Felix Klieser spielt Horn - ohne Arme „Mein Lehrer hat nicht an mich geglaubt“

Von Marcus Tackenberg | 02.05.2015, 09:47 Uhr

Die Begrüßung muss ohne Händeschütteln auskommen – ansonsten ist das Treffen mit dem Weltklasse-Hornisten Felix Klieser von verblüffender Normalität geprägt. In einem Hannoveraner Traditions-Café sitzt mir der armlos geborene Musiker gegenüber und bestellt einen Capricciosa-Salat mit Eiern und Schinken. Nach Eintreffen der Speise zieht der 24-Jährige seinen Schuh aus, umklammert die Gabel mit den Zehen seines linken Fußes und erzählt im Interview über sein Leben und seine Musik.

Felix, als klassischer Musiker braucht man Willen und Disziplin, erst recht wenn man Hornist ist, umso mehr, wenn man Horn mit dem Fuß spielt…

Ich weiß nicht, ich will einfach nur Horn spielen. Das ist alles.

Jetzt untertreiben Sie aber…

Ich habe nicht sehr viele Stärken in meinem Leben. Die einzige Stärke ist, dass ich sehr ehrgeizig bin, vielleicht manchmal zu ehrgeizig. Mir wird nicht so schnell langweilig. Ich kann Dinge tausendmal tun, ohne zu verzweifeln. Und irgendwann klappt es dann eben. Manchmal muss man so lange auf die Dinge einprügeln, bis sie funktionieren.

Verlieren Sie nie die Geduld?

Doch, das kommt vor. Es gibt immer Phasen, in denen es gut läuft, und welche, in denen man sich ärgert. Im Endeffekt fange ich mich immer wieder ein und schmeiße nicht das Horn in die Ecke und fahre in den Urlaub. Jeder, der ein gewisses Niveau erreichen will, muss diese Geduld aufbringen können.

Wie oft üben Sie?

So viel, wie es geht. Immer wenn ich frei oder nichts zu tun habe, übe ich, auch wenn es nur wenige Stunden sind. Ein großer Teil des Berufs besteht aus Reisen, entweder mit dem Zug oder dem Flugzeug. Da kann man nicht üben. Ansonsten versuche ich, jede Gelegenheit zu nutzen.

Auch im Hotel?

In Hotels übe ich viel, weil man dort ja auch viel Zeit verbringt. Da bin ich schmerzbefreit, was die Zimmernachbarn angeht.

Gibt es nicht oft Protest?

Wenn man nach fünf Minuten aufgefordert wird aufzuhören, hat man wenigstens für fünf Minuten geübt. Oft versuche ich es dann eine halbe Stunde später noch einmal, bis wieder jemand klopft. Ich bin aber auch sehr flexibel. Ich würde sogar das Horn mit auf die Toilette nehmen, wenn es sein muss.

Wenn man ein Instrument seit dem vierten Lebensjahr spielt, ist es dann eine Art Alter Ego?

Absolut. Es ist aber nicht nur das Instrument, mit dem ich mich stark beschäftige und verbunden fühle, sondern auch die Konzertsituationen. Ich denke oft schon am Vortag an einen Saal, der am nächsten Tag mit 2000 Leuten gefüllt sein wird, die ich mitnehmen und begeistern will.

Sind Sie lieber auf der Bühne oder im Studio?

Teils, teils. Ich bin ein sehr nervöser Mensch mit Lampenfieber, aber trotzdem fasziniert und beflügelt mich das Gefühl, mit einem Orchester zusammen als Solist aufzutreten.

Nehmen Sie es den Menschen übel, wenn sie ins Konzert kommen, um nicht nur ein hervorragendes Hornkonzert zu hören, sondern staunen wollen, wie Sie das machen?

Das Staunen geht nur bis zu einem bestimmten Punkt. Letztlich müssen die Leute anderthalb Stunden Musik anhören. Und wenn die nichts taugt, dann kommen die nicht so schnell wieder. Ich will die Menschen vor allem vom Horn begeistern, ein Instrument, das leider kaum im Vordergrund steht, obwohl es so viel Literatur dafür gibt, von Mozart, Haydn, Beethoven, Brahms und vielen anderen.

Haben Sie eine Erklärung, warum Sie sich mit vier Jahren ausgerechnet das schwierige Horn ausgesucht haben?

