„Auch sie haben Plattfüße“ Gudrun Landgrebe erdet die „Traumfrauen“

Von Joachim Schmitz | 31.08.2013, 01:59 Uhr

Vor 30 Jahren ging ein Aufschrei durchs Land: Der Oscar-nominierte Kinohit „Die flambierte Frau“ machte eine Domina zur Hauptfigur und ihre Darstellerin quasi über Nacht zum international gefeierten Filmstar: Gudrun Landgrebe. Noch immer gehört sie zu den renommiertesten Schauspielerinnen Deutschlands. Im Bistro von Johann Lafers Stromburg sprechen wir bei einer Flasche Wasser über die „flambierte Frau“, den Schock des plötzlichen Ruhms, vermeintliche Traumfrauen und ein angebliches Haus in der Südsee:

Frau Landgrebe, wissen Sie eigentlich, wer gerade 30 geworden ist?

(lacht) Vermutlich ganz viele Menschen, die ich kenne oder nicht kenne.

Unter anderem „Die flambierte Frau“ , die Ihnen 1983 den ganz großen Durchbruch gebracht hat. Wann haben Sie den Film eigentlich zum letzten Mal gesehen?

Ach, das ist sehr, sehr, sehr lange her. Sehr, sehr, sehr lange. Vor zehn Jahren hat eine Bekannte von mir den Film zum ersten Mal gesehen und sagte: „Mensch, warst Du damals süß.“ (lacht) So war das ja gar nicht beabsichtigt. Aber sie kannte mich eben 20 Jahre älter und etwas weniger süß.

Wie fand Ihre Bekannte den Film denn sonst?

Gar nicht so tabubrechend, wie er damals in den Achtzigern aufgenommen worden ist. Heute weiß ja jedes Kind, was eine Domina ist, jeder 13-Jährige würde sofort sagen „Das sind doch die mit den Peitschen“.

Damals hieß es, Sie verkörperten den „neuen Frauentyp der Achtzigerjahre – kühl, beherrscht und mit selbstbewusst-erotischer Ausstrahlung“. Haben Sie sich selbst damals eigentlich auch so wahrgenommen?

Nein. Sie wissen doch, wie das ist: Einer schreibt’s, und das wird dann immer wieder aufgenommen. Ich habe mich in dieser Rolle nicht als kühl und beherrscht, sondern auch als sehr empfindsam gesehen. Diese Eva leidet ja furchtbar darunter, dass ihre Liebe zum Scheitern verurteilt ist. Sie leidet, ist eifersüchtig, enttäuscht und verzweifelt, für sie bricht eine Welt zusammen. Kühl und beherrscht macht sie nur ihren Job. Sie läuft Gefahr, in dieser Situation wirklich flambiert zu werden – und steigt dann auf, wie ein Phoenix aus der Asche ohne Brandwunden.

Der Film hat Ihr Leben ja grundlegend verändert – wie haben Sie das erlebt?

Sehr beängstigend. Ich bekam danach mehrere Rollenangebote, die sich auf die „flambierte Frau“ draufsetzten: die Hure, die Hure und noch mal die Hure. Heute bedauere ich, dass ich die eine oder andere Rolle nicht doch angenommen habe.

Zum Beispiel?

Ich hatte ein Angebot von Peter Zadek , in Hamburg eine Hurenrolle zu spielen, wobei ich heute gar nicht mehr weiß, wie das Stück hieß. Ich dachte damals nur: Nein, lass dich nicht abstempeln, nicht immer die Hure, mach es nicht – und habe abgelehnt. Heute denke ich: Ich hätte es machen sollen, um einmal mit ihm zu arbeiten. Das bedauere ich heute sehr.

Wie haben Sie denn diese plötzliche Popularität empfunden?

Ich fand es ganz furchtbar, einfach schrecklich. Ich habe es nicht genießen können, empfand es als beängstigend und war erleichtert, als es sich nach ein paar Jahren wieder etwas legte. Irgendwann war ich dann an einem Punkt, an dem ich es angenehm fand, erkannt zu werden – aber erst, als man sich nicht mehr im Pulk auf mich gestürzt hat. Manchmal ist man ja auch geschützt durch Kollegen: Wenn ich mit Götz George drehte, stürzte sich alles auf ihn, und ich hatte meine Ruhe.

