Fan-Hype und Zukunftspläne „Bergdoktor“ Hans Sigl: Ich genieße die Zeit

Von Stefan Alberti | 12.07.2014, 10:30 Uhr

Für das ZDF ist er der Quotengarant. Hans Sigl ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Serie „Der Bergdoktor“ längst zur Kultserie geworden ist. Kann es überhaupt ein Schauspielerleben nach Dr. Martin Gruber geben? Wie funktioniert der Künstleralltag? Nicht nur diese Fragen beantwortet der 45-Jährige – in herrlicher Atmosphäre bei einem Glaserl Wein am Fuße des Wilden Kaisers.

Herr Sigl, Sie sind ja ein multimedialer Glücksfall.

Wieso?

Weil Sie zum Beispiel auf Ihrer Facebook-Seite und auf der Bergdoktor-Seite die Fans mit Nachrichten, Bildern und Videos versorgen. Oder machen Sie das nicht persönlich?

Doch. Warum sollte ich es machen lassen, das wäre nicht authentisch. Man könnte auch eigens einen Presseagenten anstellen, der täglich etwas postet. Der wäre aber nicht da, wo ich bin. Die Aktivitäten auf der Hans-Sigl-Seite stehen natürlich im Vordergrund, wenn ich nicht drehe. Wenn ich drehe, nutze ich die Gelegenheit, auf der Bergdoktor-Seite von den Kollegen und mir Fotos und Videos zu posten. All das dauert nicht lange, zumal die Arbeit des Schauspielers viel mit Warten verbunden ist. Und es macht ja auch Spaß, mit den Fans zu kommunizieren.

Es gibt mittlerweile Bergdoktor-Fanwochen mit Massen von Menschen, die zu den Drehorten pilgern. Im Fernsehen fährt „Der Bergdoktor“ regelmäßig Top-Quoten ein. Wie erklären Sie sich diesen Hype?

Wir machen Filme, die Relevanz haben. Daraus speist sich die Motivation, hierherzukommen. Im vergangenen Jahr war zum Beispiel eine Abi-Klasse hier, die die Fälle des Bergdoktors im Ethik-Unterricht behandelt hat. Die Region hat dazu natürlich ein Riesenglück, dass der Ort im Film auch Ellmau heißt.

„Der Bergdoktor“ wird bereits in Italien, Kroatien oder Polen ausgestrahlt. Macht Sie das stolz?

Klar macht mich das stolz. Bald will mich auch ein Herzchirurg aus Los Angeles besuchen, der den Bergdoktor im Internet entdeckt hat. Er hat mit unserer Serie Deutsch gelernt und findet den Arzt, den er dort sieht, so sympathisch, dass er ihn kennenlernen will. Aber all das ist im Vergleich zu „Derrick“ oder „Kommissar Rex“ noch gar nichts. Wir sind ja noch in den Kinderschuhen und entwickeln uns immer weiter. Deswegen drehe ich auch in der achten Staffel noch gerne.

Wird denn irgendwann der Zeitpunkt kommen, ab dem Sie nicht mehr diese Rolle spielen?

Natürlich wird irgendwann dieser Punkt kommen. Sehnsüchte nach anderen Dingen habe ich grundsätzlich auch. Ich denke, der Zeitpunkt kommt genauso automatisch wie der Punkt, an dem es entstanden ist.

Aber dieser Zeitpunkt liegt noch in weiter Ferne?

Wir drehen in diesem und im nächsten Jahr. Ich vermute mal, auch im übernächsten Jahr. Weiter denke ich noch gar nicht. Das Leben im Hier und Jetzt ist doch schon schön genug. Aber klar: Es ist ein Thema, ich werde oft danach gefragt.

Haben Sie nicht die Befürchtung, dass Sie wie einst Klausjürgen Wussow als Dr. Brinkmann aus der Schwarzwaldklinik in eine schauspielerische Schublade gesteckt werden?

Das ist doch schon längst geschehen. Ich spiele den Bergdoktor und eines Tages wieder etwas anderes – und dann wird das genauso akzeptiert werden.

Könnte Ihnen diese Schublade andere Rollen verbauen?

