Alles auf den Tisch Familiendrama und Sterbehilfe: „Ein großer Aufbruch“

Von Susanne Haverkamp | 15.11.2015, 13:38 Uhr

Manche Filme bestechen durch bombastische Bilder und großartige Landschaften. Wenn Autor Magnus Vattrodt und Regisseur Matti Geschonneck zusammenarbeiten („Liebesspiel“, „ Das Zeugenhaus „) geht es oft auf engem Raum um einzelne Worte und Gesten. Und das mit großartigen Schauspielern.

Als Holm ( Matthias Habich ) seine beiden Töchter, seine Ex-Frau und ein befreundetes Ehepaar zu einem Essen in seinen umgebauten Bauernhof am Chiemsee einlädt, weiß niemand so recht, warum. Denn so etwas wie eine „glückliche Familie“ gibt es schon lange nicht mehr – wenn es das überhaupt je gab. Und doch reisen alle an: die Ex ( Hannelore Elsner ) aus der Schweiz, Tochter Charlotte (Katharina Lorenz) aus Frankreich und die Freunde Katharina (Ulrike Kriener) und Adrian (Edgar Selge) aus München. Marie (Ina Weisse), Holms ältere Tochter, kommt eigentlich nur auf einen Sprung, weil sie mit ihrem Chef (Matthias Brandt) gerade auf dem Weg zum Flieger nach New York ist, doch aus dem Sprung wird dann doch ein ganzer Tag.

Es ist ein echtes Starensemble, das sich im Esszimmer des Bauernhauses versammelt. „Es ist ein Glück, dass es über Matti Geschonnek immer wieder gelingt, solche tollen Leute zu gewinnen“, sagt Magnus Vattrodt, der Autor des Films. „Sie fühlen sich bei ihm als Regisseur einfach wohl. Ich bin wirklich glücklich mit dieser Zusammensetzung.“ (Trailer) 

Allerdings hat Vattrodt auch ein wirklich gutes Buch geliefert, bei dem sich alle Schauspieler von ihrer besten Seite präsentieren können, denn Worte, Gestik und Mimik sind es, auf die es ankommt. Die Szenerie ist dagegen eher bescheiden: der Esstisch, die Küche, ein paar Schritte vor dem Haus, eine Szene am Ufer des Chiemsees – das muss schon fast reichen für dieses Stück, das von seiner Konzentration lebt, von der Konzentration auf das Wesentliche.

Denn Holm hat nicht mehr viel Zeit. Er hat Familie und Freunde eingeladen um ihnen zu sagen: Der Krebs, den er vor fünf Jahren überwunden zu haben glaubte, ist zurück. Unheilbar. Und: „Morgen fahre ich in die Schweiz, um zu sterben.“ Mit der Sterbehilfeorganisation ist schon alles geklärt. Das war’s dann. „Und jetzt wollen wir dem Tod ins Gesicht lachen.“

Holms doppelte Nachricht schlägt ein wie ein Blitz. Die einen wollen das mit dem Krebs nicht glauben („Das ist bestimmt ein Irrtum!“), die anderen wollen ihm die Sterbehilfe ausreden. Doch Holm will nicht diskutieren, er will feiern. „Ich habe in den letzten Wochen viel nachgedacht und finde, dass mein Leben ausgesprochen gelungen war“, sagt er. Doch Tochter Marie hält dagegen: „Bei dieser Bewertung hat sicher geholfen, dass du allein zurückgeschaut hast…“

Und so gerät die geplante Abschiedsfeier nach und nach zu einer Abrechnung. All die Leichen im Keller der Familie kommen endlich auf den Tisch. Die Kindheit von Marie und Charlotte, die geprägt war von der Holms Arbeit als Entwicklungshelfer in Afrika und von der Heroinsucht der Mutter. Die ruinöse finanzielle Situation Holms. Die Übereck-Bettgeschichten, an denen auch Holms Freunde Katharina und Adrian ihren Anteil haben. Egoismus, Geltungssucht, Verlogenheit, mangelnde Liebe und Fürsorge – alles kommt zwischen den kulinarisch hochwertigen Gängen, die Adrian in der Küche zaubert, auf den Tisch. Während der Wein in Strömen fließt und der Zigarettenqualm immer dicker wird.

„Wir haben die tiefliegenden Familienkonflikte vielleicht ein bisschen verdichtet und wie einen Torpedo angespitzt“, sagt Autor Magnus Vattrodt. „Aber wenn beim nächsten Weihnachtsessen mal die Geheimnisse auf den Tisch kämen, dann sähe das bei vielen Familien wohl nicht viel anders aus.“

Anders ist nur, dass hier niemand ausweicht, denn alle wissen: Dies ist die letzte Chance, die wir haben. „Holm wird sterben, das macht die Situation so dramatisch“, sagt Vattrodt. „Hier, an diesem Tisch ist die letzte Gelegenheit, Dinge zu klären, Nähe wiederzufinden; wenn es jetzt nicht gelingt, endet diese Familie in einer Tragödie.“ Oder ihr gelingt der „große Aufbruch“, wie der Titel des Films andeutet.

Die geplante Reise in die Schweiz blitzt dabei von Anfang bis Ende immer wieder auf. „Es ist kein klassischer Sterbehilfefilm“, meint Vattrodt. Und dass er jetzt kurz nach der entscheidenden Bundestagsdebatte ausgestrahlt wird, „das ist sowieso nicht zu planen.“ Tod und Sterben seien aber „immer ein Thema“ und die gesellschaftliche Debatte darüber „kommt und geht“. Offen bleibt sie auch in diesem Film: Die unterschiedlichen Ansichten über „Sterben auf Rezept“ werden deutlich benannt, aber nicht bewertet. Und sie gehen berührend nah.

Traurig ist der Film aber nicht, obwohl Tränen fließen – vor Trauer und vor Wut. „An vielen Stellen gibt es auch was zu lachen“, verspricht Magnus Vattrodt. „Bei der Premiere auf dem Hamburger Filmfest hat das gut funktioniert.“ Auch deshalb, weil das Schauspielerensemble es versteht, die Pointen richtig zu setzen – gerade wenn schon in der nächsten Szene das Lachen im Hals stecken bleibt.