Zu Ihrem 60. Geburtstag schrieb Michael Althen in der FAZ: „Gudrun Landgrebe bleibt eine der wenigen Schauspielerinnen, die dem deutschen Kino Sex verleihen.“ Lesen Sie so etwas gern?

Ja, ich habe mich damals gefreut (lacht). Ich war sogar höchst erfreut, weil er sehr differenziert über mich geschrieben und nicht nur den Aspekt Sex beleuchtet hat.

Die flambierte Frau“ hat damals in Cannes groß eingeschlagen und war für den Oscar nominiert. Gab es für Sie Angebote aus Hollywood?

Nein, der Film war in Amerika auch gar nicht so erfolgreich, eben weil er dermaßen tabubrechend war. Ich habe lediglich eine italienisch-amerikanische Co-Produktion gedreht, das war ein Liliana-Cavani-Film, der in Deutschland „Leidenschaften“, auf Englisch „Berlin Affair“ und im Italienischen „Interno Berlinese“ hieß. Ich liebe diesen Film sehr, nicht wegen der amerikanischen Produktion, sondern weil ich eine meiner schönsten Hauptrollen mit Liliana Cavani erarbeiten konnte. Den werde ich mir bestimmt noch mal ansehen.

Ihren Mann haben Sie schon vor der „flambierten Frau“ kennengelernt?

Ja, das war 1982, im Anschluss an die Dreharbeiten von „Heimat“. Er ist gut befreundet mit dem damaligen Standfotografen, der ein sehr interessantes Haus besitzt. Zusammen mit dem Regisseur Edgar Reitz war ich damals bei ihm eingeladen, und zum größeren Kreis der Gäste gehörte auch mein Mann. Dann hat es sich eben so ergeben.

Geheiratet haben Sie erst fast 20 Jahre später.

Ja, das war... eh, ich vergess das immer (lacht). 2001 glaube ich.

Stimmt es, dass Sie ein Haus in der Südsee besitzen?

Das ist nicht ganz richtig. (lacht) Ich habe aber eine sehr enge Freundin, mit der ich in Bochum Tür an Tür aufgewachsen bin und die seit einigen Jahren mit ihrem Lebensgefährten in der Südsee lebt und dort ein wunderschönes Haus im balinesischen Stil besitzt. Sie hat mich irgendwann dazu verführt, das Nebengrundstück zu kaufen, auf dem es aber nur ein kleines Baumhäuschen gibt. Aber ich muss da gar nicht bauen, weil wir ja das Haus meiner Freundin mitnutzen können.

Von Bochum in die Südsee...

Geboren bin ich ja in Göttingen, aber dann sehr schnell nach Bochum gekommen. Durch meine theaterbegeisterte Familie habe ich schon als kleines Mädchen gewusst, dass ich damit eine frühe Verbindung zu zwei sehr bedeutenden Theaterstädten habe. Dadurch bin ich infiziert worden, das hat mir sehr gut getan.

Hatten Sie denn auch so ein Bochum-Gefühl, wie es Herbert Grönemeyer mal besungen hat ?

Der ist übrigens auch in Göttingen geboren und dann nach Bochum umgezogen, das verbindet uns. Aber „Bochum, ich häng an dir...“ – nein, das kann ich von mir nicht sagen.

Schwer vorstellbar, dass Sie mal wie ein Kind des Ruhrgebiets gesprochen haben, mit „dat“ und „wat“ und „hömma“.

(lacht) Wir Kinder untereinander haben schon so gesprochen, in der Familie weniger. Meine Großmutter, bei der ich aufgewachsen bin, ist Berlinerin, sprach ein gepflegtes Hochdeutsch und erwartete das auch von mir. Dennoch: Als ich auf die Schauspielschule kam, hatte auch ich bei der Sprechtechnik einiges zu lernen.

Sie wurden und werden ja immer wieder als Traumfrau beschrieben. Wen oder was verbinden Sie selbst mit diesem Begriff?

Das ist doch an sich nur die Projektion der eigenen Wunschvorstellung. Bei näherer Betrachtung haben selbst Traumfrauen Plattfüße und Angst vor Spinnen.

Welche Frauen der heutigen Zeit imponieren Ihnen denn ganz besonders?