Ich werde beim ZDF im kleinen Fernsehspiel sicher nicht den Psychopaten spielen. Das ist aber auch keine Absicht, die ich verfolge. Mir ist durchaus klar, was für ein Rollentyp ich bin und wie ich besetzt werde. Für das nächste Jahr entwickeln wir für das ZDF gerade eine Komödie. Ich bin einfach glücklich mit meiner Arbeit, ich genieße die Zeit. Außerdem habe ich noch andere spannende Projekte: „Hintze und Sigl“ und meine Hörbuchreihe „Hörfreund“.

Sie gehören also zu den Schauspielern in der Republik, die sich keine Gedanken über die berufliche Zukunft machen müssen?

Ich muss mir total viele Gedanken machen. Was ist, wenn in zwei Jahren beim ZDF ein Umschwung kommt und die Bergfilme abgesetzt werden? Ich glaube aber, dass ich die Fähigkeit hätte, die Kollegen davon zu überzeugen, dass ich definitiv andere Rollen auch spielen kann.

Welche zum Beispiel?

Gute Komödien reizen mich. Ich möchte die Leute zum Lachen bringen und ihnen einen schönen Abend bereiten. Es ist mitunter das Schwierigste, komisch zu sein und Leute zu unterhalten. Das Leichteste ist oft das Schwerste.

Zurück in die Gegenwart: Nervt es eigentlich, wenn Sie nach so vielen Jahren vielen Ihrer Kollegen oder einigen Medienschaffenden immer noch das Bergdoktor-Erfolgsrezept erläutern sollen? Als Sie vor einiger Zeit in der WDR-Talkshow „Kölner Treff“ über die Serie plauderten, wurden Sie von Katja Riemann so beäugt, als ob Sie gerade aus einem Raumschiff ausgestiegen wären...

(lacht) Wenn Frau Riemann die Serie noch nicht gesehen hat, dann ist das in Ordnung. Ansonsten erkläre ich jedem gerne und immer wieder das Erfolgsrezept, ohne dabei müde zu werden. Ich nehme an, dass jetzt von Ihnen die Frage nicht kommt.

Richtig.

Gut.

Dann würden Sie sich ja wiederholen.

Wiederholung ist ein Grundhandwerk der Schauspieltechnik. Aber Sie fragen ja nicht.

Ist „Der Bergdoktor“ schon auf der Spitze des Erfolgs?

Da geht noch was. Wir verändern ja gerade wieder und werden uns optisch wieder entwickeln. Von unserem neuen Kameramann werden zum Beispiel Bilder gemacht, die wir bisher noch nicht gemacht haben – mehr Gegenlicht, nebliger, kontrastreicher. Eindrucksvoller eben. Wir haben technisch zumindest die Möglichkeiten, Kinoqualität zu liefern. Aber wir haben die Zeit nicht, weil wir am Tag bis zu zwölf Minuten Pensum zu drehen haben.

Das heißt für die Drehtage: Acht Uhr morgens raus?

Nee, nee. 6.30 Uhr. Sporteinheiten, Text lernen, dann Drehbeginn.

Wie lernen Sie Ihre Texte?

Laufend. Ich lese das Buch einmal, lege es weg, mache mir Notizen und lese ein zweites Mal das Buch. Ich baue mir dann eine Idee, wie ich eine Szene zu spielen glaube. Am Set gehe ich mit den Seiten in der Hand die jeweiligen Szenen ab. Im Moment drehen wir parallel drei 90-Minuten-Filme.

Halten Sie sich immer streng an das Buch oder wird viel improvisiert?

Ich kann die medizinischen Termini natürlich nicht improvisieren, wobei ich die vor Ort auch schon mal mit Fachberatung ändere. Ansonsten gehört Improvisation zum Alltag. Es ist auch so gewollt. Das Vertrauen ist da, dass ich meine Texte so sprechen kann, wie ich sie mit meiner Figur entwickelt habe.

Sie befassen sich in der Serie oft mit sehr tief gehenden medizinischen Fällen. Haben Sie Zeit, sich anschließend auch tiefer mit diesen Fällen zu beschäftigen?

