Bettina Reitz will die Degeto-Freitagsfilme weg aus der Süßholzecke holen Ein Quäntchen Mehrwert

Von Corinna Berghahn | 29.09.2011, 11:33 Uhr

„Die Landärztin“, „Die Alpenklinik“ und immer wieder Liebe, Liebe Liebe – ob am Fjord, nach Rezept oder gar im Halteverbot: So heißen einige der Filme der Degeto-Produktionen, die wöchentlich den Freitagabend auf der ARD bis zur Kariesgrenze versüßen. Aber das soll sich in Zukunft ändern, sagt die neue Chefin Bettina Reitz.

Es klingt nach frischem Wind, was die seit Mai amtierende Degeto-Geschäftsführerin Bettina Reitz in einem Interview für die Produktionen des Freitagabends ankündigt: Das Frauen- und Männerbild soll modernisiert werden, und „auch die Frage Land oder Stadt muss moderner erzählt werden als immer nur zu sagen: Das Land steht für Romantik und die Stadt für Kälte, Singleleben und Einsamkeit.“

Seit 1. Mai dieses Jahres ist Reitz Geschäftsführerin der Degeto Film GmbH, der gemeinsamen Filmeinkaufsorganisation der ARD. Sie kommt vom Bayerischen Rundfunk und war dort für zahlreiche preisgekrönte Produktionen wie den Oscar-nominierten „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ verantwortlich. Bei der Degeto betreut sie nun schwerpunktmäßig die Produktion, also auch die ARD-Schnulzen am Freitagabend.

Die in Frankfurt am Main beheimatete Degeto, gegründet 1928 als Deutsche Gesellschaft für Ton und Film, erwirbt seit 1959 für ihre Gesellschafter, die Landesrundfunkanstalten der ARD, die Lizenzen insbesondere an Spielfilmen und Serien. Zudem werden auch Sendungen kofinanziert, Produktionsbeteiligungen geleistet und Eigenproduktionen hergestellt. Zu den bekanntesten der Letzteren gehören die ARD-Filme des Freitagabends – und genau diese sind es auch, die ihr bei Kritikern oft vernichtende Kritiken bescheren. 2006 sprach der Bundesverband Regie (BVR) in einem offenen Brief von einer „Degetoisierung“ der Fernsehkultur, die Programmplätze mit „Schmonzetten aus einem dramaturgischen Einheitsbrei“ fülle.

„Schade“ findet es jedoch Reitz, wenn die Degeto nur auf den Freitagabend reduziert wird: „Andere Formate, wie beispielsweise die Mankell-Verfilmungen mit Krister Henriksson oder Kenneth Brannagh oder Lizenzkäufe, wie zuletzt die ,Sherlock‘-Filme, bestimmen auch einen großen Teil des Tätigkeitsfeldes der Degeto“, sagt sie im Gespräch mit unserer Zeitung. Daher kann Reitz die Kritik der BVR auch nicht nachvollziehen: „Der Versuch, damit die weniger gelungenen Produktionen am Freitagabend für die Gesamttonalität der Degeto oder gar der ARD verantwortlich zu machen, war schlichtweg falsch oder vielleicht auch einfach nur polemisch.“

Doch für den normalen Fernsehzuschauer steht der Name weiterhin für kuschelige Freitagabend-Unterhaltung ohne Ecken und Kanten. Reitz findet das auch gar nicht so verkehrt, da sie als Pendlerin „gar nichts gegen Kuscheln am Freitagabend“ habe. „Gut gemachte Unterhaltung kann unsere Zuschauer stärken und für ihr Wochenende positiv einstimmen. Die Frage ist hier, ob wir unsere Zuschauer auch in ihren Emotionen und Erwartungen ernst nehmen.“

Das Konzept der Freitagabende bleibt also, nur die Qualität soll sich ändern: „Wir suchen Themen, die unsere Gesellschaft bewegen, Veränderungen auch in Beziehungsmustern, denen wir uns stellen müssen und die wir filmisch aufgreifen können.“ Zudem störe sie „der zu häufige Einsatz von Filmmusik, also der Griff in die Tasten oder für scheinbar emotionale Momente der Einsatz der Streicher im deutschen Fernsehen viel zu stark“. Was sich auch ändern soll ist, dass – wie in der Vergangenheit – jeder Drehbuchauftrag gleich ein Produktionsauftrag führte. Reitz erklärt sich dieses Prozedere aus einem „hohen Produktionstempo“, doch sagt selbst, dass sie „persönlich gerade die Feinarbeit am Drehbuch, den sogenannten letzten Schliff, für die Qualität eines Films besonders wichtig“ findet. Dieses hohe Produktionstempo“ wird nun allerdings auch unter die Lupe genommen: Wie vergangene Woche bekannt wurde, muss die Degeto ihr Produktionsvolumen in den kommenden zwei Jahren erst einmal zurückfahren, da unter Reitz’ Vorgänger Hans-Wolfgang Jurgan zu viele Filme produziert wurden. Helmut Reitze, Intendant des Hessischen Rundfunks, soll diese Vorgänge nun untersuchen. Ab 2014 hoffe man wieder auf einen Anstieg der Produktionsaufträge.

Aber muss der neue Wind noch etwas auf sich warten lassen? Reitz verneint: „Die Veränderungen greifen schon jetzt behutsam, da auch aktuell intensive und produktive Gespräche mit Redaktionen und Produzenten über Qualitätsoptimierung bereits fest verabredeter Produktionen geführt werden.“ Und um die „Liebe am Fjord“ muss sich auch keiner sorgen: „Gerade die Filme aus dieser Reihe sind meiner Einschätzung nach gut gemacht und haben dieses besondere Quäntchen Mehrwert schon.“