Glänzender Auftritt Francis Fulton-Smith als Strauß in „Die Spiegel-Affäre“

Von Stefanie Backs | 01.05.2014, 17:15 Uhr

„Die Spiegel-Affäre“ – ein historischer Politthriller, ausgelöst durch den Machtkampf zwischen „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein und Verteidigungsminister Franz Josef Strauß. Und nun ein sehenswerter Film mit einem überragenden Francis Fulton-Smith. Wir sprachen mit dem Münchner Schauspieler über Strauß, Schubladen und Schlüssel zum Charakterfach.

 Fulton-Smith spielt Strauß. Ein Schauspieler, der bislang vor allem durch gefühlige Schmonzetten auffiel („Familie Dr. Kleist“, „Afrika im Herzen“, „Rosamunde Pilcher“), soll nun das bayerische Urviech, den wortgewaltigen CSU-Hardliner spielen? Jenen Ausnahmepolitiker, der die Nation spaltete, den die einen über seinen Tod hinaus hassen und die anderen verehren? Groß ist die Skepsis. Kann er das? Die Überraschung: Ja, er kann. Und wie! Unter der Regie von Roland Suso Richter zeigt Fulton-Smith in „Die Spiegel-Affäre“ , dass er weit mehr drauf hat.

„Soweit mir bekannt, bin ich der Schauspieler, der zum ersten Mal Strauß fiktional spielen durfte“, sagt der in München geborene Fulton-Smith. „Das ist eine große Herausforderung – auch künstlerisch. Wie nähert man sich so einer Legende ohne dass es peinlich wird? Das war ein langer Prozess, denn es ging mir nicht darum, eine Karikatur von Strauß abzuliefern.“

Lange Vorbereitung

Rund ein halbes Jahr lang hat sich der 48-Jährige auf diese Rolle vorbereitet. Er nahm 20 Kilo zu, verbrachte Wochen und Monate im Archiv des Bayerischen Rundfunks und sichtete altes Filmmaterial. „Das Abenteuer war für mich, den Film zu drehen und mich in einer ganz besonderen Art und Weise mit Franz Josef Strauß auseinandersetzen zu dürfen. Das kann mir keiner mehr nehmen.“

Fulton-Smith erzählt, er sei in Bayern zu einer Zeit aufgewachsen, als Strauß Ministerpräsident war: „Das hat mich natürlich geprägt. Mein Elternhaus war sozialliberal eingestellt. Wir haben zu Hause immer offen über politische Themen diskutiert, und der ,Spiegel‘ lag auch immer rum.“

Gut könne er sich heute noch an die „Stoppt Strauß“-Plakette erinnern. „Die wollte ich lieber nicht tragen, weil ich Abitur machen und keine Schwierigkeiten riskieren wollte“, verrät er schmunzelnd. 1980 war tatsächlich eine Gymnasiastin wegen dieses Ansteckers von ihrer Schule in Regensburg geflogen.

„Strauß ist eine wunderbare Figur: polarisierend, schillernd, umstritten, genial, und er ist für Bayern enorm wichtig gewesen. Diese Diskrepanz fand und finde ich immer noch sehr spannend“, sagt Fulton-Smith. „Mir war es sehr wichtig, Strauß auch verletzlich zu zeigen.“ Schließlich gebe es viele Hinweise darauf, „dass er in seinen Reden einerseits die Massen begeistert und andererseits im nächsten Moment heulend daheim steht und sagt: ,Ich pack’s nicht mehr!‘“.

Es ist sicherlich eine Stärke des Films, dass die Wesenszüge der Protagonisten facettenreich gezeichnet sind, ohne dabei die Geschichte zu übertönen – und ohne dabei Partei zu ergreifen. In knapp 100 Minuten erzählt „Die Spiegel-Affäre“ fiktional, wie es zu jener verhängnisvollen Aktion am 26. Oktober 1962 kam, bei der die Redaktion des Nachrichtenmagazins in Hamburg auf Strauß’ Geheiß von der Bundesstaatsanwaltschaft durchsucht wurde und sieben Mitarbeiter inklusive des Herausgebers Rudolf Augstein wegen Landesverrats in Haft kamen. Ein Ereignis, welches das politische Bewusstsein der noch jungen Bundesrepublik aufrüttelte und den Ruf nach Pressefreiheit stärkte.

„Die Redaktion des ,Spiegels‘ zu besetzen war natürlich ein absolutes Unding“, sagt Fulton-Smith. „Der daraus folgende Aufschrei in der Bevölkerung war nur logisch und richtig. Aber es ist dennoch interessant zu sehen, wie weit unter der Gürtellinie auch Augstein gearbeitet hat und wie polemisch und verletzend er gegen Strauß vorgegangen ist.“

Nach einer bierseligen Gesprächsrunde mit dem damaligen Verteidigungsminister und Kanzleraspiranten verkündet Sebastian Rudolph als Augstein, man werde die gesamte Schlagkraft des „Spiegels“ an diesem Mann erproben. Der Journalist ist entsetzt über die Rüstungspläne Strauß’, der in Anbetracht der weltpolitischen Lage das Heil in der atomaren Aufrüstung sieht. „Dieser Mann ist gefährlich, er darf niemals Kanzler werden. Wir werden Strauß verhindern“, lautet die Parole. Dieser setzt sich mit Klagen und politischem Kalkül zu Wehr – auch jenseits des Erlaubten, was Strauß letztlich zu Fall bringt.

„Beide, Augstein und Strauß, waren zwei Alpha-Tiere, die sich einander nichts geschenkt haben“, meint Fulton-Smith. „Beide haben mit aller Macht alles in die Schlacht geworfen, was ihnen zur Verfügung stand. Da kommt man an einen Punkt zu fragen: Heiligt der Zweck wirklich die Mittel – auch wenn man vermeintlich recht hat? Ich finde, das hat auch heute noch eine hohe Relevanz und Aktualität.“

„Mehrere Schubladen“

Für ihn selbst könnte der Film ebenfalls eine besondere Relevanz haben. Der Startschuss zum Charakterdarsteller? „Die Frage ist berechtigt“, antwortet Fulton-Smith. „Natürlich gibt es den Wunsch, andere Rollenprofile zu spielen. Aber solche Projekte kommen nicht einfach mal eben so vorbei.“

Dass er bislang mehr in der seichteren Fernsehunterhaltung verortet wird, ärgere ihn zwar nicht. Es gebe offensichtlich ein starkes Bedürfnis danach, Schauspieler in Schubladen einzuordnen. „Auch ich habe Schubladen, aber bitte gestehen Sie es mir zu, dass mein Schrank mehrere hat“, sagt er lächelnd.

„Ich finde es weder schlecht noch verwerflich, wenn man Sachen macht, die erfolgreich konsumiert werden un dich bin immer so authentisch wie möglich“, sagt Fulton-Smith über seine bisherigen TV-Rollen. „Ich verdanke ihnen auch sehr viel, weil ich dadurch eine breitere Wahrnehmung bekommen habe. Solange es mutige Menschen in einem Sender gibt, die, wie in diesem Fall, entscheiden, jetzt mal jemanden für eine Rolle zu besetzen, mit dem keiner gerechnet hat, bleibt es spannend.“

Die Spiegel-Affäre“, Freitag, 2. Mai, 20.15 Uhr, Arte und Mittwoch, 7. Mai, 20.15 Uhr, ARD, anschließend „Bedingt abwehrbereit“, eine Dokumentation zu den Hintergründen der „Spiegel-Affäre“ (21.45 Uhr).