sicher nicht. Denn Tamme Hanken wurde auch nicht vom Fernsehen entdeckt, er hat sich im Jahr 2007 selbst mit einem Konzept und eigenem Produzenten beim NDR aufgedrängt.  

Für Kabel 1 fährt der Ostfriese nun unter dem Titel „Tamme Hanken - Der Knochenbrecher on tour“ die besten Quoten ein, die der Sender in den letzten Jahren am Sonntagabend erreichen konnte. Konkret heißt das: knapp 1,5 Millionen Zuschauer und 5,4 Prozent Marktanteil. 

Erfolgsfaktor Unschlagbarkeit

Aber holt man diese Zahlen bei einem Sender auf den hinteren Plätzen der Fernbedienung alleine mit seiner Größe? Natürlich nicht. Was Tamme Hanken noch zum Zuschauerliebling macht, ist eine Eigenschaft, die er mit Sherlock Holmes, Dr. House und Professor Brinkmann teilt: Er löst einfach jeden Fall.

Wie erwähnt sehnen sich alle Menschen nach Sicherheit. Regelmäßige Fernsehgucker tun das noch mehr, schließlich tauschen sie jeden Abend die Unwägbarkeiten der Realität mit einer Welt, die ihnen immer wieder dieselben Gesichter und Geschichten serviert. Und wenn es doch mal anders kommt, schaltet man eben um. 

Der Knochenbrecher wird geliebt

Kann man sich nun einen Mann vorstellen, der noch mehr Sicherheit vermittelt als dieser riesige Ostfriese? Tamme Hanken hat mit seinem Standardgriff ans Hinterbein noch jedes Pferd zurechtgeruckt, und die wenigen Ausnahmen bestätigen die Regel.

Wer – in einer helfenden Tätigkeit! - immer alles richtig macht, kann sich schließlich gar nicht dagegen wehren: Er wird geliebt. Natürlich hat auch Tamme Hanken Neider, die bringt jeder Erfolg mit sich. Doch die Zahl seiner Verehrer ist immens.

Shitstorm nach Kritik an Tamme Hankens Bühnenshow

Kein Wunder also, dass ein mächtiger Shitstorm aufzog, als der Autor dieses Artikels im vergangenen Jahr schrieb, das Bühnenprogramm von Tamme Hanken werde von Sexismus und Niveaulosigkeit bestimmt.  Auf der Internetseite der Neuen Osnabrücker Zeitung und auf deren Facebook-Seite tobten viele Leser darüber vor Wut.

Der Shitstorm findet hier Erwähnung, weil er eines zeigt: Tamme Hanken löst Emotionen aus wie nur wenige andere. Es brauchte keinen Verriss seiner Fernsehshow; ein Verriss seines Bühnenprogramms, das die meisten der Tobenden kaum kennen dürften, reichte vollkommen aus.

Erfolgsfaktor Bodenständigkeit

Und während der Kritiker in Hankens Bühnen-Auftritt Sexismus, Paschatum und Niveaulosigkeit erkannte, deuteten die Anhänger des Knochenbrechers die negativen Zuschreibungen kollektiv um – und zwar in Hemdsärmeligkeit, Schnoddrigkeit und Unverstelltheit. 

Ob das zutreffend ist oder nicht, soll hier nicht zur Debatte stehen. Tatsache ist, dass Tamme Hanken neben seinem Talent eine Bodenständigkeit ausstrahlt, die eine große Zahl Menschen für ihn einnimmt. Oder anders ausgedrückt: Tamme Hanken ist dem Status nach ein Volksschauspieler - maßgeblich ergänzt um den Mythos des in seinem Fach Unantastbaren.

Tamme Hanken, der Volksschauspieler

In Norddeutschland ist die Zeit der Volksschauspieler seit dem Tod von Heidi Kabel offiziell vorbei, dabei hat der Norden ja noch immer zwei Schauspieler, die alle Voraussetzungen für den Ehrentitel erfüllen: Jan Fedder und, mit Abstand, Peter Heinrich Brix. Fedder konnte sich bereits durch seine Rolle im „Großstadtrevier“ regionalen Legendenstatus erspielen,  gemeinsam mit Peter Heinrich Brix hat er sich in „Neues aus Büttenwarder“ dann endgültig ein Denkmal gebaut.

Dass „Neues aus Büttenwarder“ im norddeutschen Klischee erstickt und von einer Komik lebt, die niemals über das Hallervorden-Niveau der 70er hinausreicht, ist nicht etwa ein lässliches Problem des Formats – es ist sein Erfolgsrezept.

Tamme Hanken reüssiert im Grunde genauso: Seine Sprache ist das norddeutsche Idiom, seine Intelligenz ist die Bauernschläue, sein Witz ist die Zote. Dass Hanken es aber als Dokusoap-Darsteller geschafft hat, diesen Status zu erreichen, ist schon sehr respektabel.

Erfolgsfaktor Pferde

Allerdings sollte man eines nicht vergessen: Würde Hanken nicht Pferde heilen , wäre sein Erfolg nicht derselbe. Gerade viele Frauen gucken den XXL-Ostfriesen, weil er ständig von ihren Lieblingstieren umgeben ist und sie auch noch gesund macht.

Wer auch das nicht glauben will, mag ja mal darüber nachdenken ob der Roman „Der Pferdeflüsterer“ auch als „Der Schweineflüsterer“ so viel Erfolg gehabt hätte.

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