Daten-GAU droht Digitale Medien: Löchrig wie Schweizer Käse

Von Tobias Sunderdiek | 11.12.2015, 10:00 Uhr

Stehen wir vor einem Daten-GAU? Werden Informationen, die die Menschheit jetzt sammelt, demnächst für immer verschwinden? Die Arte-Dokumentation „Unser digitales Gedächtnis“ zeigt auf, wie Wissenschaftler fieberhaft daran arbeiten, unsere Dokumente zukunftssicher zu archivieren. Dabei drängt die Zeit: Digitale Medien sind zur Speicherung denkbar ungeeignet, besitzen sie doch nur eine geringe Gebrauchs- und Lebensdauer.

Archäologen in der Zukunft könnten es schwer haben. Wenn sie nämlich bereits in ein paar Jahrzehnten über unsere heutige Zeit nachforschen wollten, könnten sie dabei auf einen weißen Fleck stoßen. Welche Bücher lasen die Menschen damals? Wie hoch war der Wissensstand? Welche Filme bewegten sie? Was könnten uns ihre Schnappschüsse vom Alltag zeigen, wenn sie denn auffndbar wäre? All das könnte unbeantwortet bleiben. Eine Horrorvorstellung? Oder ein sehr wahrscheinliches Szenario?

Der Grund dafür, dass die meisten unserer Spuren unserer Existenz verschwinden könnten, dürfte an unseren digitalen Speichermedien liegen. Denn obwohl das Wissen der Menschheit geradezu explodiert und noch nie so leicht verfügbar war, ist die Datensicherung ein großes Problem. Denn werden all unsere Informationen in Nullen und Einsen verwandelt, also digitalisiert, könnten diese bald aus zwei Gründen verschwinden.

Neue Technik frisst Daten

Zum einen ist da die technische Weiterentwicklung. Zukünftige Computer könnten auf frühere Daten nicht mehr zugreifen, weil sich Soft- oder Hardware radikal geändert hätten. Ein Beispiel, dass jedem bekannt sein dürfte: Alte Diskettenlaufwerke findet man schon seit Jahren nicht mehr, Atari-Computer befinden sich inzwischen in Museen , Laser-Discs wurden längt von DVDs und BluRays abgelöst, Lochkarten sind ins Altpapier gelandet, Super-8-Filme sind etwas für Nostalgiker .

Zum anderen ist da aber auch der physische Verfall. Während antike, in Stein gemeißelte Keilschriften Jahrtausende, Bücher wie die Luther-Bibel Jahrhunderte und 35mm-Kinofilme bei richtiger Lagerung etwa 100 Jahre überdauern, haben DVDs, USB-Sticks oder auch Festplatten eine Lebensdauer von günstigenfalls einigen Jahrzehnten, manchmal nur von wenigen Jahren. Ihre Trägerschichten lösen sich auf oder ihre Funktionstüchtigkeit hört plötzlich auf zu existieren. Schuld daran sind Temperaturunterschiede, Feuchtigkeit oder auch Staub. Urlaubsfotos wären dann verloren, genau wie wissenschaftliche Daten oder ganze Filmsammlungen.

Bietet der genetische Code eine Rettung?

Besteht die Lösung im Übertragen auf analoge Medien? Schon heute lagern Wissenschaftler wichtige Dokumente als Mikrofilm oder in Tontafeln in Salzbergwerken. Aber es gibt auch andere Verfahren, die gerade erprobt werden. Etwa eine Informationsablagerung in DNA-Molekülen. Denn so, wie man den genetischen Code von vorzeitlichen Mammuts entschlüsseln könnte, könnte man noch Jahrtausende später die Molekülketten nach erfolgter kühler Lagerung entschlüsseln. Dazu müsste der binäre Computer-Code nur in die vier DNA-Bausteine umgewandelt werden. Erste Versuche erwiesen sich als vielversprechend. 

Auch mit Quarz wird experimentiert. Es ist ein sehr beständiges Mineral, das eine Codierung der Daten auch in in mehreren Schichten zulässt, jedoch längst nicht so speicherintensiv ist wie etwa die DNA.

Und Papier? Ist bekanntlich geduldig. Jedoch nur, solange die Blätter nicht säurehaltig und mit einer bestimmten Tinte beschriftet sind. Schon heute wird dieses uns seit Jahrtausenden vertraute Medium für die Verwaltung des Atommülls verwandt. Denn der strahlt auch dann noch Jahrtausende später, wenn es längst keine CDs, Festplatten oder USB-Sticks geben wird.

Anfälligkeit der digitalen Medien ganz praktisch

Ironischerweise zeigte übrigens die Recherche zu diesem Thema bereits, wie anfällig digitale Medien sind. So war das Vorab-Online-Streaming der Dokumentation auf dem Presseserver von Arte für mehrere Stunden blockiert. Fürwahr: Passender hätte man das Thema wohl kaum illustrieren können.

Ergänzende Informationen zum Thema stellt der Sender auch online bereit unter: http://future.arte.tv/de/digitales-gedachtnis