Die Ärztinnen in Nkandla in Südafrika , die sich selbstlos der Behandlung der Aidswaisen hingeben – sehr häufig sind Babys bereits infiziert.

Dabei werden überwiegend Schauspielerinnen als Traumfrauen beschrieben.

Zu früheren Zeiten, als die Stars noch geheimnisumwittert waren und man über ihr Privatleben nur andeutungsweise etwas erfuhr, war Katherine Hepburn sicher so etwas wie eine Traumfrau. Eine wunderbare Schauspielerin und eine sehr intelligent wirkende Frau – ob sie es wirklich war, weiß ich nicht. Später habe ich eine Autobiografie von ihr gelesen – und die war nicht sehr interessant, eigentlich sogar sehr oberflächlich. Aber als Schauspielerin war sie für mich eine der ganz Großen.

Heute können Sie sich als Schauspielerin die Rollen immer noch aussuchen – warum sieht man Sie so selten im Kino und im Fernsehen?

Das hat ganz viele Ursachen. Eine davon ist: Ich bin in einem Alter, in dem es nicht mehr so viele Rollen gibt wie zu früheren Zeiten. Die meisten Frauenrollen gibt es für die Altersgruppe zwischen 20 und 30. Das ist bei mir drei Jahrzehnte her. Darüber kann ich mich gar nicht beschweren. Selbst in der Theater-Weltliteratur gibt es praktisch keine Rollen für Frauen über 40.

Ist das nicht besser geworden in den letzten Jahren?

Natürlich haben wir es heute sehr viel besser als die Frauen in den Vierziger- oder Fünfzigerjahren, damals war man mit 40 weg vom Fenster. Heute gibt es viel bessere Möglichkeiten, Theater zu spielen, Kino und Fernsehen zu machen, oder Lesungen, was ich sehr gerne tue. Dennoch: Das Rollenangebot ist nicht mehr so wahnsinnig schillernd. Und ich mag nicht, so etwas wie die Mutter der Nation spielen, ebenso wenig wie die 60-Jährige mit Pep, die sich in einen angemalten VW-Bus setzt, nach Italien düst, dort ein Hotel aufmacht und auf den Mann ihres Lebens trifft. Diese Sonntagabend-Schiene bediene ich nicht so gerne.

Welche Rollen interessieren Sie denn?

Frauen in meinem Alter, die wirklich etwas leben und zu sagen haben, und nicht diese Spätmädchen-Wunschträume. Da gibt es ganz wunderbare historische Figuren, einer meiner Lieblingsfilme im letzten Jahr war „Hannah Arendt“. Solche Persönlichkeiten sind wirklich interessant, Barbara Sukowa hat das ganz toll gespielt. Mich würde zum Beispiel eine Persönlichkeit wie Bertha von Suttner interessieren, die als erste Frau den Friedensnobelpreis bekommen hat. Das sind Frauen, die mich faszinieren und die zeigen, dass ein Frauenleben auch früher nicht mit 40 oder 50 aufgehört hat. Während der vergangenen Jahre gab es auch immer wieder Kinofilme, in denen ich spielte. In „Wunderkinder“ vor zwei Jahren hatte ich mit der facettenreichen Rolle der Jüdin Irina Salomonowa eine ganz wunderbare Aufgabe, eine wirkliche Heldinnen-Figur. „Wunderkinder“ ist ein zu Recht mit weltweiter Anerkennung und zahlreichen Preisen bedachter Film.

Hörbucher kaufen sich vielleicht ein paar Tausend Menschen, zu Lesungen kommen ein paar Hundert, aber mit Kino und Fernsehen erreichen Sie ein Millionenpublikum. Ist das nicht reizvoller?

Ich habe ja nichts dagegen – vorausgesetzt, ich bekomme ein Angebot, das mich ganz besonders interessiert. Im Herbst drehe ich zwei Fernsehkrimis, in denen ich zwei völlig unterschiedliche Frauengestalten darstelle. Komischerweise soll die eine 41 sein, die andere 51 – aber das muss ich ja nicht spielen, es steht nur so im Drehbuch.

Was sind das für „Gestalten“?

