„Engel der Gerechtigkeit“ Katja Weitzenböck: ZDF-Klinik so gut wie „Breaking Bad“

Von Daniel Benedict | 23.11.2013, 00:59 Uhr

Jeder kennt sie aus der Staubsauger-Werbung - als Hausfrau mit „erfolgreichem kleinen Familienunternehmen“. Fürs ZDF wird Katja Weitzenböck nun zum „Engel der Gerechtigkeit“. Im Interview erklärt sie, was Wolfgang Rademanns („Schwarzwaldklinik“) Krankenhaus-Reihe mit „Mad Man“ und „Breaking Bad“ zu tun hat.

Frau Weitzenböck, jeder Fernsehzuschauer kennt die Staubsauger-Werbung, wo Sie das Hausfrauen-Dasein als „erfolgreiches kleines Familienunternehmen“ apostrophieren. Schadet der Werbe-Ruhm einer Schauspielerin?

Vor zehn Jahren hätte ich mit einem inbrünstigen Ja geantwortet. Ich hatte große Sorge, die Clementine des Staubsaugers zu werden. Aber tatsächlich hat es sich wunderbar in meine Laufbahn eingefügt. Ich werde seitdem vielmehr mit dem Rollentypus der Frau und Mutter identifiziert, die mitten im Leben steht. Dabei hatte ich damals noch gar keine Kinder. Vier Wochen nach dem Werbedreh war ich allerdings schwanger.

Hoppla! Mit Vorwerk-Saugern muss man offenbar aufpassen!

In meinem Fall hat es jedenfalls zu einer spontanen „Bestaubung“ geführt. (Lacht) Es war wirklich befruchtend! Während der Schwangerschaft hat der Spot mich ernährt, und danach war ich reif für neue Rollen. Meine Agentin war damals stark gegen Werbung. Ich selbst habe in meiner Model-Zeit damit nur gute Erfahrungen gemacht. Werbung hat mir die Schauspielausbildung finanziert.

Sie bekennen sich als Fan von Serien wie „Breaking Bad“ und „Mad Men“. Haben Sie mal die Fühler nach Amerika ausgestreckt? Englisch sprechen Sie fließend.

Es hat leider nie funktioniert. Weil ich erst nach dem Modeln die Schauspielausbildung angefangen haben, wäre ich erst als Endzwanzigerin nach Hollywood gekommen. Das ist sicher zu spät. Ich bin aber auch nicht so gestrickt: In Amerika erwartet beim Casting man die 1000-prozentige Überzeugung, die Beste und Richtige zu sein. Zu meiner Persönlichkeit gehören auch Selbstzweifel. Das kann ein guter Motor sein, aber nicht in Hollywood.

Ihre Einschätzung zu „Breaking Bad“ klingt allerdings ziemlich selbstbewusst: Sie vergleichen die US-Serien mit Ihrem eigenen „Engel der Gerechtigkeit“. Wo ist die Gemeinsamkeit?

Im Versuch, ein Abbild der Realität zu schaffen. „Breaking Bad“ zeigt ja, auf wunderbare Weise überzeichnet, unperfekte Menschen und einen Helden, der dunkel ist. Das deutsche Fernsehen hat seine Figuren über Jahrzehnte als Lichtgestalten inszeniert. Held kam von Helligkeit.

Ein „Engel der Gerechtigkeit“ passt doch eigentlich ganz gut in dieses Muster.

Und deshalb mag der Produzent Wolfgang Rademann den Titel auch überhaupt nicht. Der sagt: Det is doch esoterisch! Sein Anliegen war und ist, die Grauzonen der Realität zu zeigen. „Engel der Gerechtigkeit“ schildert eine andere Welt, als Rademann sie im „Traumschiff“ oder in der „Schwarzwaldklinik“ entworfen hat.

Dieser Anspruch schlägt sich auch in einer ungewöhnlichen Sequenz nieder, bei der in dräuenden Flackerschnitten die Brustkrebsnarben einer Nebenfigur zu sehen sind. War das am Set Debattenstoff?

Das war eine Ergänzung des Regisseurs Sigi Rothemund, über die wir viel diskutiert haben. Wolfgang Rademann fand es zu hart, hat sich aber überzeugen lassen. Ich glaube auch, dass es der Geschichte nutzt. Es geht um eine Frau, die unter der Brustamputation leidet. Dann muss man es auch zeigen.

Der Sendeplatz von „Engel der Gerechtigkeit“ ist nicht auf „Breaking Bad“-Fans zugeschnitten, sondern auf Leute, die gern über ihre Krankheiten sprechen. Verderben Sie denen das Vergnügen?

Was meinen Sie?

Ich glaube, die Leute finden den Ärztepfusch genauso klasse wie Schwarzwaldklinik.

Ich glaube auch, dass es gut aufgeht - weil unsere harten Fälle so emotional präsentiert werden, dass man als Zuschauer mitgeht. Wenn dem Patienten geholfen wird, ist auch dem Zuschauer geholfen. Aber wir warten alle mit Spannung auf die Zahlen. Die ersten beiden Fälle liefen nicht am Sonntagabend, sondern unter der Woche.

