Dschungelautors Schmerzgrenze Micky Beisenherz: Alles, nur nicht Bohlen

Von Daniel Benedict | 17.08.2013, 01:58 Uhr

Für das Dschungelcamp schreibt er Witze gegen alle Tabus, vor der Kamera präsentiert er behagliche Familienshows wie die „Guinness Records“ und die Neuauflage von Hecks „Pyramide“: Micky Beisenherz. Im Interview erklärt der 36-Jährige, warum „Bauer sucht Frau“ viel schlimmer ist als alles, was er selbst macht.

Herr Beisenherz, gerade moderieren Sie die Guinness-Show. Schreibt Ihnen, dem Gag-Autor, da jemand die Texte?

Um das, was man nicht spontan entwickeln kann, kümmert sich ein guter Freund und Ko-Autor: Jens Oliver Haas, ein mir sehr vertrauter Mann, mit dem ich auch die Texte zum Dschungelcamp schreibe. Insofern fühlen sich die Texte nicht mal fremd an.

Sie selbst schreiben nicht nur für das Dschungelcamp, sondern auch für die Komiker. Für wen eigentlich genau?

Mit Atze Schröder ging’s los, Hans-Werner Olm war auch dabei, Dieter Nuhr, Mario Barth, Rüdiger Hoffmann. Eigentlich gibt es gar nicht mehr allzu viele, für die ich nicht geschrieben habe – Hape Kerkeling und Bastian Pastewka mal ausgenommen.

Stehen Sie hinter allen Projekten? Mario Barths Humor wird ja eher kontrovers diskutiert.

Haha! Na ja, ich glaube, es gibt keinen Komiker, der nicht umstritten wäre. Aber sagen wir’s mal so: Es hat nicht mit allen gleich viel Spaß gemacht.

Skizzieren Sie mal eine Bauanleitung für einen Barth-Witz?

Irgendwas von der Freundin erzählen und auf den Lacher warten. Das ganze Bühnenprogramm von Mario Barth beruht auf dem Paul-Kirchhof-Prinzip: Es muss auf einen Bierdeckel passen. Der Rest ist Zeitschinden.

Was sagt Atze Schröder, wenn er Ihre Vorlagen nicht gut findet, was sagt Dieter Nuhr?

Gehen Sie davon aus: Wenn ein Gag nicht funktioniert, leidet der Autor am meisten. Dann brauchen Sie hinterher keine Manöverkritik mehr.

In Woody Allens „Bullets over Broadway“ ermordet ein Autor eine Schauspielerin, weil sie seine Texte schlecht spricht.

Das Gefühl habe ich auch schon dann und wann erlebt. Es ist natürlich blöd, wenn man den Leuten hinterher sagen möchte: Ihr hättet das Sendebuch lesen müssen – da war’s noch lustig.

Namen?

Ich sage dazu nichts.

Dann komme ich mal von mir aus auf Sonja Zietlow. Mit der arbeiten Sie seit Jahren.

Sie hat die sehr schöne Gabe, sich Texte zu merken. Und ein gutes Gespür dafür, wo die Pointe liegt. Ganz abgesehen davon, ist es wirklich angenehm, mit ihr zu arbeiten – was beim Fernsehen schon viel wert ist.

Hat sie auch Schwächen? Ich finde ja ihre Angewohnheit heikel, Gegenstände in die Kamera zu halten , sobald der Ko-Moderator im Bild ist.

Bei manch einem kann das ja optisch sehr helfen. Ansonsten sollte man ihren Mann fragen: Olli Haas ist ja meistens ihr Autor.

Ich hätte gedacht, dass Zietlow-Witze aus ehehygienischen Gründen von Ihnen kommen.

Ihre Gags schreibt vor allem er. Ab und zu darf ich auch mal einen schreiben. Wenn ich artig war. Ich bin mir sicher, dass Sonja Schwächen hat und er sie kennt. Er wird nie darüber reden.

Sie machen beides: selbstironisches Anti-Star-TV – und brave Familienshows. Haben Sie im Dschungel Sehnsucht nach der guten alten Zeit?

Nur weil ich dazu in der Lage bin, den ein oder anderen gemeinen Spruch zu bringen, muss ich für ein harmonisches Miteinander nicht völlig verloren sein. Im Gegenteil: Die öffentlich-rechtlichen Seniorenflüsterer sind privat wahrscheinlich noch schlimmer als wir im Dschungel. Ich bin mir sicher, dass selbst ein so angenehmer Zeitgenosse wie Michael Schanze jenseits der Kamera sehr hässliche Witze auf Lager hat.

