Fernsehen, Magazine, Podcasts „True Crime“ boomt in allen Medien

Von Marcel Kawentel, Marcel Kawentel | 15.12.2016, 06:30 Uhr

Fernsehen, Magazine, Podcasts – die Medienlandschaft erlebt zurzeit einen regelrechten Boom an sogenannten True-Crime-Formaten.

Reale Kriminalfälle haben in der ohnehin schon übervollen fiktiven Krimilandschaft längst Karriere gemacht. Vor zwei Wochen ließ die Verlagsgruppe Gruner + Jahr per einstweilige Verfügung den Verkauf des neuen Magazins „National Crime“ verbieten. Es sei eine dreiste Kopie des Erfolgstitels „Stern Crime“, mit dem der Verlag vor anderthalb Jahren das neue Zeitschriftensegment erschloss und seitdem Preise einheimst.

Die Episode zeigt, wie begehrt die Nische „True Crime“ geworden ist. Auch im Fernsehen erfährt das echte Verbrechen einen neuen Boom. Der NDR startet am 19. Dezember etwa mit der Doku-Serie „Mundo. Die Spur des Mörders“ sein erstes True-Crime-Format. Wie schon in der Reihe „Protokolle des Bösen“ im Spartenkanal A&E, in der Originalverhöre von Serienmördern mit namhaften deutschen Schauspielern nachgestellt wurden, steht auch hier der Leiter eines Düsseldorfer Kriminalkommissariats und Fallanalytiker Stephan Harbort Pate. Erzählt wird die wahre Geschichte einer Mordermittlung. Vorbild hierfür dürfte auch der erfolgreiche Audio-Podcast „Serial“ gewesen sein, der die Recherchen der Journalistin Sarah Koenig zu echten Kriminalfällen erzählt und ein Millionenpublikum fand. Auch Netflix und HBO trafen mit den True-Crime-Serien „Making a Murderer“ und „The Jinx“ offenbar einen Nerv. Im deutschen Fernsehen hat das echte Verbrechen von Anbeginn seinen festen Platz gehabt.

Psychologische und naturwissenschaftliche Auseinandersetzung

Wer kennt nicht „Aktenzeichen XY... ungelöst“ oder Jürgen Rolands Erfolgsformate „Der Polizeibericht meldet...“ und „Stahlnetz“, die sich auf reale Fälle stützen? Den Ursprung der Erzählung vom echten Bösen kann man wahlweise im Bänkelsang des Mittelalters suchen, wie Medienwissenschaftler Jens Ruchatz gegenüber dem „Deutschlandfunk“ nahelegt, oder aber auch – wie der „Spiegel“ – in den US-amerikanischen „True Crime“-Magazinen der 1920er-Jahre, in denen der Leser bei den Ermittlungen helfen konnte.

Neu am True-Crime-Boom ist allenfalls die psychologische und naturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Bösen. So widmet sich etwa die aktuelle Sonderausgabe von „Geo“ der dunklen Seite des Menschen. Von archaischer Prägung des menschlichen Denkens und Fühlens ist da die Rede, davon, dass Gewaltausübung zur Durchsetzung gegen Konkurrenten hormonell ähnlich ‚belohnt‘ werde wie Sex, woraus sich die menschliche Neigung zur sogenannten Angstlust erkläre, also dem Spaß am Abgründigen. Am anderen Ende der Nüchternheitsskala liegt das Magazin „Real Crime“ vom Verlag bpa media. Hier werden spektakuläre Verbrecher wie Anders Breivik oder Charles Manson reich bebildert ausgestellt.

„Stern Crime“ liegt in etwa zwischen der „Geo“-Sonderausgabe und „Real Crime“. Große Fälle, oft aus den USA, werden hier präsentiert, aber in wesentlich seriöserer Sprache und Aufmachung. Was letztlich das Böse ist, wird in diesen Formaten nie abschließend geklärt, ein Rest an Faszination am Unbegreiflichen steigert den Kitzel des Konsumenten. Trotzdem findet sich manch Erhellendes, wenn etwa ein Rechtsmediziner im Interview mit „Stern Crime“ erklärt, die Kriminalstatistik erwecke nur den Anschein rückgängiger Gewalttaten, tatsächlich stecke dahinter auch der Stellenabbau im Bereich Kriminalitätsverfolgung. Es passiere also nicht weniger, es werde nur weniger entdeckt.

Stoff für wahre Kriminalgeschichten wird es also weiterhin genug geben. Wer nun aber die klassischen Erzählformen des Krimis für überholt hält, überbewertet das Etikett „True Crime“. Auffällig ist nämlich, dass die Dramaturgie der „True-Crime“-Geschichten, in welchem Medium auch immer, bewährten fiktionalen Mustern folgt. Denn nicht nur das Böse ist im Menschen tief verwurzelt, auch das Geschichtenerzählen.