Das ZDF hat die Nase klar vorn Bestes Fernsehen 2015: Die Hits unserer TV-Kritiker

Von Joachim Schmitz | 31.12.2015, 06:53 Uhr

Die üblichen Quotenkönige und jede Menge positive Überraschungen – das deutsche Fernsehen hatte neben diversen Flops auch im vergangenen Jahr wieder einiges an hochwertigen Produktionen zu bieten. Unsere TV-Kritiker benennen ihre Favoriten des Jahres 2015. Klarer Sieger: das ZDF.

 Neo Magazin Royal (ZDFneo) 

Bei „Günther Jauch“ erregte man sich im März 2015 noch nicht über Flüchtlinge, sondern über die Griechen, besonders über deren damaligen Finanzminister Yanis Varoufakis, der den Deutschen, so suggerierte es ein Einspielfilmchen, den Mittelfinger gezeigt hatte. Aber hatte er das tatsächlich? Jan Böhmermann jedenfalls behauptete in seiner ZDFneo-Sendung „Neo Magazin Royal“, dass man dort den Film gefälscht hätte , um die Jauch-Redaktion in die Irre zu führen - und belegte dies mit einem sehr glaubhaften Video. Danach explodierte über den Hashtag #varoufake das Internet - und Günther Jauch festigte wohl seinen Entschluss, seine Talkshow nicht bis in alle Senderewigkeit fortzusetzen. Letztendlich war der Fake ein Fake, doch die Diskussion um unlautere Meinungsmache und täuschende Bilder in vollem Gange - und Böhmermann in aller Munde. Well done! Corinna Berghahn

 Kommissar Beck (ZDF) 

Er ballert nicht wild um sich. Er fragt. Dann denkt er. Dann bespricht er sich mit seinem Team. Damit löst er in Ruhe seine Fälle. Und dabei kann man ihm hervorragend zuschauen. 1965 publizierten die schwedischen Autoren Maj Sjöwall und Per Wahlöö ihre erste Geschichte über Kommissar Beck , seit 1995 werden die Krimis verfilmt. Nach längerer Pause kamen 2015 neue Folgen ins deutsche Fernsehen. Zum Glück. Die Ermittler-Figuren haben Tiefe, zudem werden sie von Peter Haber, Mikael Persbrandt und den anderen Darstellern bestens verkörpert. Marie-Luise Braun

 Pelzig hält sich (ZDF) 

 Erwin Pelzig , der Mann mit Cordhut, Karohemd und Herrenhandtasche, hat ausgetalkt. Bei „grenzwertiger“ Bowle befragte Pelzig alias Frank-Markus Barwasser Prominente und andere interessante Persönlichkeiten auf unnachahmliche Art: messerscharf, schlagfertig, intelligent, unberechenbar – aber immer unterhaltsam. Ich werde dieses Format vermissen. Tom Heise

 Ein großer Aufbruch (ZDF) 

Ich mag diese kammerspielartigen Filme. Die, die ohne große Landschaften auskommen, ohne fantastische Sonnenuntergänge und gewaltige Kulissen. Filme, die auf die Schauspieler setzen, die mit Mimik und Gestik Emotionen erzeugen und auf Dialoge, die kein flaches Geschwätz oder albernes Geplapper sind. „Ein großer Aufbruch“ war so ein Film. Ein Bauernhaus reichte als Kulisse, dazu sieben Schauspieler, die mit ihrem gemeinsamen Leben abrechnen: Matthias Habich, Hannelore Elsner, Ulrike Kriener, Edgar Selge, Ina Weisse, Katharina Lorenz, Matthias Brandt. Sie können das, sie tragen das und sie hatten erkennbar Spaß an der Arbeit – auch wenn Thema wenig witzig war. Mehr davon. Susanne Haverkamp

 Silvia S. - Blinde Wut (ZDF) 

Eine Frau fühlt sich von ihrer Umwelt, ihrer Familie, selbst vom eigenen Kind hintergangen und verraten, empfindet jede noch so kleine Niederlage als bittere Kränkung und steigert sich in einen Wahn hinein, der unaufhaltsam in einen Amoklauf eskaliert. Regisseur Friedemann Fromm ist mit „Silvia S. - Blinde Wut“ ein beklemmendes Psychogramm gelungen, das seine beängstigende Wirkung vor allem aus der großartigen Schauspielkunst von Hauptdarstellerin Maria Simon bezieht. Frank Jürgens

 Meister des Todes (ARD) 

„You want the real thing? Go to Mexico.“ Mit diesem Tipp eines Informanten begann die Geschichte zu „Meister des Todes“ , nach „Der blinde Fleck“ der zweite „investigative Spielfilm“, wie Daniel Harrich seine Herangehensweise nennt. Durch intensive Recherche, aber auch durch eine sorgfältige Inszenierung gelang ihm ein stark besetzter Politthriller über deutsche Waffengeschäfte, der den Vergleich mit internationalen Produktionen nicht zu scheuen braucht. Marcel Kawentel

 Broadchurch (ZDF) 

Ein Verbrechen erschüttert eine kleine Stadt an der britischen Südküste. Die Ermittlungen dauern. Trauer, Misstrauen, Verdächtigungen bestimmen die Tage danach. Staffel 1 der achtteiligen britischen Serie „Broadchurch“ , vom ZDF mitfinanzierter Auftakt einer Trilogie, mischt Krimi und Tragödie, zeigt die Auswirkungen eines Verbrechens auf alle Beteiligten: Opferangehörige, Zeugen, Verdächtige, Ermittler. Frei von brutalen Szenen und Verfolgungsjagden, dennoch hochspannend. Mit großer Könnerschaft erzählt und vielfach preisgekrönt. Harald Keller

 Deutschland 83 (RTL) 

Für die „Bild“ war es der „Flop des Jahres“, für mich die beste deutsche (Mini-)Serie, die es je bei einem deutschen Privatsender zu sehen gab. Für die „Bild“ zählte die Quote, für mich die Qualität: „Deutschland 83“ war acht Folgen lang spannende Unterhaltung auf höchstem Niveau. Vielleicht passen ja anspruchsvoll und RTL nicht zueinander. Umso beachtlicher, dass der Sender am Konzept solcher Produktionen festhalten will. Joachim Schmitz

 Uran und Mensch - ein gespaltenes Verhältnis (Arte) 

Am 6. und 9. August dieses Jahres jährten sich die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki zum 70. Mal. Aus diesem Anlass zeigte Arte eine zweiteilige Dokumentation des australischen Wissenschaftsjournalisten Derek Muller über die Geschichte der Radioaktivität. Informativer, anschaulicher, leichtfüßiger als diese 100 Minuten kann Wissenschaftsfernsehen nicht sein. Faszinierend ist vor allem Mullers Besuch im Sperrgebiet von Tschernobyl. Da bleibt wirklich kein Wunsch offen. Hendrik Steinkuhl

 Sühne (Arte) 

Ein Mädchen wurde ermordet! Und nicht ohne Zeuginnen. Doch ihre Freundinnen können den Täter nicht beschreiben, werden von der Mutter der Ermordeten aufgefordert, Buße zu leisten. So ungewöhnlich wie die Ausgangssituation ist, entwickelte sich auch die Geschichte der japanischen Mini-Serie „Sühne“ von Kinoregisseur Kiyoshi Kurosawa („Tokyo Sonata“). Eine hochspannende Mischung aus Dostojewski-Motiven, moralischen Fragen und verschachtelten Story-Variationen. Tobias Sunderdiek