Gute Radiosendungen für Kinder sprechen immer auch ein älteres Publikum an Da hören auch Erwachsene zu

Von Corinna Berghahn | 16.09.2011, 11:46 Uhr

Es ist schwer geworden, Kinder für das Radio zu begeistern: Internet und Fernsehen haben in den vergangenen Jahren eine immer größere Relevanz bekommen. Jedoch gibt es auf fast allen öffentlich-rechtlichen Sendern liebevoll gemachte Sendungen, die Kinder für das Medium interessieren sollen.

Aber es gibt auch den Hessischen Rundfunk, der 2009 sein eigenproduziertes Kinderprogramm gestrichen hat und nun Sendungen des Deutschlandradios (DLR) übernimmt. „Das ist mehr als schade, denn Kinder dürfen von ihrem Sender ein eigenes Angebot erwarten. Sie sind eine wichtige Bevölkerungsgruppe – und das nicht nur im Sinne des Rundfunkstaatsvertrags“, sagt NDR-Redakteur Jörgpeter von Clarenau im Gespräch mit unserer Zeitung.

Auf NDR Info läuft das sendereigene Kinderprogramm „Mikado“ sonntags von 8.05 bis 9 Uhr und von 14.05 bis 15 Uhr. Angesprochen werden Sieben- bis 13-Jährige. Stolz ist von Clarenau auf die samstags um 11.40, 14.40 und 17.40 Uhr ausgestrahlten Kindernachrichten. Ob Finanzkrise oder Libyen: Hier wird in wenigen Minuten darüber gesprochen, was in der Woche wichtig war.

Redakteure gehen dafür in Schulen in Norddeutschland und sammeln O-Töne von Kindern, die die jeweilige Nachricht dann anteasern. Auch die Hörspiele werden von Schülern eingeführt. „Es wird viel für ,Mikado‘ gereist, aber damit decken wir eben auch unser Sendegebiet ab – und schaffen es, Kinder für das Radio zu interessieren.“

Ein ähnliches Konzept hat auch WDR 5: die täglich hier von 14.05 bis 15 Uhr laufende Sendung „Lilipuz“ für Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren. Hier gehen die Redakteure in Schulen in Nordrhein-Westfalen und veranstalten mit Schülern eine Radiowerkstatt. „Lilipuz macht Schule“ heißt die Sendung, die dann donnerstags gesendet wird und die den Kindern sowohl das Radiomachen nahebringen, aber auch potenzielle neue Hörer ansprechen soll. Und das durchaus mit Erfolg: „Durch die Projekte erreichen wir auch Kinder, die aus radiofernen Haushalten kommen – und die bleiben uns zu 50 Prozent auch erhalten“, berichtet „Lilipuz“-Redakteurin Ulla Illerhaus im Gespräch.

Genaue Zahlen gibt es für die Kindersendungen jedoch nicht, weil die von der Media Analyse veröffentlichten Radio-Quoten Hörer unter zehn Jahren ausschließen. Durch eigene Befragungen der Schüler und auch über die Reaktionen der Kinder, die während der Sendungen anrufen, bekomme man jedoch ein gewisses Bild, so Illerhaus und von Clarenau.

„In der Zeit, in der wir gesendet werden, haben wir zudem keine Einbrüche im Vergleich zu den uns umgebenden Sendungen auf WDR 5“, sagt Illerhaus. Sprich: Auch Erwachsene scheinen zuzuhören, wenn den Kleinen die Welt erklärt wird.

„Gute Sendungen für Kinder sind immer auch Sendungen für Erwachsene“, findet auch Claudia König-Suckel im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Redakteurin betreut die Sendung „Kakadu“, die montags bis samstags von 13.30 bis 14 Uhr und sonntags von 7.30 bis 8 Uhr und 14.05 bis 15 Uhr auf DLR läuft und für Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren gedacht ist.

„Indem wir uns bemühen, komplizierte politische und kulturelle Probleme zu erklären, müssen wir die Sachverhalte manchmal vereinfachen, ohne zu verfälschen. Das wird auch von erwachsenen Zuhörern dankbar angenommen.“ Man könnte also von einem „Sendung mit der Maus“-Effekt reden, denn auch die wird gerne von Erwachsenen geschaut.

„Rätsel, Talkstrecken, Features, Nachrichten, Charts, Comedy: Alles, was es im Radio für Erwachsene gibt, gibt es auch im Radio für Kinder“, stellt zudem Illerhaus fest. „Unser Programm ist dabei genauso hochwertig produziert wie das Programm für Erwachsene“, betont sowohl sie wie auch König-Suckel und von Clarenau.

Ein Knackpunkt ist jedoch die jeweilige Sendezeit. Als die Schule noch mittags endete, konnten Kinder mühelos „Kakadu“ und „Lilipuz“ hören. Heute jedoch gehen viele Kinder in die Ganztagsschule. Und da sind Sendezeiten zwischen 13 und 15 Uhr nicht ideal.

„Andere Sendeplätze am Nachmittag zu bekommen ist jedoch sehr schwer“, bedauert Illerhaus. Jedoch habe WDR 5 mit dem Internetangebot des online aufrufbaren Kinderradiokanals, „Kiraka“ genannt, Abhilfe geschaffen. Beim DLR hofft König-Suckel hingegen noch darauf, dass „Kakadu“ auch als Pod-Cast abrufbar ist.

Trotzdem verfügen beide Sender über ein tägliches eigenes Kinderprogramm – anders als NDR Info: Hier läuft allabendlich nur die vom RBB übernommene zehnminütige Sendung „Ohrenbär“. Von Clarenau lässt durchblicken, dass er von einem täglichen „Mikado“ träumt: „Kinder lieben Rituale. Tägliche Sendungen binden.“

Aber muss sich der NDR-Redakteur Sorgen vor hessischen Verhältnissen machen? „Nein, die Sendeverantwortlichen des NDR wissen, was sie an uns haben“, ist er sich sicher.