An den Moderator angekettet Vor 20 Jahren: Stefan Raab entert die ZDF-Hitparade

Von Hendrik Steinkuhl | 01.09.2014, 02:43 Uhr

Nachdem er ein Schlagzeug zerstört und sich an den Moderator gekettet hatte, gewann ein Viva-Freak namens Stefan Raab am 1. September 1994 die ZDF-Hitparade. Was vor 20 Jahren wie Krawall unter Substanzeinfluss aussah, war eine Zeitenwende im deutschen Fernsehen.

Wie viele öffentlich-rechtliche Programmverantwortliche im Jahr zehn nach Einführung des Privatfernsehens wohl schon begriffen hatten, dass sie nicht mehr alleine auf der Fernsehwelt waren? Mit den Gebührenmilliarden im Rücken ließ sich viel ignorieren – Stefan Raab allerdings nicht mehr. Noch bevor Raab vor genau 20 Jahren den damaligen Bundestrainer Berti Vogts zersang, gab er den Zuschauern der ZDF-Hitparade einen unverlangten Programmtipp: „Montag, Mittwoch, Freitag: meine Sendung bei Viva TV!“

Schon das war 1994 eine Unverschämtheit; lässlich, wie sich später zeigte. Als die Musik lief, ließ Raab zunächst Zuschauer um Zuschauer sein Mobbing-Mantra „Böörti Böörti Vogts“ ins Mikro grölen, gegen Ende des Auftritts zertrümmerten der damals 28-Jährige und seine „Band“ ihre Instrumente. Nach dem letzten Ton rannte Stefan Raab auf die Bühne, kettete sich mit Handschellen an Moderator Uwe Hübner und verkündete, den Schlüssel verloren zu haben. Die erzwungene Doppelmoderation nutzte Raab sofort, um einen engen Freund des Hauses zu würdigen: „Falls Sie hier gleich Wolfgang Petry sehen – es handelt sich nicht um einen Frisurenwettbewerb, sondern das ist die ZDF-Hitparade!“

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Am Ende der Sendung wählten die Fernsehzuschauer Petry auf Platz drei und Raab auf Platz eins. Während der TED-Auswertung klebte Stefan Raab dem Mitbewerber Purple Schulz einen Viva-Aufkleber auf die Brust, als sein Sieg verkündet wurde, buhte ihn das Studiopublikum aus. Dem verrückten Metzger aus Köln war tatsächlich gelungen, was ihm niemand zugetraut hatte: Er fiel beim ZDF ein wie der besoffene Nachbar auf dem Familiengeburtstag – und durfte wiederkommen. Noch zweimal machten ihn die Fernsehzuschauer zum Sieger, Raab ließ sich nicht lumpen und führte eine Polonaise durchs Studio oder verkleidete seine Musiker als Wolfgang-Petry-Doubles .

Der verarscht uns alle!“

Der spätere Schlagerkönig hatte das Elend übrigens kommen sehen. „Als wir Raab eingeladen haben, wollte Petry mir schon die Freundschaft kündigen“, sagt der damalige Moderator Uwe Hübner im Gespräch mit unserer Zeitung. „Er meinte immer nur: ,Der verarscht uns alle!‘“

Hübner focht das nicht an, im Gegenteil: Der ZDF-Moderator und Schlager-Pate ließ gerne zu, dass Stefan Raab seinen Sender demütigte und viele Fans gleich mit. Natürlich hätten sich nach Raabs Auftritt einige Programm-Macher furchtbar aufgeregt, sagt Hübner. „Man war damals ja schon auf jeden Künstler stinksauer, der mal kurz nicht richtig im Licht stand.“ Er habe den Bedenkenträgern gesagt, sie sollten nicht die Augen vor dem Offensichtlichen verschließen – davor, dass beim miefigen ZDF und seinem musikalischen Flaggschiff mal dringend jemand die Fenster aufreißen müsse.

Wer glaubt, der Schlager-Onkel würde seine Rolle in der Rückschau überhöhen, irrt. Obwohl ihm Stefan Raab jede Sendung auf links zog, blieb Hübner stets locker. „Einmal im Monat dürft ihr raus!“, rief er dem Sänger nach seinem ersten Auftritt mit einem Grinsen zu. Souveräner, als es Hübner tat, kann man gegen einen Raab auf Dopamin gar nicht moderieren. Vor allem nicht, wenn man auch noch an ihm festgekettet ist.

Als Stefan Raab die Hitparade enterte, war Viva in einigen Teilen Deutschlands noch gar nicht empfangbar. Nach dem 1. September 1994 wusste dann das ganze Land, dass da in Köln einige Bekloppte Musikfernsehen machten und der Bekloppteste von ihnen Stefan Raab hieß. „Es gab einen riesigen Presse-Hype“, sagt Uwe Hübner.

Die feindliche Übernahme des ZDF durch das Privatfernsehen in Gestalt von Stefan Raab zog sich über mehrere Monate hin. Nach drei Siegen in der Hitparade gewann Raab auch die Jahreshitparade und durfte sich als Krönung die Goldene Stimmgabel abholen. Die gleichnamige ZDF-Show moderierte Hitparaden-Gründervater Dieter Thomas Heck, der Raabs Entgleisungen überhaupt nicht lustig fand. Doch die größtmögliche Provokation stand ihm noch bevor: Aus Protest gegen das bei der Goldenen Stimmgabel verordnete Playback bewegte Stefan Raab seine Lippen nicht und grinste stattdessen minutenlang in die Kamera.

Statt wie viele progressive Künstler vor ihm das Opa-Fernsehen einfach zu ignorieren, hatte Raab es von innen auseinandergenommen. Im Jahr 2000 setzte er die Dekonstruktion fort, dieses Mal nahm er die ARD und den von ihr übertragenen Eurovision Song Contest mit „Wadde hadde dudde da?“ in musikalische Geiselhaft. Danach wurde er der massentaugliche Entertainer und manische Show-Entwickler, als den wir ihn heute kennen.

Die ZDF-Hitparade wurde im Jahr 2000 eingestellt. Knapp 15 Jahre später ereilt dasselbe Schicksal „Wetten dass..?“, das letzte noch verbliebene Show-Flaggschiff des ZDF. Erledigt war die Sendung spätestens mit der katastrophalen Mallorca-Ausgabe im Juni 2013. Eine Teilschuld gab das ZDF Stefan Raab, der in der Sendung permanent einen von ihm erfundenen Duschkopf bewarb . Die Medien waren sich derweil einig, dass Raab der einzige Lichtblick in einer unterirdischen Show war.

Der besoffene Nachbar fällt also auch nach 20 Jahren noch auf dem Familiengeburtstag ein. Lange wird er das allerdings nicht mehr tun können – bald hat er sie alle überlebt.