Chefredaktion geht auf Distanz „Bild“: Anti-Islam-Kommentar löst Empörung aus

Von Eva Voß | 28.07.2014, 17:34 Uhr

Hat Nicolaus Fest, Vize-Chefredakteur der „Bild am Sonntag“, seinen islamkritischen Kommentar wirklich ohne Absprache mit seinen Vorgesetzten veröffentlicht, oder handelt es sich um einen kalkulierten Tabubruch? Vermutlich wird sich das nie ganz klären lassen, eines ist dem Springer-Verlag mit dieser Aktion allerdings sicher: Aufmerksamkeit.

In der „Bild am Sonntag“-Ausgabe vom vergangenen Sonntag schrieb Vize-Chef Nicolaus Fest in seinem nur wenige Zeilen langen Kommentar unter anderem: „Nur der Islam stört mich immer mehr [...] Mich stören Zwangsheiraten, ,Friedensrichter‘, ,Ehrenmorde‘. Und antisemitische Pogrome stören mich mehr, als halbwegs zivilisierte Worte hergeben. Nun frage ich mich: Ist Religion ein Integrationshindernis? Mein Eindruck: nicht immer. Aber beim Islam wohl ja. Das sollte man bei Asyl und Zuwanderung ausdrücklich berücksichtigen!“

Erwartungsgemäß brach daraufhin eine Empörungswelle in den sozialen Netzwerken, vor allem bei Twitter, los. Zunächst amüsierte sich Fest noch über den „herrlichen Shitstorm“ , der nun folgte, doch kurz darauf änderte sich das vermutlich. Denn Fests Vorgesetzte, „Bild“-Chef Kai Diekmann und „Bild am Sonntag“-Chefin Marion Horn, distanzierten sich deutlich vom Kommentar ihres Kollegen. Diekmann schrieb auf „bild.de“ unter anderem: „[...]Wer eine Religion pauschal ablehnt, der stellt sich gegen Millionen und Milliarden Menschen, die in überwältigender Mehrheit friedlich leben. Genau solche Auseinandersetzung entlang religiöser Grenzen wollen wir NICHT. Wir wollen sie nicht führen, nicht befördern und nicht herbeischreiben. Denn sie enden immer verheerend – das hat die Geschichte oft genug gezeigt!“

Marion Horn stellte klar: „@BILDamSonntag hat Gefühle verletzt. Ganz deutlich: Wir sind nicht islamfeindlich! Ich entschuldige mich für den entstandenen Eindruck.“

Auch einige Politiker meldeten sich nach diesem Vorfall via Twitter zu Wort: Linken-Chef Bernd Riexinger etwa wirft der „Bild“-Zeitung einen „kalkulierten Tabubruch“ vor, um Auflage zu machen. Grünen-Politiker Volker Beck bezichtigte Nicolaus Fest einer „pauschalen Herabwürdigung der Religion des Islam“ und forderte „Bild“ auf, sich bei allen Muslimas und Muslims zu entschuldigen. Medienjournalist und „Bildblog“-Gründer Stefan Niggemeier brachte sogar eine Entlassung Fests ins Spiel.

Der Kommentar des „Bild am Sonntag“-Journalisten hat nicht nur wegen der Kritik am Islam für Empörung gesorgt, sondern auch, weil die „Bild“ erst am vergangenen Freitag die Kampagne „Stimme erheben“ gestartet hat. Sie war eine Reaktion auf judenfeindliche Parolen, die bei pro-palästinensischen Protesten in deutschen Großstädten gerufen wurden. Politiker und Prominente wie Bundespräsident Joachim Gauck, VW-Chef Martin Winterkorn oder Schauspielerin Iris Berben wurden mit Fotos auf der Titelseite der Zeitung abgebildet und betonten in ihren Statements, wie wichtig Toleranz und Vielfalt in Deutschland sind und welche besondere Rolle dem deutschen Staat bei der Bekämpfung von Judenhass zukomme.

Der Kommentar von Nicolaus Fest steht im krassen Gegensatz zu dieser Kampagne. Dieser Ansicht ist auch der Bundestagsabgeordnete Özcan Mutlu (Bündnis 90/Die Grünen). Via Twitter bat Kai Diekmann ihn um eine Stellungnahme. Auf „bild.de“ schreibt er unter dem Titel „Judenhass bekämpft man nicht mit Islamhass“ : „[...]Als überzeugter Demokrat in einem liberalen Land bin ich stolz auf unser Grundgesetz und das Recht auf freie Meinungsäußerung. Der Kommentar ist jedoch für mich Rassismus pur. Die Hasstiraden des Autors schüren ohne Not Vorurteile, Ängste und Menschenfeindlichkeit.“ [...]

Nicolaus Fest zeigte sich bisher wenig einsichtig. Sonntagabend twitterte Diekmann seine Stellungnahme zu dem islamfeindlichen Kommentar. Darauf stellte Fest infrage,ob man Islam und Islamismus überhaupt klar voneinander trennen könne, wie Diekmann es tat. Das wird vermutlich noch ein Nachspiel haben.