TV-Programm heute Abend Frauen, Fleisch, fremdes Land: "Der Club der singenden Metzger"

Von Joachim Schmitz | 27.12.2019, 07:00 Uhr

Die ARD zeigt heute Abend die zweiteilige Literaturverfilmung "Der Club der singenden Metzger" - eine Auswanderer-Saga aus einer Zeit, in der Deutsche noch als Wirtschaftsflüchtlinge das Land in Richtung USA verließen. Jonas Nay spielt nicht nur die Hauptrolle - er komponierte und spielte auch die Filmmusik.

„Johannes war mein Freund. Vier Jahre Seite an Seite in diesem verfluchten Krieg.“ Und dann stirbt er. Im Schützengraben. In den Armen seines Freundes Fidelis Waldvogel, der ihm im letzten Moment seines Lebens ein Versprechen abnimmt: Johannes‘ schwangere Verlobte Eva soll mit dem Kind nicht allein bleiben. Also heiratet Fidelis die Frau seines besten Freundes. Obwohl die Zukunft des Kriegsheimkehrers alles andere als gesichert ist.

Deutschland, dieses Land, in dem heute so viele Menschen Flüchtlinge aus anderen Ländern skeptisch beäugen, war nach dem Ersten Weltkrieg ein Land, das man aus vielerlei Gründen verlassen konnte. Auch für den jungen Schwaben Fidelis Waldvogel: „Er findet keinen Platz mehr in seiner Familie, in einer Metzgersdynastie, und hat ansonsten auch nicht viel Perspektiven, Geld zu verdienen und sich ein Leben aufzubauen,“ sagt Waldvogel-Darsteller Jonas Nay (29) im Gespräch mit unserer Redaktion. „Seine letzte Ausfahrt ist: Emigrieren.“ (Hier gibt es das vollständige Interview mit Jonas Nay)

Anwerber, heute würde man sie wohl Schlepper nennen, machen den Menschen die Überfahrt nach Amerika schmackhaft: „Jeder kann sich jeden Tag Fleisch leisten. Jeder Tag ist ein Sonntag.“ Was kann es Besseres geben für einen Metzger wie Fidelis Waldvogel? Also packt er seine Sachen und geht aufs Schiff. Im Gepäck: Die Messer seines Vaters und das geheime Wurstrezept der Familie. Frau und Kind will er nachholen. Sein Budget reicht bis ins Westernstädtchen Argus in North Dakota.

Parallel erzählt die Verfilmung des Romans von Louise Erdrich die Geschichte der Hamburger Zirkusartistin Delphine (Aylin Tezel). Auch sie zieht es in die neue Welt, zusammen mit ihrem alkoholkranken Vater, dem Clown Robert (Sylvester Groth) wandert sie aus. Und landet in Argus. Wo sich ihre Wege mit denen der Waldvogels kreuzen. Doris Dörrie und Ruth Stadler haben den Roman in ein Drehbuch umgearbeitet.

Für Jonas Nay ist dieser Zweiteiler ein ganz besonderer Film. Nicht nur, dass er die Hauptrolle spielt – der 29-Jährige schrieb zusammen mit seinem Schulfreund und Bandkollegen David Grabowski auch die Filmmusik. Eine höchst seltene Konstellation.

„Ich hatte während der Dreharbeiten mitbekommen, dass unser Regisseur Uli Edel nicht vollends glücklich mit den Layouts war, die er so hatte. Er wollte gerne eine Musik haben, die sich mit fortschreitender Handlung immer mehr amerikanisiert – genauso wie die Charaktere,“ erzählt Nay. „David Grabowski hatte damals eine Filmmusik für einen ZDF-Herzkino-Film gemacht, der am Yukon spielte. Wir hatten also schon ganz viele amerikanische Elemente wie Blues Grass, Banjo und Fiddle, die ich Uli Edel während des Drehs immer wieder unkommentiert und mehr aus Spaß gezeigt habe.“ Der Regisseur biss an und sagte: „Das ist wirklich super.“

Irgendwann hatten die beiden es durchkomponiert und dann gab’s einen nach den Worten von Nay magischen Moment: „Wir hatten uns ein Streichquintett von der Hamburger Musikhochschule zusammengestellt, sind mit denen ins Studio gegangen und haben diese Streicher aufgenommen. Es gab eine Dixieband, einen tollen Klarinettisten und einen der besten deutschen Mundharmonika-Spieler, das war einfach toll.“ (Hier gibt's das komplette Interview mit Jonas Nay)

Dabei hätte Nay um ein Haar nicht einmal die Rolle des Fidelis Waldvogel bekommen. Denn der ist Schwabe, das sollte man auch im Film hören. Für Jonas Nay als Lübecker aber ist das Schwäbische fast wie eine Fremdsprache: „Ich habe gesagt: Gebt mir eine Chance. Ich kenne aus Hamburg eine Opernsängerin, die Schwäbisch spricht, die habe ich gefragt, ob sie mir schon fürs Casting Szenen beibringt.“

Schwäbisch habe er dann gelernt wie eine Fremdsprache, berichtet Jonas Nay. „Wie jemand, der auf Englisch singt, obwohl er‘s nicht versteht“. Franziska Aigner, die Casterin, ist selbst Schwäbin, das sei für ihn die Feuerprobe gewesen: „Offenbar habe ich sie überzeugt.“ Während der Dreharbeiten war er dann mit Gabriele Rossmanith, der Opernsängerin, immer per WhatsApp verbunden für den Fall, dass sich eine Szene ändert oder er improvisieren muss.

Für Jonas Nay hat der Film durchaus das Potenzial, den Blick des Publikums auf Wirtschaftsflüchtlinge zu verändern: „Er bietet die Chance, mit einem Deutschen aus dieser Zeit auf seiner Suche nach einer neuen Heimat, einem neuen Zuhause eine empathische Verbindung einzugehen. Vielleicht gibt das den Zuschauern noch mal eine neue Perspektive – nicht nur auf die Menschen, die gerade als Einwanderer zu uns kommen, sondern auch darauf, dass vielleicht in ein paar Jahren wir wieder diejenigen sein könnten, die irgendwohin flüchten wollen.“

North Dakota allerdings hat der Schauspieler bis heute nicht mit eigenen Augen gesehen: „Die Karl-May-Kulisse haben wir in und um Split, im Süden von Kroatien gedreht. Die Westernstadt wurde hingegen in der Umgebung von Zagreb auf einem Feld eigens für uns als Kulisse aufgebaut. Das war wirklich unglaublich. Also ich war noch nie in North Dakota, aber von dem, was ich so auf Fotos und in Dokumentationen gesehen habe, würde ich sagen: ziemlich glaubhaft.“

Der Club der singenden Metzger. Das Erste, Freitag, 27. Dezember 2019, 20.15 Uhr (beide Teile an einem Stück bis 23.15 Uhr).

Wertung: 5 von 6 Sternen