Keinen blassen Schimmer. In meiner Familie hat keiner etwas mit Musik am Hut. Nicht mal Blockflöte wurde gespielt. Ich weiß auch nicht, wo ich das Horn zum ersten Mal gesehen oder gehört habe. Meine Eltern können sich das auch nicht erklären. Ein spannendes Rätsel. Die Erinnerung, es zu wollen, habe ich noch im Kopf, woher ich den Wunsch hatte, weiß ich nicht.

Haben Sie denn nach der kindlichen Befriedigung der Neugier nie die Lust verloren?

Ich komme aus einem Umfeld, wo niemand damit rechnete, dass ich Berufsmusiker werden könnte. Das Hobby hat sich über die Jahre zum Beruf entwickelt. Niemand hat mich ernst genommen. Alle fanden es lustig und nett. Vielleicht hat mich das erst recht angespornt.

Wer außer Ihnen selbst hat an Sie geglaubt?

Meine Eltern schon, aber mein Lehrer nicht. Als Hobby sei es ja ganz lustig, aber ich sollte mir mal einen anderen Beruf suchen, war seine Einstellung.

Und was sagt er heute?

(lacht) Er hört mich ab und zu im Radio und ist total begeistert.

Bekommen Sie viele Mails von Menschen gerade auch mit Behinderung, die in Ihnen ein Vorbild sehen?

Ja, aber ich bekomme auch viel Fanpost von normalen Leuten. Ich sehe den Begriff Vorbild eher kritisch. Das Leben ist nicht so einfach. Es heißt nicht, dass man nur wollen muss, und schon bekommt man seine Wünsche erfüllt. Ich bin ein Mensch, der auch Glück hatte, im richtigen Moment am richtigen Ort gewesen zu sein. Es ist nicht nur Fleiß, es gehört auch Glück dazu. Dafür bin ich auch sehr dankbar.

Was war denn die größte Hürde, die es zu überwinden galt?

Was das Horn angeht, dass ich meine Hand nicht in den Trichter legen kann, wie es Hornisten tun, um verschiedene Klangfarben zu erzeugen. Mit der Hand klingt es dunkel, ohne hell. Ich habe sehr lange an einer Technik gefeilt, um das Manko zu kompensieren. Mir blieb nichts anderes übrig, als es allein über den Mund und die Blastechnik zu regeln. Ich beschäftige mich intensiv mit dem Thema Klang. Genauso wie ein Schauspieler mit seiner Stimme verschiedene Gefühle ausdrücken kann – mal traurig, mal erfreut, mal nachdenklich, mal vehement –, so versuche ich allein mit Mund, Stimme und Instrument zu modulieren.

Ihre Lippen sind existenziell wichtig. Wie schützen Sie sie?

(lacht) Sehr viele Bläser sind Labello-abhängig. Dieses Lippenfett führt aber dazu, dass die Talgproduktion im Körper herabgesetzt wird. Die Lippen werden dann trocken, wenn man sie nicht ständig einschmiert. Wenn man gar nichts macht, pflegt man Lippen am besten.

Wie sieht es aus mit scharfem und salzigem Essen?

Es ist immer wichtig, darauf zu achten, was man isst. Wenn ich etwas sehr Saures esse, ist mein Körpergefühl auf den Kopf gestellt. Ich habe nicht mehr im Gefühl, wie viel Spannung ich im Körper habe. Vor Konzerten vermeide ich deshalb zu süße, salzige, saure und scharfe Speisen. Das könnte übel enden.

Ist Küssen erlaubt?

Unbedingt.

Ihre Füße sind auch sehr wichtig. Halten Sie sie im Winter immer auf Betriebstemperatur?

(lacht) Ich habe praktischerweise immer sehr warme Füße, selbst bei minus 20 Grad. Ich habe immer eine hohe Betriebstemperatur und trage selten eine Jacke. Ab 20 Grad fange ich an zu schwitzen.

Machen Sie täglich Übungen, um geschmeidig zu bleiben?

Nein. Die alltäglichen Bewegungen reichen.

Verfolgen Sie die Inklusionsdebatte?

Ich sage dazu: Man kann nicht den Fokus auf etwas legen, um den Fokus davon wegzunehmen.

Wie meinen Sie das?

