„Diesmal ist alles live“ Ludwigshafen-„Tatort“ ohne Drehbuch

Von dpa | 29.06.2016, 14:36 Uhr

Keine ausformulierten Dialoge, keine festen Abläufe: Regisseur Axel Ranisch dreht in Ludwigshafen einen Spontan-„Tatort“ ohne Drehbuch. Die Schauspieler um Ulrike Folkerts erleben so manche Überraschung.

Sessel und Sofas aus rotem Plüsch gruppieren sich um alte Holztischchen mit rosa Tischtuch. Regisseur Axel Ranisch steht im Foyer des Theaters Hemshofschachtel in Ludwigshafen und blickt die Mitglieder des Mundart-Ensembles strahlend an. „Wir drehen jetzt die schöne Szene Massenverhör.“ Nach dem Tod der Theater-Gründerin ist praktisch jeder verdächtig und wird von der Kommissarin verhört. „Die Fragen verraten wir jetzt nicht, damit ihr spontan bleibt“, sagt Ranisch.

Beim Dreh für den nächsten Ludwigshafen-„Tatort“ mit Ulrike Folkerts (Kommissarin Lena Odenthal) ist vieles anders. Ranisch setzt bei seinem Debüt für die ARD-Krimi-Reihe auf Improvisation, ein festes Drehbuch gibt es nicht. Ein Jahr lang wurden gemeinsam mit den Darstellern die Figuren entwickelt und ein grober Handlungsfaden erstellt. Was genau in einer Szene passiert und was gesprochen wird, ergibt sich aus der Situation heraus. Wild und leidenschaftlich gehe es am Set zu, sagt der 32 Jahre alte Ranisch. „Wir hauen hier richtig auf die Kacke.“

Auch Folkerts kennt den Mörder nicht

„Unglaublich anders“, so beschreibt Hauptdarstellerin Ulrike Folkerts die Dreharbeiten. „Als ich von der Idee gehört hab, dachte ich zuerst, das kann nicht euer Ernst sein“, erzählt sie. Inzwischen mache es aber richtig Spaß. Ranisch lässt in chronologischer Reihenfolge drehen, hat auch Folkerts nicht verraten, wer der Mörder ist. „Da stelle ich ganz andere Fragen, weil ich ja wirklich nichts weiß“, sagt Folkerts.

Das Improvisieren ermögliche große Freiheit. „Da kommen sehr wahrhaftige Momente dabei heraus.“ Schön findet Folkerts, mal nicht ein Drehbuch mit 120 Seiten vorgesetzt zu bekommen, das man auswendig lernen muss. Schauspieler und Regisseur verwenden häufig das Wort authentisch. Lisa Bitter, die im Film die zweite Kommissarin Johanna Stern spielt, ergänzt: „Man ist sonst immer so allwissend. Diesmal ist alles live.“

Leidenschaftliche Amateur-Schauspieler

Das gilt natürlich auch für die Darsteller der Hemshofschachtel, die neben dem Schauspielern teils ganz gewöhnlichen Berufen nachgehen. „So hab ich noch nie gespielt. Ich darf machen, was ich will“, erzählt Theater-Gründerin Marie-Louise Mott in breitem pfälzischem Dialekt. Sie berichtet von ihrer ersten Begegnung mit Regisseur Axel Ranisch am Set. „Bübchen, was machst du denn hier?“, habe sie ihn gefragt. „Ich dachte, das ist vielleicht der Kabelträger.“ Heute lachen beide gemeinsam darüber.

Folkerts zeigt sich begeistert von Motivation und Leidenschaft der Amateur-Schauspieler. Weil vier Wochen am Stück gedreht werde, hätten sich viele sogar Urlaub genommen. Auch die pfälzische Mundart hat die 55-Jährige ins Herz geschlossen. „Das versteht man wahnsinnig gut, wir werden da auf keinen Fall Untertitel drunter setzen.“ Zu sehen gibt es „Babbeldasch“ dann im kommenden Jahr.