Der Held im roten Jaguar Erfolgreichste Krimiheftserie der Welt: „Jerry Cotton“

Von Tobias Sunderdiek | 07.10.2017, 08:00 Uhr

„Jerry Cotton“ – die Abenteuer des New Yorker FBI-Ermittlers gelten als erfolgreichste Krimiromanheftserie der Welt. Ihr Geburtsort ist jedoch Deutschland.

Sein Name ist Cotton. Jerry Cotton. Sein Beruf: „G-Man“. Seine Aufgabe: Das Verbrechen zu bekämpfen. Und das macht der virile FBI-Beamte bereits seit 1954; etwa 3000 Fälle hat er seitdem gelöst. Und er ist bis heute am Kiosk präsent. Mehr noch: Mit einer Auflage von einer Milliarde Exemplaren gilt „Jerry Cotton“ gar als erfolgreichste Kriminalromanreihe der Welt. Ein „Law and Order“-Held aus Deutschland, der sich auch zum Exportschlager entwickelte: Übersetzungen erschienen unter anderem in Norwegen, Italien, Israel, Japan oder Brasilien.

Ob „Leichentanz in Hollywood“, „Giftgas in New York“ sowie „Ich jagte den Diamanten-Hai“ – die Titel sind so reißerisch wie ihr Inhalt. Ein Konzept, das sich seit Erscheinen des ersten Bandes „Ich suchte den Gangster-Boss“ nicht geändert hat. Dabei war Jerry Cotton zunächst nur ein Held unter vielen, die in der „Kriminalroman“-Reihe des Bastei-Verlags aus Bergisch Gladbach auftraten. Erst 1956 wurde Jerry Cotton zum Markennamen einer eigenständigen Heftromanserie, „wegen des großen Erfolges“.

Kurioserweise begann die Serie jedoch in parodistischer Absicht. Journalisten enthüllten 1988, dass „Jeremias Baumwolle“, so die deutsche Übersetzung von „Jerry Cotton“, von Delfried Kaufmann erfunden wurde, einem Vertreter des Waschmittelkonzerns Henkel. Seine ursprüngliche Absicht war es, das Thrillergenre zu persiflieren. Doch Cottons Abenteuer trafen den Geschmack der Leser, und rasch schrieben andere Autoren die Reihe weiter. Kaufmann selbst bestand auf Anonymität. Angeblich auf Wunsch seiner Ehefrau, da sie sich für „das Geschreibe“ ihres Mannes schämte.

Erzählt werden die Fälle dabei stets aus der Ich-Perspektive Jerry Cottons. Dabei wird stets eine Authentizität des Handlungsortes New York angestrebt. Autoren werden deswegen auch vom Verlag dazu angehalten, Stadtpläne genau zu studieren.

Unveränderlich sind seit Jahrzehnten zudem besondere Kennzeichen des Titelhelden: Cotton fährt stets einen roten Jaguar Typ E, er ermittelt zusammen mit seinem Partner Phil Dekker und benutzt eine sechsschüssige Smith&Wesson-Pistole. Frauen sind lediglich dazu da, beschützt zu werden, und Alkohol bleibt eher tabu. Nach dem Leitfaden für die Autoren der Heftreihe ist es zudem verboten, Priester oder Richter mit finsteren Absichten zu belegen. Ebenfalls verboten sind explizit angelegte sexuelle Handlunge und „die Bagatellisierung des Ehebruchs“. Es wundert also nicht, dass die „Bundeszentrale für jugendgefährdende Schriften“ die Romanreihe in den 60er Jahren als „vorbildlich“ lobte.

Film mit Comedy-Stars

Enorme Popularität erlangte die Serie durch die zwischen 1965 und 1969 entstandenen acht deutschen Kinofilme mit Hollywood-B-Film-Schauspieler George Nader als Jerry Cotton. Titel wie „Die Rechnung – eiskalt serviert“, „Der Mörderclub von Brooklyn“ oder „Dynamit in grüner Seide“ sind noch heute vielen Fans präsent. Zusammen mit den „Kommissar X“-Filmen, von denen etwa zeitgleich zwischen 1965 und 1971 sieben Verfilmungen entstanden, war es die populärste Kinoreihe jener Zeit, die auf einer deutschen Heftromanserie basiert.

Die „Kommissar X“-Romanreihe wurde ab 1958 vom Rastatter Pabel-Verlag als Konkurrenzprodukt zu „Jerry Cotton“ auf den Markt gebracht. Doch trotz ähnlicher Erzählmuster gewann „Jerry Cotton“ letztlich doch das Duell am Kiosk.

Der kantig-kernige George Nader war häufig als Fotomotiv auf den charakteristisch rot umrandeten Covern zu sehen, die traditionsgemäß meist Standbilder aus Kriminalfilmen übernehmen.

2010 erschien außerdem mit dem schlicht betitelten „Jerry Cotton“ eine weitere Verfilmung, diesmal mit den Comedy-Stars Christian Tramitz als Cotton und Christian Ulmen als Dekker. Der Film war jedoch eher als Hommage denn als Parodie angelegt. Schließlich war „Jerry Cotton“ da schon längst ein etabliertes Pop-Kulturgut.

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