Es muss nicht immer Pixar sein Arte zeigt Zeichentrick für Erwachsene

Von Tobias Sunderdiek | 10.06.2016, 17:45 Uhr

Es muss nicht immer Disney oder Pixar sein. Arte beweist, dass einige der besten Animationsfilme auch jenseits von Hollywood entstehen.

Ein Zug fährt durch die Landschaft. Plötzlich hebt und senkt sich die Erde. Die Eisenbahnschienen bewegen sich, und mit ihnen die Landschaft, die in Wellenbewegungen ein Auf und Ab vollführt. Ein Erdbeben! 

Aber es ist nicht irgendein Erdstoß, sondern es handelt sich um das große Beben von 1923, das ganz Tokio verwüstete . Eine Katastrophe, bei der Tausende Menschen starben werden und ein Feuersturm die Stadt verwüstete. Ein geschichtliches Ereignis, aber auch Teil eines überraschend anderen Zeichentrickfilms. 

Denn inmitten des Chaos rettet der junge Flugzeugkonstrukteur Jiro Horikoshi eine junge Frau. Es wird aus dieser Begegnung Liebe werden, das allerdings in schweren Zeiten. Ein Krieg zieht herauf, und auch sonst scheint das Glück der beiden unter keinem guten Stern zu stehen. 

Kein Stoff für Kinder

Tödliche Feuersbrünste, der Zweite Weltkrieg, lebensbedrohliche Krankheiten – wer bisher nur Hollywood-Zeichentrickfilme von Walt Disney und Co. kennt, der wird sich nach Ansicht des japanischen Zeichentrickfilms „Wie der Wind sich hebt“  verwundert die Augen reiben. 

„Erwachsene“ Themen statt putziger Gestalten, poetische Träumereien und harter Realismus, dazwischen visualisierte Wunschträumereien und erschütternden Kriegsgräuel: Der neueste Film von Zeichentrickmeister Hayao Miyazaki, „Wie der Wind sich dreht“ (Arte, 12. 6. um 20:15 Uhr) beweist, zu welcher Kunstfertigkeit, aber auch Themenvielfalt es der japanische Trickfilm, lange Zeit vom Westen belächelt, geschafft hat. 

Ein Film als komplexes Erzählwerk. Aber auch ein Schwanengesang: Denn nach Ankündigung von Miyazaki soll „Wie der Wind sich dreht“ von 2014 die letzte Regiearbeit des 75-Jährigen sein. Sein Trickfilmstudio  „Ghibli“ , verantwortlich für Meisterwerke wie „Chihiros Reise ins Zauberreich“ (2001), der sogar einen Oscar und einen Goldenen Bären gewann, war übrigens Jahrzehnte lang für einige der größten Kassenschlager in Japan verantwortlich. Auch wenn das im Ausland lange unbekannt war, wo seine Filme oft verstümmelt oder umsynchronisiert wurden. In 2D und ohne Computeranimation ist Miyazaki dabei seinem Motto treu geblieben: Poetische Bilderwelten mit einfacher, analoger Technik zu erschaffen. Eine schöne Seltenheit im heutigen Kommerz. 

Dass es auch anders geht im japanischen Zeichentrick, jenseits von bekannten TV-Serien wie „Captain Future“, „Biene Maja“ oder „Pokémon“ , machte dem Westen erstmals ein Film von 1988 klar, den Arte im Anschluss zeigt. „Akira“ erzählt eine fantastische Geschichte: 30 Jahre nach dem Dritten Weltkrieg finden 2019 im wiedererrichteten „Neo-Tokio“ blutige Straßenschlachten zwischen Motorradgangs statt, die eines Tages durch von Militärs herangezüchtete, Kinder mit telekinetischen Fähigkeiten bedroht werden. 

Seiner Zeit voraus

Wenn der Begriff „Kultfilm“ auch oft missbraucht wird, hier hat er seine Berechtigung. Katsuhiro Otomos Verfilmung seines eigenen  Manga-Comics  bewies, dass auch Zeichentrick-Science Fiction für ein reifes Publikum möglich ist. Der technische Aufwand war enorm: „Akira“, auf  70mm-Film  gedreht, zeigte Bildeffekte, wie sie erst Jahrzehnte später von Computern erschaffen wurden. 

Auch der dritte und letzte Film der Reihe (Montag, 22.05 Uhr) ist keinesfalls die „Kinderware“, als die Verleiher und Kinobesitzer hierzulande Animationsfilme meist vermarkten. Jean-Christophe Dessaints märchenhafter Film „Der Tag der Krähen“ (F/B/Lux./CND 2012) erzählt die Geschichte eines Jungen, der zusammen mit seinem Vater in einem Wald aufwächst, und war zumindest in Frankreich recht prominent besetzt. Zu den Sprechern gehörten neben  Jean Reno  und Isabelle Carré auch Nouvelle Vague-Legende  Claude Chabrol , der leider kurz vor der Uraufführung starb. In die Reihe passt er übrigens auch, weil ein japanischer Einfluss spürbar ist:  Voller Naturlyrik stilistisch erinnert der Film durchaus an japanische „Ghibli“-Filme.

Zum Schluss noch ein Ausstellungstipp: Bis zum 8. 1. 2017 präsentiert das  Filmmuseum Düsseldorf das Werk der deutschen Trickfilmpionierin Lotte Reiniger . Ihre Scherenschnittfilme aus den 1920ern beweisen Zeitlosigkeit. Wie das auf Arte präsentierte Zeichentrick-Trio.