„7 Tage … Femen“ auf NDR Stefanie Gromes liefert mutigste Doku des Jahres

Von Hendrik Steinkuhl | 15.12.2015, 08:34 Uhr

 Ist Journalismus nur dann gut, wenn er sich nicht gemein macht? Die NDR-Autorin Stefanie Gromes hat in diesem Jahr das Gegenteil bewiesen. Für die Reihe „7 Tage ...“ schloss sie sich Femen an, wurde dabei zur Feministin – und machte aus ihrer Erfahrung eine großartige Reportage.

Die Medien berichten kaum noch, auch barbusiger Protest nutzt sich irgendwann ab; vor allem, weil die Bilder einander zu sehr ähneln. Doch abseits der Massenaufmerksamkeit existiert Femen Deutschland weiterhin.

„Die Mädels machen wieder was. Und sie halten mich über alles auf dem Laufenden“, sagt Stefanie Gromes. Die NDR-Autorin ist auch einige Monate nach ihrer Reportage „7 Tage … Femen“ noch in der Whatsapp-Gruppe der Frauenrechtlerinnen – und teilt die meisten ihrer Positionen.

Darf sie das? Hat nicht Hajo Friedrichs allen Medienschaffenden verordnet, sie dürften sich nie mit einer Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten?

Jeder Journalist, der seinen Beruf seriös betreibt, kennt diesen Satz. Doch zum Glück versucht nicht jeder Journalist, der seinen Beruf seriös betreibt, sich auch krampfhaft daran zu halten.

Der Objektivitätsmythos wird zertrümmert

Stefanie Gromes hat mit der Reportage über ihre Zeit bei Femen auf beeindruckende Weise gegen das Objektivitäts-Dogma des Journalismus verstoßen. Der 34-Jährigen reicht eine halbe Stunde, um jedem Zuschauer zu vermitteln, warum sie sich nun der Gruppe anschließt.

Der entscheidende Moment ist eine Tagung zum Thema Prostitution; was die Autorin hier und in Gesprächen mit ehemaligen Sexarbeiterinnen erfährt, lässt sie zur Frauenrechtlerin werden. „Das war eine richtige Wandlung, und die hält bis heute an.“ Dass Prostitution ohne Zwang funktionieren kann, mag sie sich nun nicht mehr vorstellen. Und dass der weibliche Körper käuflich ist, findet sie unerträglich.

 Es ist das Prinzip von „7 Tage ...“, dass die Reporter zum Teil des Geschehens werden und später im Off-Text ihr Innerstes offenlegen. 

Man muss dem NDR dankbar dafür sein, dass er sich auf diese Art daran beteiligt, den Objektivitätsmythos im Journalismus zu zertrümmern.

Der Reporter ist auch der Reportierte

Der radikale Konstruktivismus geht davon aus, dass es eine Realität unabhängig vom Beobachter nicht gibt. Bislang wurde diese These höchstens kritisiert oder ignoriert, aber nie überzeugend widerlegt. Natürlich will niemand eine Medienwelt der ständigen Parteinahme. Aber wie viel ist eigentlich ein Journalismus wert, der den Menschen eine totale Distanz vorgaukelt, die es doch nach moderner Erkenntnis überhaupt nicht gibt?

Stefanie Gromes zeigt in ihrer Reportage, wie sich ein Mensch trotz einiger Zweifel von einer Idee und von einer Gruppe mitreißen lässt. Um dem Zuschauer diesen Prozess so nahe wie möglich zu bringen, ist es nur folgerichtig, keine Figur zwischenzuschalten.

Der Reporter ist auch der Reportierte, und als solcher belässt er es nicht bei Schilderungen. Er macht alles, was irgendwie vertretbar ist, mit. Und wenn er dann auch noch die Weltanschauung teilt, dann teilt er eben auch noch die Weltanschauung.

Die radikale Konsequenz dieser Idee bedeutet bei Femen, seine nackten Brüste zu zeigen. Stefanie Gromes hat auch das getan. „Ich habe es bis heute in keinem Moment bereut.“ In der Reportage lässt sie die Zuschauer an ihrem inneren Kampf teilhaben. „Mache ich mich nackt, besitzt mich Google. Meine Arbeitskollegen, meine Familie – jeder wird dieses Bild finden.“ Wie sie sich trotzdem mit Blumenkranz im Haar und Parole auf dem nackten Oberkörper ablichten lässt, ist der wohl mutigste Fernsehmoment des Jahres.

Die kritische Distanz behalten

Der Mut wird schließlich belohnt. Bis heute ist kein Bild der barbusigen Reporterin im Internet zu finden, im Freundeskreis oder unter den Kollegen hat es keinen blöden Spruch gegeben, und die Kommentare, die unter dem Youtube-Video stehen, sind erstaunlich zivil.

Dass Stefanie Gromes Femen heute nur noch passiv unterstützt, liegt nicht daran, dass sie die Gesellschaftskritik der Frauenrechtlerinnen nicht mehr teilt. Der Grund ist, dass sich die Gruppe immer wieder zerstreitet. Schon während der Dokumentation lag Femen Deutschland wochenlang brach. „Ich habe gesagt, dass ich nichts aktiv unterstützen kann, hinter dem schon die Mitglieder nicht zu 100 Prozent stehen.“

Obwohl sie in der Gruppe und in ihren Idealen aufgegangen ist, hat die Reporterin ihre kritische Distanz zu Femen nie verloren. Davon kann sich jeder überzeugen, der sich die Dokumentation in der NDR Mediathek oder auf Youtube ansieht.

Hajo Friedrichs revisited

Übrigens war auch der große Hajo Friedrichs nicht der Herold der Parteilosigkeit, als den ihn viele Nachgeborene sehen. Friedrichs hat abseits seiner Tagesthemen-Moderation Naturfilme gedreht, die er als „Beiträge zur politischen Bildung mit grüner Botschaft“ bezeichnete.

Es wird also wirklich Zeit, dass sich der Journalismus gründlich mit seiner selbst auferlegten Verpflichtung zur Objektivität beschäftigt. Was auch immer diese Objektivität sein soll.