Meine Philosophie lautet: Das Vorleben einer Normalität ist viel mehr eine Botschaft, als sich auf ein Podest zu stellen und darüber zu reden. Wenn Sie eine Brille tragen müssten, könnten Sie das tun. Sofort würden Sie als Brillenträger wahrgenommen. Herr Schäuble sitzt im Rollstuhl, aber kaum noch einer nimmt das ernsthaft wahr. Es fragt auch keiner, wie kommt der von A nach B. Das ist völlig normal. Darum geht es und nicht um Extrawürste und spezielle Einrichtungen, sondern um Normalität. Und die stelle ich nur her, wenn ich Normalität vorlebe.

Viele Menschen haben aber Berührungsängste.

Das wird auch immer so bleiben. Man hat auch mit anderen Menschen, die man nicht kennt, Berührungsängste. Sie werden auch nicht dadurch abgebaut, wenn man die 1000. Sendung darüber macht. Im Gegenteil, wenn wir in den Medien über Viren und Flugzeuge etwas erfahren, führt das nicht dazu, dass wir weniger Ängste haben. Den Fokus auf Behinderung zu legen halte ich daher für kontraproduktiv.

Was inspiriert Sie?

Der ganz normale Alltag. Ich bekomme täglich viel Input, weil ich viele Menschen und Orte kennenlerne. In einem Café oder auf einer Bank zu sitzen und einem Seniorenpaar zuzuhören, das sich über alte Zeiten unterhält, gibt mir schon sehr viel. Das ist authentisch. Ich brauche kein Fernsehen, kein Kino, kein Museum, um mich inspirieren zu lassen. Den Alltag von Familien im Park zu beobachten finde ich spannender. Wir leben zu viel in künstlichen Welten. Das Natürliche, Normale, Unspektakuläre ist uns abhandengekommen. Immer muss etwas los sein, sonst wird den meisten langweilig.

Wie war das in Ihrer Kindheit? Haben Sie Normalität erlebt?

Ja. Ich komme vom Dorf. Dort habe ich mit den anderen Kindern gebolzt, gerauft, Briefkästen in die Luft gesprengt und anderen Schabernack getrieben. Ich war wohl ein ziemlich schwer zu erziehendes Kind. Mein Klassenlehrer hat gefühlt jede Woche zu Hause angerufen, weil ich wieder Blödsinn angestellt hatte.

Waren Sie eher ein aufmuckendes Kind?

Absolut. Ich war auch der erste an der Schule, der das System des Spuckrohrs entdeckt und gebaut hat. (lacht) Also Tintenkiller zersägen und zum Rohr umfunktionieren. Unterricht fand ich nicht spannend. Das Prinzip „Der Lehrer gibt etwas vor, und wir müssen es nachplappern“ war für mich uninteressant.

Wie kam es dazu, mit Sting auf Tour zu gehen?

Sting hat seine Hits für Orchester mit Band umschreiben lassen. Ich habe mit ihm und dem Bundesjugendorchester die Deutschlandkonzerte spielen dürfen. Er ist ein sehr interessanter Mensch, aber furchtbar nervös. Im Backstage-Bereich läuft er vor dem Konzert wie ein Tiger im Käfig auf und ab. Aber er ist sehr fokussiert.

Möchten Sie selbst auch mal Richtung Crossover gehen, so wie Sting oder David Garrett?

Klar. Man sollte nichts ausschließen. Das Problem ist nur, dass man dann schnell abgestempelt wird.

Sie erhielten den Echo 2014 mit Standing Ovations der Prominenten – der bewegendste Moment Ihrer Karriere?

Die mediale Wahrnehmung war natürlich sehr groß. Es passiert mir aber schon mal öfter, am Ende eines Konzertes mit Standing Ovations belohnt zu werden. Die Echo-Verleihung war krass: Ich kam die Treppe runter, und die Erste mit Tränen in den Augen war Anna Netrebko, die Zweite Anne-Sophie Mutter. Von dem „Who’s who“ der Klassikszene Anerkennung zu bekommen ist schon etwas Besonderes. Am Tag danach umarmte mich vor meinem Hotel spontan eine fremde Frau, die die Show im Fernsehen gesehen hatte. Und auch die Bahnschaffnerin reagierte sehr emotional. Das war bewegend.

Wie sehen Ihre Pläne aus?

Ich habe gerade mein erstes Album mit Orchesterwerken von Haydn und Mozart veröffentlicht. Darüber bin ich sehr froh, und ich freue mich auf die große Resonanz. Die Plattenfirma möchte gern noch mehr Mozart-Konzerte mit mir aufnehmen, aber das will ich in Ruhe angehen. Ich freue mich jetzt erst mal auf die kommenden Konzerte mit Orchester.