„Jagdszenen aus Niederbayern“ Heimatfilm: Es geht auch kritisch

Von Tobias Sunderdiek | 02.06.2012, 05:40 Uhr

Ob „Landlust-TV“, „Deutschland, deine Dörfer“ oder „Bauer sucht Frau“: Formate über die heimatliche Scholle boomen. Doch wie steht es um den Heimatfilm? Ist er ein Relikt der Adenauer-Ära? Von wegen. Viel gescholten, aber auch innig geliebt, lebt das Genre im Fernsehen weiter. Eine DVD-Veröffentlichung ruft aber auch eine Gegenbewegung wieder in Erinnerung: den neuen kritischen Heimatfilm! Ein Genre, das der Wiederentdeckung harrt.

Ein Skandal erschütterte 1969 zuerst Landshut, dann die ganze Bundesrepublik. Ausgerechnet im tiefsten Niederbayern hatte ein Film Premiere, der all das auf den Kopf stellte, was von einem Heimatfilm erwartet wurde: Statt fescher Bauern und süßer Madeln, blauer Berge und grüner Wälder und Förster wagte es „Jagdszenen aus Niederbayern“ von Jungfilmer Peter Fleischmann, im harschen Schwarz-Weiß Gastarbeiter, Dorfhuren und die Details einer Schweineschlachtung zu zeigen.

Mehr noch: Er porträtierte das Landleben in all seiner Alltäglichkeit, Banalität und hässlichen Seite. Denn der Film zeigte auch, wie sich ein wütender, rückständiger Dorfmob gegen einen Außenseiter wendet, den etwa 20 Jahre alten Abram (Martin Speer, der auch die Theatervorlage schrieb). Der soll nämlich schwul sein. Was dem „gesunden Volksempfinden“ des streng katholischen Dorfes zuwiderläuft. Eine Hetzjagd beginnt, die in einer Katastrophe endet...

„Auf der Alm, da gibt’s koa Sünd’“ – so wollte es zumindest „Papas Kino“, das besonders in den 50er-Jahren eine Art „Aktion Saubere Leinwand“ darstellte. Doch spätestens, als in den 70ern neben einigen Ludwig-Ganghofer-Verfilmungen „Lederhosen-Sexfilme“ entstanden, war das klassische Heimatfilmgenre eigentlich tot. Zumindest im Kino.

Das „deutscheste aller Filmgenres“ hatte sich da längst gespalten. Während Nachwuchsregisseure kurzzeitig „Neue Heimatfilme“ drehten, wie etwa Volker Schlöndorff mit „Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach“ (1971), fand der traditionelle Heimatfilm spätestens ab den 80er-Jahren seine Fortsetzung im Fernsehen.

Ob mit „Schwarzwaldmädel“ (1950), „Grün ist die Heide“ (1951) oder „Die Fischerin vom Bodensee“ (1956), die bis heute zur „Kaffee-und-Kuchen-Zeit“ ausgestrahlt werden, oder als Serien wie „Schwarzwaldklinik“ (ab 1985), „Der Landarzt“ (ab 1987) oder „Ein Schloss am Wörthersee“ (ab 1990) – „Papas Kino“ rettete sich ins Fernsehen. Bis heute. Ob in Hansi-Hinterseer-Filmen („Da wo die Heimat ist“, „Da wo wir zu Hause sind“) oder als Neu-Auflage der Marianne Koch/Rudolf Prack-Schnulze „Die Landärztin“ (1958) (seit 2005 mit Christine Neubauer in Serie) – nicht selten verwandelt sich der Bildschirm in einen Heimatgroschenroman alter Schule.

Aber es gibt Ausnahmen: So zeigte Regisseur Joseph Vilsmaier im Kino mit „Herbstmilch“ (1988) und „Schlafes Bruder“ (1992) das harte Alltagsleben in den Alpen jenseits des Kitsches, während der Kölner Filmemacher Walter Bockmayer mit „Die Geierwally“ (1988) eine schräge Parodie auf das Genre vorlegte – inklusive schriller Travestienummern. Und auch Edgar Reitz verfolgte einen anderen Ansatz. Seine programmatisch betitelte Serie „Heimat“ (ab 1984), deren vierte Staffel übrigens gerade entsteht, spielt in einem fiktiven Hunsrückdorf und zeigt deutsche Geschichte aus der Sicht der kleinen Leute. Ähnlich kritisch auch Michael Hanekes in Cannes ausgezeichneter Film „Das weiße Band“ (2009), der am Vorabend des Ersten Weltkrieges eine in Angst und Repression erstarrte Dorfgemeinschaft zeigt.

Dass „Jagdszenen aus Niederbayern“ übrigens Michael Hanekes Lieblingsfilm sein soll, wundert da nicht. Denn obwohl 43 Jahre alt, wirkt er immer noch erschreckend aktuell. Was die brillante DVD-Veröffentlichung von „Kino Kontrovers“ mit ihren vielen Extras gerade angesichts der vielen Landidyllen im Fernsehen schmerzlich in Erinnerung ruft.