Geschichte der Radioaktivität Arte-Doku: „Uran und Mensch“ von Derek Muller

Von Hendrik Steinkuhl | 30.07.2015, 19:00 Uhr

Der Physiker Derek Muller zeigt mit „Uran und Mensch – ein gespaltenes Verhältnis“ (Arte, Freitag, 31. Juli, 22.00 Uhr) Wissenschaftsfernsehen zum Niederknien. Noch nie wurde die Geschichte der Radioaktivität besser erzählt als in dieser zweiteiligen australischen Dokumentation.

Den Atomkern mit seinen Protonen und Neutronen rein virtuell aus lauter weißen und roten Kugeln zu formen und über einem Billardtisch mit lauter weißen und roten Kugeln anzuordnen, ist sicher keine Idee, die Brillanz voraussetzt. Aber famos ist sie trotzdem. Und wie Derek Muller dann über Wasserstoff und Helium zum Uran gelangt, wie er mit authentischer Begeisterung sagt: „Das ist der größte Nukleus der Welt, so groß, dass es in ihm rumort“ und dann Ernest Rutherfords Erkenntnis über die ionisierende Strahlung des Urans erklärt – so vermittelt man im Jahr 2015 Wissenschaft im Fernsehen.

Im Zeichen der nuklearen Katastrophe

Am 6. und 9. August jähren sich die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki zum 70. Mal. Arte widmet dem Jahrestag einen Programmschwerpunkt, vor allem der 4. August steht im Zeichen der nuklearen Katastrophe, die das Ende des Zweiten Weltkriegs markierte. Den wissenschaftlichen Hintergrund liefert der Sender bereits an diesem Freitag. Um 22.00 Uhr beginnt der erste Teil von „Uran und Mensch – ein gespaltenes Verhältnis“ , direkt im Anschluss um 22.55 Uhr folgt dann Teil zwei. Der promovierte australische Physiker Derek Muller erzählt in knapp 100 Minuten, wie aus dem noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts weitgehend unbekannten Metall Uran der Stoff wurde, der die Welt in den kommenden Jahrzehnten verändern sollte. Mullers Aufforderung „Gehen Sie mit mir auf die Suche nach dem begehrtesten und meist gehassten Metall der Erde“ trifft vollkommen zu.

Auf Youtube bereits ein Star

Dass die Suche auch nach 100 Minuten keine einzige Sekunde langweilt, liegt an Muller selbst. Der 32-Jährige ist ein ungemein sympathischer Wissensvermittler; er hat die nötige Begeisterung für die (spaltbare) Materie, wird trotzdem nie zu euphorisch und erst recht nicht professoral. Derek Muller hat so gar nichts von der Verklemmtheit, die sein deutsches Pendant Ranga Yogeshwar auszeichnet. Man denkt mit Grauen daran zurück, wie Yogeshwar mal bei Reinhold Beckmann einen jüdischen Witz erzählte , der so lustig war wie eine Doppelstunde Quantenphysik.

In Australien und vor allem auf Youtube ist Derek Muller bereits ein Star. Sein Videokanal „Veritasium“ hat fast drei Millionen Abonnenten und sorgt regelmäßig für Aufsehen. Erst Mitte Juli verbreiteten Fernsehsender und Internetmedien weltweit das Video vom fliegenden Basketball; mit ein wenig Drall aus großer Höhe fallengelassen, fängt der Ball dank des sogenannten Magnus-Effekts irgendwann an, parallel zum Erdboden zu segeln. Mullers große Leistung ist es, diese unterhaltsame Art der Wissensvermittlung nun auf einer Länge von 100 Minuten gebracht zu haben. Und das ganz ohne Peinlichkeiten. Im tschechischen Joachimsthal, das einst Marie Curie die Pechblende lieferte, aus der sie Uran extrahierte, setzt sich Muller in ein Bad mit niedrigem Radiumgehalt (und wohl deutlich höherem Radonanteil). Er zeigt, dass dieses radioaktive Zerfallsprodukt von Uran auch heute noch medizinisch eingesetzt wird – aber eben nur in ganz niedrigen Dosen. Der halb nackte Forscher wirkt nicht albern, sondern nur erfolgreich darum bemüht, die Ambivalenz des Urans deutlich zu machen.

Ständiger Begleiter auf Mullers Reise ist ein Geigerzähler. Immer wieder packt er ihn aus, und das völlig zu Recht, denn radioaktive Strahlung ist nun einmal lebensgefährlich und dabei unsichtbar, deshalb verbreitet sie seit Jahrzehnten so große Angst.

Besuch in Tschernobyl

Und war es nicht sogar so, dass nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl so mancher hiesiger Umweltbewegter in Mullers Heimat Australien auswanderte, weil er in Deutschland den nahenden Strahlentod fürchtete? Ein Interview mit einem dieser Panikmacher hätte der Dokumentation natürlich die Krone aufgesetzt, doch auch so ist sie grandios. Einen erheblichen Anteil daran hat Mullers Besuch in genau diesem Tschernobyl. Der Journalist nimmt sich viel Zeit, um den Reaktorunfall und dessen Folgen zu erklären; und wie die Kamera die Trostlosigkeit des Sperrgebietes einfängt, ist einfach nur großartig.

Dem deutschen Publikum bleibt nur zu wünschen, dass Arte auch in Zukunft Dokumentationen von Derek Muller zeigt. Denn selbst, wenn die ARD Ranga Yogeshwar oder – der Herr möge es verhüten – Vince Ebert mit großzügigen Produktionsmitteln ausstatten würde: Das Ergebnis wäre in jedem Fall schlechter.

 „Uran und Mensch – ein gespaltenes Verhältnis“, Arte, Freitag, 31. Juli, 22.00 Uhr.