Zumal die Öffentlich-Rechtlichen sich immer mehr für den privaten Trash öffnen – beim Mallorca-„Wetten, dass..?“ wurden die Geissens und Cindy aus Marzahn zu ZDF-Stars.

Die Öffentlich-Rechtlichen beschränken sich ja nicht nur auf „Wetten, dass..?“. Ihren Informationsauftrag erfüllen sie doch ganz gut. Und in der Unterhaltung geht’s voran. Die „heute-show“ und „Leute, Leute“ zeigen, dass es auch dem ZDF durchaus möglich ist, die Menschen abseits der Informationsbeschaffung bestens zu unterhalten.

Na klar, bei den beiden Formaten sind Sie im Autorenteam! Die neue Haushaltsabgabe zahlen Sie als Nutznießer gern?

Absolut. Die paar Euro zahle ich gerne. Und wenn es nur wäre, um Markus Lanz zu finanzieren.

Bei dem Sie erschreckend häufig zu Gast sind. Im Dschungelcamp-Umfeld Anfang des Jahres gleich zweimal.

Was Cindy für „Wetten, dass..?“ war, bin ich für seine Talkshow.

Ich habe mich gewundert, dass Daniel Hartwich nach dem Tod von Dirk Bach das Dschungelcamp übernommen hat. Hat man es Ihnen nicht angeboten?

Nicht ernsthaft. Mir kam Daniel Hartwich aber sofort extrem stimmig vor; er hatte ja schon das Magazin aus Australien moderiert. Außerdem ist er ein wahnsinnig angenehmer Typ, der die Texte angemessen rüberbringt und auch noch spontan witzig sein kann. Er ist die absolute Top-Besetzung. Davon ab: Soll er sich doch im nächsten Jahr Ihre 16 Kritiken um die Ohren hauen lassen, Herr Benedict!

Aber er musste dann schon noch abnehmen, um Ihnen wenigstens optisch zu ähneln. Vor dem Dschungel war er ja eher mopsig.

Ich weiß nicht, ob ich wirklich das Vorbild gewesen bin, aber er legt echten Ehrgeiz in sein Gewicht.

Das Dschungelcamp hat eine enorme mediale Aufwertung erfahren – bis zur Grimme-Nominierung. Was für eine Halbwertszeit haben TV-Tabus?

Manche halten sich vermutlich ewig – und das ist auch gut so. Andere kippeln schneller. Das Fernsehen ist genauso dynamisch wie das Leben auch. Es ist doch schön, dass wir zwischen Januar und April der nationale Kratzbaum sein dürfen.

Gibt es Formate, die auch Sie grenzverletzend finden?

Im Dschungel kenne ich keine Skrupel. Aber ich habe Probleme mit Formaten, die Schutzbedürftige vorführen. Also mit allem, was sich rechts und links von Schwiegertöchtern und Bauern bewegt. Abgesehen davon, habe ich auch nicht das Bedürfnis, mich im selben Fernsehstudio wie Dieter Bohlen zu bewegen. Zumindest nicht, solange es bei mir finanziell noch gut läuft. Ich habe keine Lust, Teil seines Kosmos zu sein.

Datingshows konstruieren Hassfiguren. Der Dschungel macht das nicht absichtlich – wie verhindern Sie, dass es aus einer Eigendynamik passiert?

Beim Dschungelcamp gibt es – ich schwöre! – immer noch ein paar Verantwortungsbewusste, die einschreiten, wenn es kippen könnte und ein Mensch sich ernsthaft selbst zu schaden droht. Ich unterstelle Formaten wie „Bauer sucht Frau“, dass dort genau das Gegenteil praktiziert wird. Die wollen Opfer.

Hat Ramona Leiß begriffen, dass sie als Verliererin aus dem Dschungelcamp geht?

Sie mag tatsächlich ein schwieriger Fall gewesen sein. Ich hatte aber noch mehr Angst um Sarah Knappik. Glücklicherweise setzt die Selbstreflexion bei manchen Leuten erst nach Jahrzehnten ein. Von daher müssen wir uns auch um Sarah keine großen Sorgen machen.

Der Dschungelkönig Joey hat erzählt, dass sein Vater ihm 14 Jahre lang die Knochen gebrochen, ihn durch Fenster geworfen und als Dämon bezeichnet hat – überprüfen Sie das?Und ist er bei Ihnen gutaufgehoben?

Mir persönlich war das vorher nicht bewusst; ich hätte es auch nicht erfahren müssen. Bei der Regentschaft von Joey kann ich allerdings nichts Negatives finden. Die Nation hat natürlich Spaß mit ihm, aber die Leute lachen mit ihm über ihn. Was die Überprüfbarkeit der Vorwürfe angeht: Wir haben eine sehr große Redaktion, und ich vertraue ihr. Ich bin mir sicher, dass so etwas abgeklärt wird. Zumal in der Vergangenheit schon Dinge nicht gesendet wurden, um Protagonisten juristisch zu schützen.