Nein. Ich habe auch nicht das Verlangen danach. Wenn ich jedes Jahr diese Fälle abends noch tiefer aufbereitet hätte, dann hätte ich jetzt schon den ersten Abschnitt im Medizinstudium machen können. Aber ich habe das Verlangen eben nicht. Ich bin Schauspieler, der einen Arzt darstellt.

Können Sie die Kritik aus der Ärzteschaft nachvollziehen, die der Serie in den ersten Jahren mangelnden Realitätssinn vorwarf?

Ja. In den ersten Jahren war es in medizinischer Hinsicht schon etwas dünn, was auch den 45-minütigen Folgen geschuldet war. Nach dem Wechsel zu den 90-Minütern kann man eine Geschichte auch so erzählen, dass sie plausibel ist. Insofern hat sich die Kritik in Zuspruch gewandelt.

Sie haben ja immerhin eine pflegerische Vorbildung.

Genau, elf Monate Zivildienst im Krankenhaus in Innsbruck.

Dort mussten Sie erst in der sterilen Abteilung Tupfer zählen und verpacken.

Stimmt. Ein sehr ehrenwerter Beruf, den die Kollegen da machen. Deswegen bin ich aber nicht Waffenverweigerer geworden. Ich wollte etwas am Patienten machen, etwas für die Menschen tun.

Ihr Wunsch wurde erhört?

Mit einem Freund aus der Radio-Onkologie bin ich zum Klinikvorstand marschiert. Dann hat man mich auf die „Interne 4 – Frauen“ versetzt.

Wo Sie alles machen durften?

Ich habe alles gemacht. Die Patienten gewaschen, Essen gereicht, Zähne geputzt, Zehennägel geschnitten – bis hin zum Totentransport in den Keller. Letzteres war eigentlich nicht vorgesehen, ich wollte es trotzdem machen. Ich hatte noch nie einen toten Menschen gesehen und auch noch nie transportiert. Direkt danach habe ich erst mal meinen Pieper abgegeben, weil ich zwei Stunden für mich brauchte. Seither nehme ich meine Arbeit und das Leben ein bisschen pragmatischer. Ich versuche es zumindest. Das größte Glück ist die Gesundheit, alles andere ist meistens selbst verschuldet, wenn man ganz ehrlich ist.

Schwenken wir wieder zum Künstlerleben: Jetzt starten Sie einen Late-Night-Anlauf im TV – Live-Satire-Talk mit ihrem Freund Christof Hintze?

Nein, im TV soll es das erst mal nicht geben. Wir könnten uns vorstellen, das Format als Web-Show zu produzieren, aber da brauchen wir noch Sponsoren. Grundsätzlich sind wir aber eine Live-Show. Die nächsten Termine sind am 25. und 26. Juli. Alles Weitere finden Sie auch auf www.hintzeundsigl.net.

Vor drei Jahren haben Sie in unserem Interview die Absicht geäußert, endlich mal etwas gelassener durchs Leben zu gehen. Können Sie diesbezüglich Erfolge verzeichnen?

Ja. Ich kann jetzt auch mal in Ruhe irgendwo sitzen. Das habe ich in der Zwischenzeit gelernt. Davor hatte ich den berühmten Aus-Knopf selten gefunden. Zum Glück habe ich gelernt, ihn zu suchen und zu finden. Wenn ich ihn nicht gefunden hätte, dann wäre es wahrscheinlich mit Mitte 50 schwierig geworden. Eine schlechte Zeitung schrieb, ich stünde am Rande eines Burn-outs, was natürlich Quatsch ist, aber die Ungeduld hat sich langsam in Gelassenheit gewandelt.

Burn-out?

Ein missverstandener Facebook-Post, und schon schreibt jemand Unsinn. Ich hatte mich zum Urlaub abgemeldet, und man machte daraus einen Artikel. Völliger Unsinn.

Verraten Sie mir zum Schluss noch, wie es passieren konnte, dass Sie sich als Zwölfjähriger ein Autogramm von Ricky King bestellt haben?

Das war geil. Ich fand den E-Gitarrensound von ihm einfach klasse, seine blaue Gitarre habe ich noch vor Augen. Großartig. Dann habe ich irgendwo seine Autogrammadresse gelesen, ich habe ihn angeschrieben – und eines Tages kam das Autogramm. Da war ich zwölf oder so – good old times.