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„Geschenke zwischen Buchdeckeln“ Warum so viele Krimireihen von ARD und ZDF auf Romanvorlagen basieren

Von Tilmann P. Gangloff | 22.07.2017, 09:00 Uhr

Ob die „Donna Leon“-Krimis, „Kommissar Dupin“ oder „Allmen“: Das Fernsehen bedient sich für Krimireihen gerne bei literarischen Vorlagen.

Hollywood-Regisseur Billy Wilder ist mal gefragt worden, was man für einen guten Film brauche. Drei Dinge, soll er geantwortet haben: „ein gutes Buch, ein gutes Buch, ein gutes Buch.“ Er meinte damit zwar Drehbücher, aber er hätte sich genauso gut auf Romane beziehen können, schließlich basieren einige der größten Filmerfolge auf Klassikern der Weltliteratur. Auch das Fernsehen bedient sich gern bei literarischen Vorlagen, vor allem bei Krimireihen. Heute Abend wiederholt die ARD zwei sehenswerte Venedig-Krimis mit Uwe Kockisch als Commissario Brunetti, „Tierische Profite“ (20.15 Uhr) und „Auf Treu und Glauben“ (21.45 Uhr), am nächsten Samstag folgen „Das goldene Ei“ und „Reiches Erbe“. Da die Reihe den Titel „Donna Leon“ trägt, wissen die meisten Zuschauer vermutlich, dass die Filme auf Romanen aus dem Diogenes-Verlag basieren. Dass die Titelhelden diverser anderer Donnerstagskrimis im „Ersten“, von „Kommissar Dupin“ über „Zorn“ bis „Allmen“, ebenfalls Romanfiguren sind, dürfte hingegen weniger bekannt sein. Auch ZDF-Reihen wie „Neben der Spur“, „Hattinger“ oder „Dengler“ haben literarische Vorlagen. Aus Sicht der Sender sprechen gleich zwei gute Gründe für solche Adaptionen: Der Zuschauer, erläutert ZDF-Fernsehfilmchef Reinhold Elschot, „will Verlässlichkeit. Hat er die Erfahrung gemacht, dass er von einer bestimmten Reihe spannende Unterhaltung erwarten kann, schaltet er gern wieder ein. Und natürlich bringen viele Bücher ihren guten Ruf und ihren Erfolg mit.“ Die Taunus-Krimis von Nele Neuhaus zum Beispiel – das ZDF wiederholt Montag und Mittwoch den ebenso packenden wie grausigen Zweiteiler „Böser Wolf“ – sind regelmäßig Bestseller: „Für diese Bücher ist schon viel Werbung gemacht worden, was uns natürlich zugute kommt.“

Ähnlich äußert sich auch Jutta Lieck-Klenke. Die Chefin der ZDF-Produktionstochter Network Movie ist unter anderem für „Neben der Spur“ verantwortlich. Die Vorlagen für die im Goldmann-Verlag erschienenen Krimis mit dem Hamburger Psychiater Joe Jessen stammen vom Australier Michael Robotham und spielen in England. Aber hätte man nicht einen deutschen Drehbuchautor beauftragen können, sich ähnliche Geschichten auszudenken? So einfach sei das nicht, erklärt die Produzentin: „Ein Drehbuch ist eine Handarbeit von äußerster Präzision, bei der die Ausdifferenzierung der Charaktere manchmal zu kurz kommt.“ Protagonisten wie Joe Jessen sowie Bella Block oder Robert Anders („Der Kommissar und das Meer“), beide ursprünglich ebenfalls Romanfiguren, seien daher „ein Geschenk zwischen zwei Buchdeckeln. Daher lohnt sich all‘ die Mühe.“

Lieck-Klenke spielt darauf an, dass Romanadaptionen auch gewisse Risiken bergen; und sie machen mehr Arbeit. Nicht jedes Buch lässt sich ohne weiteres ins Fernsehen transferieren, denn ein Roman, räumt Schwingel ein, „gehorcht natürlich anderen dramaturgischen Gesetzmäßigkeiten als ein Film.“ Eine Buchreihe müsse „schon sehr überzeugend sein, damit man diese Herausforderungen in Kauf nimmt“; er spricht sogar von „Fluch und Segen“. Der Adaptionsprozess gehört dabei vermutlich eher in die Abteilung Fluch. Oft eigneten sich ausgerechnet jene Passagen, die viele Leser lieben, am allerwenigsten für die Verfilmung: „Je literarischer die Vorlage, desto schwieriger die Adaption.“ Als Beispiel führt er die „Allmen“-Romane von Martin Suter an (Diogenes). Die Bücher böten „eine Hauptfigur, wie es sie im deutschen Fernsehen noch nicht gegeben hat“: Allmen ist kein Kommissar, sondern ein bankrotter Millionär und Hochstapler, der eher zufällig zum Detektiv wird. Die Adaption sei jedoch nicht leicht gewesen, „weil Suter keine Krimiplots im klassischen Sinn erzählt. Trotzdem war es uns wichtig, den Büchern treu zu bleiben. Die Seele der Romane sollte auf keinen Fall verloren gehen.“ Die beiden im Frühjahr ausgestrahlten Komödien mit Heino Ferch waren vor allem dank der famosen Dialoge von Drehbuchautor Martin Rauhaus mindestens so unterhaltsam wie die Bücher des Erfolgsautors.

Allerdings muss man erst mal die Rechte bekommen. Als Produzent Mathias Lösel (Filmpool Fiction) 2012 in einer Buchhandlung Jean-Luc Bannalecs kurz zuvor erschienenen Roman „Bretonische Verhältnisse – Ein Fall für Kommissar Dupin“ (Kiepenheuer & Witsch) entdeckte, weckte die Lektüre prompt Erinnerungen an seine Jugend als Austauschschüler in der Bretagne (erste Liebe inklusive). Er wollte umgehend die Filmrechte kaufen, musste aber feststellen, dass andere Produzenten die gleiche Idee hatten. Weil er besonders hartnäckig blieb, meldete sich schließlich der Autor persönlich. Daraus wurde eine zweistündige Unterhaltung über die gemeinsame Liebe zur Bretagne; kurz drauf bekam Lösel die Rechte. Die Adaption der Romane erfordere „einen Spagat zwischen Werktreue auf der einen und den Erwartungen des Senders auf der anderen Seite.“ Viele Elemente ließen sich nicht eins zu eins transferieren, „und das gilt nicht nur für die Passagen, die sich im Kopf der Hauptfigur abspielen, sondern auch für seitenlange Beschreibungen von Landschaften, Speisen oder geschichtlichen Hintergründen. Also müssen wir versuchen, die Atmosphäre in entsprechenden Bildern einzufangen.“ Wie die meisten Romanautoren hat Bannalec offenbar Verständnis für die speziellen Anforderungen einer Verfilmung; von seinem Mitspracherecht hat er jedenfalls noch keinen Gebrauch gemacht.

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