Finden Sie denn Patricia Engels Problemlösungen gut? Sie ist zwar Anwältin, regelt aber irgendwie doch alles am Richter vorbei. Mal appelliert sie ans Gewissen, mal kungelt sie dank guter Klinikkontakte, mal macht sie medialen Druck.

Sie haben mich ertappt, beziehungsweise Patricia. Ich glaube aber, dass Fälle wie unsere in den behäbigen Verwaltungsapparaten von Krankenhäusern möglich sind. Und da gefallen mir unsere unkonventionellen Lösungen ganz gut: Hier siegt der Patienten als kleiner David gegen den Goliath Gesundheitssystem. Wir machen ja keinen Dokumentarfilm! (Lacht.)

Hatten Sie gar keine Angst vor einer kombinierten Arzt- und Anwaltsserie? Sie sprechen ständig medizinisches und juristisches Fachvokabular!

Sie sagen es. Das ist eine der großen Herausforderungen der Rolle. Aber es wird leichter. Mein Lieblingszungenbrecher ist „Ergänzungspflegschaft“. Das musste ich bei unter null Grad mit eingefrorenen Lippen sprechen - und irgendwie auch begreifen, damit man mir glaubt.

Unter null Grad ist ein gutes Stichwort: Dreimal haben Sie schon auf Rademanns Traumschiff gespielt; jetzt sitzen Sie auf den nebligen Landungsbrücken, essen Fischbrötchen und gucken den Touristen bei der Abfahrt in den Süden hinterher. Sind Sie neidisch?

In meinem Leben bin ich so viel gereist, dass ich die Auslandsdrehs jetzt gut entbehren kann. Und familiär passt es auch sehr gut so, wie es ist.

Lernt man als Schauspielerin Rademann überhaupt kennen?

Er ist wenig am Set, kommt aber ein- oder zweimal vorbei. Wichtig ist ihm, dass die Kreativen ihre Arbeit ohne ihn machen. Er guckt sich zum Beispiel grundsätzlich keine Muster an. Trotzdem ist er als Mensch sehr präsent. Und in den 15 Jahren, die ich ihn kenne, ist er mir auch ein Freund geworden.

Ist er ein selbstironischer Typ? Der Verwaltungsdirektor in „Engel der Gerechtigkeit“ sagt ja einmal sehr lustig: „Hier ist nicht die Schwarzwaldklinik“. Ein schöner Seitenhieb von einem Rademann-Format aufs andere.

Er ist immer der Erste, der über sich lacht. Wenn man ihn fragt, sagt er: Kunst mach ich keene, det weeß ick! Dabei hat er in unheimliches filmisches Fachwissen. Ich kenne keinen, der mehr Fernsehfilme guckt: drei am Tag, die er sich von seiner Sekretärin aufzeichnen lässt. Er ist immer up to date und weiß, wer im Kommen und im Sinken ist. Und bei alledem macht er sich nichts vor. Umso bedeutsamer ist der Schritt, den er mit „Engel der Gerechtigkeit“ in Richtung Realität macht. Er wird jetzt 79 Jahre und will es noch mal wissen.

Wie haben Sie ihn denn kennengelernt?

Er hatte irgendwas von mir gehört und wollte mich treffen. Es gab gar keinen Zusammenhang mit einer Rolle.

War das ein Volltreffer für Sie? Oder hatten Sie Berührungsängste bei einem Produzenten, der eben keine Kunst macht. Sie selbst wollten ja vielleicht ganz gern Kunst machen.

Damals konnte ich das noch nicht ermessen. Heute sage ich: Ich habe ihm viele schöne Rollen zu verdanken. Der Rahmen ist kommerziell, aber ich empfinde es als Riesengeschenk, ihn getroffen zu haben. Er ist ein Dinosaurier unter den deutschen Produzenten - und er zeichnet sich durch eine Verbindlichkeit und Ehrlichkeit und Treue aus, die ich sonst nirgendwo erlebt habe. Und durch eine enorme Produktivität: Er kauft zum Beispiel nie Drehbücher ein; stattdessen liest er Zeitungen, reißt Schnipsel aus und entwickelt daraus mit seinen Autoren Geschichten. „Engel der Gerechtigkeit“ ist auch so entstanden.

Sagt Rademann denn auch vom „Engel der Gerechtigkeit“, dass es nur Kommerz ist?

Auch wenn kein Mensch alles sehen kann, was er gedreht hat: Ich glaube, es ist von allen seinen Filmen das Format mit der größten Nähe zum Kunstanspruch. Er hat sogar die komischen Figuren der ersten Folgen rausgestrichen. Den so genannten „comic relief“ gibt es jetzt nicht mehr.

Engel der Gerechtigkeit: Ärztepfusch“ läuft am Sonntag, 24. November 2013, um 20.15 Uhr im ZDF. Die Episode „Kopfgeld“ ist am Sonntag, 15. Dezember 2013, zu sehen.