Sie machen Gags über Magersucht, Alkoholismus und den Anschlag von Lockerbie (270 Tote). „Immer Lockerbie bleiben!“ Ab welcher Größenordnung respektieren Sie Tabus?

Wir haben keine 300-seitige Produktionsbibel, in der wir unsere Schmerzgrenze festklopfen. Aber wenn von zehn Leuten im Raum plötzlich neun heftige Bauchschmerzen bekommen, lassen wir es intuitiv weg. Würden wir allerdings Magersucht, Alkoholismus und derartige Zivilisationskrankheiten ausklammern, könnten wir den Betrieb einstellen – vor allem, wenn die Probleme offensichtlich sind. Altes Fernsehsprichwort: Wenn ein Elefant im Studio steht, stell ihn vor.

Wie reagieren die Kandidaten nach der Show?

Soweit ich weiß, redet Peter Bond nicht mehr mit Sonja Zietlow. Das hängt in diesem Fall aber auch damit zusammen, dass Eigen- und Fremdwahrnehmung bei ihm canyonartig auseinanderklaffen. Dass ich Katy Karrenbauer mit dem Plakat des Splatterfilms „Machete“ verglichen habe, hat mir dagegen nicht geschadet. Wir sind bei Facebook befreundet. Enger kann eine Beziehung ja kaum sein.

Kürzlich hat die Internetöffentlichkeit den NDR-Moderator Hinnerk Baumgarten und Katja Riemann zerpflückt – wegen eines irrelevanten Pannen-Interviews. Verroht das Fernsehen oder das Publikum?

Ein Großteil der Leute ist sicher total in Ordnung. Aber das Internet hat sich zum mittelalterlichen Marktplatz entwickelt. Über dieses Thema kann man sich sowohl mit Peer Steinbrück als auch mit Markus Lanz einen ganzen Abend tiefschürfend unterhalten.

Beim Dschungelcamp dürfen Sie auch den eigenen Sender bloßstellen. Dürfen Sie als Guinness-Moderator bei RTL2 auch die Geissens veralbern?

Das lasse ich mir nicht nehmen.

Das ginge bei der ZDF-„Pyramide“ vermutlich nicht.

Nehmen Sie bitte sofort den Finger aus meiner Wunde. Na ja, im Studio ging’s schon. Leider ist das ein oder andere dem Schnitt zum Opfer gefallen. Na ja, das ZDF-Publikum um 16 Uhr ist halt ein anderes als das von Pro Sieben zur Primetime. Die Erfahrung zeigt, dass Selbstironie sich immer lohnt – nicht nur im Dschungel und bei der „heute show“. Ich würde mir wünschen, dass es Schule macht. Auch bei RTL selbst. Bei vielen Redakteuren regiert die Angst, dass bei Selbstironie Marktanteile wegbrechen.

Apropos. Bei YouTube bin ich gerade vierter Abonnent eines Micky-Beisenherz-Channels geworden, der Pantomimen vom „Affenmann“ und einen „Mongo mit iPhone“ zeigt. Ist das wirklich Ihr Channel, oder will Ihnen jemand schaden?

Das ist auf jeden Fall meine Sprache; es muss von mir sein. Aber auch sehr alt. Wohl auf ’nem Nokia 5110 gedreht. Wer um Gottes willen sind die anderen drei Abonnenten? Verbuchen Sie das bitte unter Jugendsünde.

Wir verbuchen – und verlinken es - unter Jugendsünde.

Aufschrei!

Micky Beisenherz

wird am 28. Juni 1977 in Recklinghausen geboren. Nach dem Abitur erarbeitet er sich im Eiltempo die Genres der Rundfunk-Unterhaltung – sodass er heute die Extrempole des TV-Entertainments: Beisenherz ist vor und hinter der Kamera tätig; er arbeitet für private und öffentlich-rechtliche Sender. Als Gag-Autor ist er für den aggressiven Spott und die schonungslose Selbstironie des Dschungelcamps verantwortlich. In der „Pyramide“, die er 2012 von Dieter Thomas Heck geerbt hat (im Bild beide bei Lanz), gefällt er als freundlicher junger Mann dem ZDF-Nachmittagspublikum. Auch für die ZDF-Satire-Formate „heute show“ und „Leute, Leute“ schreibt er. Komiker wie Atze Schröder und Hans Werner Olm sprechen seine Gags. Gerade präsentiert Micky Beisenherz an der Seite von Sonja Zietlow immer mittwochs um 20.15 Uhr die „Guinness-Show“ bei RTL II.