Die eine ist eine Verlegerin, der einer ihrer Autoren höchst verdächtig erscheint. Die andere ist eine Haftrichterin mit sehr komischen Facetten ihrer Persönlichkeit, einem sehr trockenen Humor. Dadurch ergeben sich verschiedene Missverständnisse und Konflikte, was ich mir sehr witzig vorstelle. Mehr darf ich allerdings noch nicht verraten.

Wenn Sie sich selbst beschreiben sollten – welcher Aspekt wäre mir vermutlich neu?

Ich muss manchmal sehr um meine innere und äußere Ordnung kämpfen. Das hängt damit zusammen, dass ich ein sehr ordentlicher und beharrlicher Mensch bin, sich aber trotzdem auf meinem Schreibtisch immer wieder kleine und größere Päckchen auftürmen. Ich schiebe gerne etwas vor mir her – andererseits mache ich mich sehr früh an die Arbeit, wenn es gilt, Lesungen vorzubereiten und Texte dafür zu kürzen. Da ist es mir extrem wichtig, noch einen gehörigen Zeitpuffer bis zur Aufführung zu haben. Ähnlich ist es auch mit Filmrollen – ich habe immer die Sorge, dass mich kurz vor dem Dreh etwas vom Lernen abhalten könnte, also mache ich es so früh wie möglich.

Seit ein paar Jahren betreiben Sie Yoga...

Ich habe große Schwierigkeiten, mich von Dingen, die mich bewegen und beschäftigen, zu distanzieren und wirklich zur Ruhe zu kommen. Yoga mache ich nie in der Gruppe, sondern immer nur im Einzelunterricht. Und ich habe das Glück, zwei sehr gute Lehrer zu haben. Kaum ist man sich begegnet, falle ich in eine sehr wohltuende Entspannung. Und dann finde ich es wunderschön, Übungen zu exerzieren, die den gesamten Körper beanspruchen, immer wieder unterbrochen von kurzen Entspannungsphasen. Das Ganze geht dann über anderthalb bis zwei Stunden.

Wann geht’s wieder in die Südsee?

Vielleicht im Winter, aber das steht noch nicht fest. Es kommt immer darauf an, was sich beruflich so entwickelt. Im Allgemeinen wird im Winter ja weniger gedreht, andererseits habe ich ein Theaterangebot, das ich noch genauer prüfen muss. Sollte es was werden, dann sind die Proben schon im Februar oder März.

Gudrun Landgrebe

wird am 20. Juni 1950 in Göttingen geboren und wächst in Bochum auf. Nach Abschluss der Schauspielschule in Köln ist sie zwölf Jahre lang an verschiedenen Stadttheatern im festen Engagement.

Bereits mit ihrer zweiten Kinohauptrolle kommt 1983 der große internationale Durchbruch: Robert van Ackerns preisgekrönter Film „Die flambierte Frau“ (Foto: Imago) macht sie über Nacht zum Star. Danach dreht sie weitere Hauptrollen mit internationalen Regisseuren wie István Szabó („Oberst Redl“) Edouard Molinaro („Palace“) und Liliana Cavani („The Berlin Affair“), aber auch in zahlreichen deutschen Produktionen ist sie als Hauptdarstellerin zu sehen. In Kinofilmen wie Dominik Grafs „Die Katze“ oder Helmut Dietls „Rossini“, aber auch in TV-Highlights wie „Heimat“ von Edgar Reitz kann sie ihre Vielseitigkeit unter Beweis stellen.

Immer wieder kehrt Gudrun Landgrebe aber auch auf die Bühne zurück, so spielt sie unter anderem an den städtischen Bühnen in Essen und Bremen die Titelrolle in „Tochter der Luft“ von Hans-Magnus Enzensberger. Zudem gibt sie mit Begeisterung Lesungen und leiht zahlreichen Hörbüchern ihre Stimme. Zusammen mit Konzertpianisten tritt sie regelmäßig mit verschiedenen musikalisch-literarischen Programmen auf. Auf der Leinwand sieht man sie zuletzt in „Warten auf Angelina“ von Hans Christoph Blumenberg und in Oskar Roehlers „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ sowie in „Wunderkinder“ von Marcus O. Rosenmüller.

Gudrun Landgrebe unterstützt regelmäßig Kampagnen zur Früherkennung von Brustkrebs. Mit ihrem Mann, dem Arzt Ulrich von Nathusius, lebt sie wechselweise in Berlin und auf dem Lande.