Das Absurde im Alltäglichen Dokumentation zum 75. Geburtstag von Evelyn Hamann

Von Marie-Luise Braun, Marie-Luise Braun | 10.08.2017, 08:44 Uhr

Wer an Evelyn Hamann denkt, hat zumeist zeitgleich Loriot im Kopf. Doch die Schauspielerin hat nicht nur in seinen Sketchen und Komödien Frauen brillant verkörpert. Sie überzeugte auch in Filmen anderer Regisseure. Am 6. August wäre Hamann 75 Jahre alt geworden. Einen Blick auf ihr Leben wirft der NDR nun in einer sehenswerten Doku.

Als Evelyn Hamann in den 1980er Jahren bei Wim Thoelke in einer Sendung von „Der große Preis“ zu Gast war, versuchte er einen charmanten Gesprächseinstieg: „Sie sind ja eine sehr schöne Frau...“, setzte der Showmaster an. Der Rest des Satzes ging im herzlichen Gelächter von Evelyn Hamann unter. Thoelke wand sich peinlich berührt. Es ist wohl auch ihre Fähigkeit zur Selbstironie, die sie bei Kollegen, Zuschauern und Kritikern so beliebt gemacht hat.

Der NDR wirft jetzt aus Anlass ihres 75. Geburtstags und zehn Jahre nach ihrem Tod einen Blick auf das Leben und die Arbeit von Evelyn Hamann. Soweit es eben geht im Bezug auf ihr Leben – denn Privates behielt die gebürtige Hamburgerin gern für sich: „Es ist meine Kunst, weswegen ich angesprochen werde. Und das Tolle ist, dass das Publikum das schätzt“, sagte sie einmal in einem Interview auf eine Frage in diese Richtung.

Hier bietet auch die Dokumentation des NDR kaum neue Einblicke. Offenbar halten sich auch enge Freunde und Kollegen lange Jahre nach dem Tod respektvoll an den Wunsch der Schauspielerin nach Privatsphäre. Lediglich Hans-Walther Braun, mit dem Hamann von 1964 bis 1976 verheiratet war, äußert sich über seine Zeit mit ihr. Aber auch er hält sich weitgehend zurück.

Dennoch kommt ihre Persönlichkeit außerhalb der Rollen, von denen einige gezeigt werden, zum Tragen: Zum einen durch Ausschnitte aus Fernseh-Interviews und Talkshows, an denen Evelyn Hamann teilgenommen hat, zum anderen erzählen langjährige Weggefährten vom Film von Evelyn Hamanns Persönlichkeit. Darunter der Produzent Markus Trebitsch, der Regisseur Stefan Lukschy und der Schauspieler Gerhard Garbers, der in der Serie „Adelheid und ihre Mörder“ lange Jahre ihren Ex-Ehemann gespielt hat.

Das ist überwiegend interessant und unterhaltsam anzuhören. Warum aber ausgerechnet Hella von Sinnen sich zu Filmausschnitten mit Evelyn Hamann äußert, ist kaum zu erklären, vor allem dann, wenn sie Dinge sagt, die der Zuschauer auch ohne ihre Nachhilfe bemerkt, wie: „Da hört man, was für eine glockenreine Stimme sie hat und wie gut sie singen kann, die Frau Hamann. Prima!“ oder auch „Die kann ja alles tragen“ und: Nein, schön sei Evelyn Hamann nicht, aber wandelbar sei ihr Gesicht gewesen. Der Satz ist gerade von einer Frau, die sich dem Feminismus verschrieben hat, mehr als peinlich. Zumal von Sinnen keinen Zusammenhang zum Leben von Hamann herstellt. Hamanns markantes Äußeres hatte dafür gesorgt, dass ihre Karriere nur schleppend in Gang kam, wie sie selbst in Interviews sagte: „Ich war nun mal nicht der Prototyp des Gretchen, nicht im Mindesten hold und lieblich. Ich suchte verzweifelt nach Rollen.“

Wie es dann weiterging und wie die kongeniale Zusammenarbeit mit Vicco von Bülow (Loriot) begann, wird in der Doku gezeigt und auch wenn das nicht neu ist, wird es unterhaltsam erzählt. Es folgten Frau Hoppenstedt und das Jodeldiplom, Frau Dinkel im Sessel ihres Chefs, Hildegard und die Nudel und weitere Rollen, die auch in der 100. Wiederholung nicht langweilig werden. Viele Texte sind als Zitate in die Alltagssprache eingegangen, wie „Sagen sie jetzt nichts“ oder „Sie machen mich ganz verrückt“ und „Ach.“ Auch mit einem einzigen Wort konnte sie das Absurde im Alltäglichen herausarbeiten.

Auch wenn der Film am Anfang auf Hamann als „Loriots geniale Partnerin“ hinweist, würdigt er auch ihre anderen Rollen, mit denen sie im Fernsehen erfolgreich war. Dazu zählt „Adelheid und ihre Mörder“, in der sie in sechs Staffeln 65 Folgen lang dabei zu sehen war, wie sie als Sekretärin an ihrem Chef vorbei Mordfälle aufklärt. Unvergessen auch ihr Auftritt, mit dem sie „Schwarzwaldklinik“ adelte. In der Heile-Welt-Serie um Professor Brinkmann durfte sie von 1986 bis 1989 als zunächst strenge Haushälterin Carsta Michaelis langsam auftauen, ihr Herz für Männer entdecken – und auch so ihre Wandelbarkeit beweisen. So vielfältig wie bei Loriot durfte sie sich aber allenfalls in der Reihe „Geschichten aus dem Leben“ präsentieren, in der sie von 1993 bis 2005 in die unterschiedlichsten Rollen schlüpfte.