Gut genug für Hollywood ZDF zeigt britischen Mehrteiler „Broadchurch“

Von Harald Keller | 25.04.2015, 11:30 Uhr

Mit „Broadchurch“ zeigt das ZDF ab Sonntag einen britischen Mehrteiler mit Premiumqualität. In den USA entstand bereits ein Remake. Kein Sonderfall. Auch andere US-Serienformate stammen ursprünglich aus dem Ausland.

 Broadchurch ist ein kleiner Küstenort, der vom Tourismus lebt. Man kennt sich hier, eine lange Einstellung zu Beginn macht das deutlich: Die Kamera begleitet Mark Latimer (Andrew Buchan) bei einem morgendlichen Gang über die Hauptstraße. Er grüßt hier, wechselt da ein paar Worte, gibt beim Lokalblatt sein Inserat ab, klettert schließlich auf den Beifahrersitz seines Firmenwagens, der von seinem Angestellten gesteuert wird. Der so brillant skizzierte Zusammenhalt der Gemeinde wird schwer erschüttert, als man am Strand die Leiche eines Elfjährigen findet – Marks Sohn.

Acht Folgen lang arbeiten der angeschlagene Alec Hardy (David Tennant) und seine örtliche Kollegin Ellie Miller (Olivia Coleman) an diesem einen Fall. Die Autoren erzählen zugleich, wie sich das Geschehen auf die Gemeinschaft auswirkt, von Trauer, Verunsicherung, Reizbarkeit, von Misstrauen und Verdächtigungen bis hin zu Ansätzen von Selbstjustiz. Die Spannung bleibt bis zum Ende gewahrt, gefördert durch Andeutungen wie löcherige Alibis, erkennbare Halbwahrheiten, eilig gelöschte E-Mails.Nicht zuletzt verdankt sich die Wirkung der eindringlichen, bisweilen verstörenden Inszenierung und der dräuenden Filmmusik des Isländers Ólafur Arnalds.

Deutschen Zuschauern werden einige Motive bekannt vorkommen. Der im Februar ausgestrahlte ZDF-Zweiteiler „Tod eines Mädchens“ wies markante Übereinstimmungen auf, ohne dass Chris Chibnall als Ideengeber ausgewiesen wurde. Anders als in den USA, wo selbst bei sehr freien Bearbeitungen ausländischer Serienstoffe wie beispielsweise der skandinavisch-deutschen Koproduktion „Die Brücke – Transit in den Tod“ immer der Originalurheber genannt wird, herrscht in Deutschland diesbezüglich eine gewisse Nonchalance – bei „Stromberg“, im Original „The Office“ , ebenso wie bei „Letzte Spur Berlin“ („Without a Trace“), der ARD-Serie „Rentnercops“ („New Tricks“) und anderen.

Dem ersten Blick nach wird derzeit die Machart von TV-Serien in den USA definiert. Eine Folge der dortigen Marktsituation. Vordem bestand das Angebot der weitverbreiteten Abo-Kanäle und Streaming-Dienste vorwiegend aus Wiederholungen populärer Serien der vier großen, frei empfangbaren Sendergemeinschaften ABC, CBS, NBC, Fox. Doch die Nachfrage lässt nach, zumal die Netzwerksender inzwischen ihrerseits viele Titel frei ins Netz stellen.

Deshalb wächst die Zahl der Eigenproduktionen. Doch nicht jede US-Serie, die auf deutsche Bildschirme gelangt, wurde dort erdacht. Mit Blick auf den hispanischen Anteil der Bevölkerung werden immer häufiger lateinamerikanische Serien adaptiert. „Devious Maids“, in Deutschland von Pro Sieben ausgestrahlt, basiert auf einer mexikanischen Telenovela, „Ugly Betty“ entstand in Kolumbien.

Auch anderswo finden sich attraktive Serien. Israel exportierte die Vorlagen zu „In Treatment“ und „Homeland“. Derzeit zeigt Sat1 die Krimiserie „Detective Laura Diamond“, deren Konzept aus Spanien stammt. Produzent und Regisseur McG erhöhte gegenüber der Urfassung das Tempo, mit verschärftem Wortwitz verulken die Autoren insbesondere die Marotten der New Yorker, indem sie deren Besessenheit von Glanz und Glamour mit dem Alltag der alleinerziehenden, berufstätigen Titelheldin (Debra Messing) kontrastieren.

Bereits Tradition hat der Einkauf britischer Stoffe. Dem dortigen öffentlich-rechtlichen Fernsehen verdanken die USA ihre 70er-Jahre-Kultserie „All In The Family“. Im Herkunftsland hieß sie „Till Death Us Do Part“, in der Bundesrepublik adaptiert als „Ein Herz und eine Seele“ . Andere britische TV-Klassiker wurden und werden wiederbelebt. „The Tomorrow People“ hatte 1973 Premiere, 1992 schufen die Briten eine Neuauflage, 2013 folgte das Remake in den USA (in Deutschland bei Sixx).

Durch geschickte Öffentlichkeitsarbeit fand „House of Cards“ beträchtliche Aufmerksamkeit – die US-Version, die freilich auf einem britischen Mehrteiler aus dem Jahr 1990 beruht. Zentrale Handlungselemente blieben erhalten, mit einer markanten Ausnahme: Schon in der ersten Sequenz verraten die US-Autoren den wahren Charakter Francis Underwoods (Kevin Spacey), während in der Vorlage die Abgründe im Wesen des Fraktionschefs, der dort Urquhart (Ian Richardson) heißt, erst nach und nach enthüllt werden. Was die Erzählung deutlich spannender macht.

Mehrteiler – inzwischen kursiert auch in Deutschland der englische Begriff Miniserie – wie „House of Cards“ sind in Großbritannien geläufig, während in den USA die Staffeln üblicherweise mehr als zehn Folgen umfassen. Der US-Version von „House of Cards“ ist durchaus anzumerken, dass der Stoff gestreckt werden musste.

Anders verhält es sich mit dem Krimimehrteiler „Broadchurch“. Unter dem Titel „Gracepoint“ wurde die preisgekrönte Produktion in den USA neu verfilmt und hatte dort zwei Episoden mehr, die allerdings vom Serienschöpfer Chris Chibnall, der das Projekt seit 2002 verfolgt, von vornherein geplant waren. „Gracepoint“ folgt anfangs detailgetreu dem Original, löst sich dann von der Vorlage und übernimmt erst wieder die Schlusseinstellung.

Eine Besonderheit der Adaption: Der britische Charakterschauspieler David Tennant ist Hauptdarsteller beider Versionen. Keine Selbstverständlichkeit. Tennant musste wie alle anderen für die Rolle vorsprechen, legte sich eigens einen US-Akzent zu – und überzeugte auf Anhieb.

Ähnliches gelang zuvor dem Kollegen Mark Strong, der in dem britischen Zweiteiler „Low Winter Sun“ wie in der US-Fassung (ZDFneo) dieselbe Figur verkörperte.

Broadchurch, ZDF, ab Sonntag, 26.4., 22.00 Uhr, je zwei Folgen, auch auf DVD und als Roman zur Serie erhältlich.