Drehbuchautor veröffentlicht Roman Beim Romanschreiben redet Sascha Arango keiner rein

Von Marcel Kawentel | 03.07.2014, 18:47 Uhr

In der Frühzeit des Fernsehens war das Medium so attraktiv, dass sich Schriftsteller wie Heinrich Böll auf diesem neuen Terrain ausprobieren wollten. Heute suchen etablierte Drehbuchautoren wieder die kreative Freiheit als Romancier. Aktuelles Beispiel ist Sascha Arango mit seinem Roman „Die Wahrheit und andere Lügen“.

Als preisgekrönter Drehbuchautor diverser „Tatort”-Folgen hat sich der 54-jährige Sascha Arango einen Namen gemacht. Auch wenn er seine Drehbucherfahrung beim Schreiben seines Debütromans „Die Wahrheit und andere Lügen“ als hilfreich empfand, glaubt Arango: „Erfahrung schützt nicht vorm Scheitern, und Handwerk schon gar nicht“, wie er im Gespräch mit unserer Redaktion erzählt.

„Ein Abenteuer“ sei das Schreiben jedes Mal aufs Neue. „Der Unterschied zwischen Drehbuch und Roman ist vielleicht wie der zwischen einem Spaziergang und einer Expedition. Das Drehbuch erfordert einen sehr technischen, filmischen Verstand. Es ist eine zweidimensionale Handlungsbeschreibung. Ein Roman ist multidimensional.“

Aus Drehbuch wird Roman, aus Roman Drehbuch

Allerdings, wie schon „Black Box“ aus der Feder von Mario Giordano, war auch Arangos Idee zunächst als Drehbuch geplant. In Giordanos Fall wollte den Stoff niemand verfilmen, also schrieb er ihn als Roman, um daraus wiederum später das Drehbuch für den Kinofilm „Das Experiment“ zu machen. Arango erkannte hingegen früh, dass sein Stoff sich weniger als Drehbuch denn als Roman eignet.

„Diese ganze Welt der Innerlichkeit, des Heimlichen, der Lüge und der Wahrheit, die mich zentral interessierte, ließe sich im Film überhaupt nicht verarbeiten. Ich hatte Lust, mich so richtig in die Seele dieses Menschen zu versenken.“

Dieser Mensch ist sein Protagonist Henry, der mit zwei Frauen und vielen Lügen jongliert und dabei den Leser ebenso fasziniert, wie er sich immer weiter auf den Abgrund zuzubewegen scheint. So stark das als Roman ist, so sehr sieht man beim Lesen doch den Film vor Augen.

„Ich kann gar nicht anders als bildhaft und szenisch zu schreiben“, verrät Arango. Umso leichter dürfte es ihm nun fallen, das Drehbuch zur Verfilmung seines eigenen Romans zu schreiben. Nach dem Erfolg der englischen Übersetzung unterbreitete Hollywood ihm ein Angebot.

Arango macht es wie Giordano

„Ich hatte eigentlich nicht den Plan und mich schon gefreut, dass es jemand anders machen muss“, gesteht Arango. „Aber das Angebot war dann doch zu verführerisch.“ Nun adaptiert er also, wie Giordano beim „Experiment“, seinen eigenen Roman.

Auch „Tatort“-Kollege André Georgi hat mit „Das Tribunal“ einen Roman veröffentlicht, der auf einem Drehbuch basiert. Eine Einschätzung, auf die man bei zweigleisig fahrenden Autoren oft stößt, ist die, dass dem Autor beim Fernsehen die „kreative Kontrolle“ (Georgi) fehle. Mario Giordano genießt es, einen Romanstoff länger für sich zu haben, bevor er ihn offenlegen muss, wie er im Podcast „Stichwort Drehbuch“ berichtet. Und auch Sascha Arango hat diese Erfahrung gemacht: „Beim Roman redet einem keiner rein. Da stellt niemand Forderungen.“

Doch er mag sich auch der oft gehörten Redakteursschelte nicht anschließen. „Die sind ja bemüht, das Beste rauszuholen“, so Arango. „Das ist vollkommen klar, dass da viele mitreden wollen. Film ist Kollektiv. Roman ist allein.“ Tatsächlich, so Arango, ist die größere Verantwortung aber auch ein zweischneidiges Schwert. „Es gibt kein Korrektiv, man ist einzig und allein verantwortlich für seine Arbeit.“

Fürs Fernsehen schreibt Arango trotzdem weiter. Einen neuen „Tatort“ hat er gerade fertiggestellt. Nun steckt er bereits in der ersten Fassung für das Drehbuch zu „Die Wahrheit und andere Lügen“. Über den Umweg des Schriftstellers hat es ein deutscher Drehbuchautor nach Hollywood geschafft. Oder, um es mit Arangos Worten zu sagen: Die Expedition hat ihn auf einen neuen Spaziergang geführt.