40 Jahre BAP Wolfgang Niedecken: Lebenslänglich sucht man Zuversicht

Von Werner Hülsmann | 13.01.2016, 16:06 Uhr

Wolfgang Niedecken im Interview mit NOZ Medien über 40 Jahre BAP, das neue Album, dem Desaster am Kölner Hauptbahnhof und die Story hinter „Verdamp lang her“.

Unser zehntes Interview fand an einem besonderen Termin statt: Heilige Drei Könige. Für Wolfgang Niedecken und den BAP-Altar sind dies Bob Dylan, Keith Richard und Ron Wood. Als Redakteur der „Osnabrücker Nachrichten“ begleite ich die Band schon seit Anfang der 90er. Als Wolfgang Niedecken mich einmal nach einer geeigneten Location für Proben und ein Warm-up-Konzert fragte, konnte ich den Osnabrücker Rosenhof empfehlen. Dort spielte die Band schon mehr als einmal. Diesmal unterhalten wir uns über 40 Jahre Bandgeschichte, das neue Album und das Desaster rund um die Ereignisse am Kölner Bahnhof in der Silvesternacht:

 Wolfgang Niedecken, nach fünf Jahren endlich wieder wunderbare neue BAP-Songs, am Donnerstag ist ja im Jahr des 40. Bandjubiläums das Album „Lebenslänglich“ in Berlin vorgestellt worden... So ein „Baby“ liegt ja nach der Produktion rund ein halbes Jahr im Brutkasten, wie liegt der Ankömmling für dich mit etwas Abstand im Arm? 

Niedecken: Das hat sich alles hervorragend entwickelt. Am Anfang habe ich ja gedacht, ich hätte eine kleine Schreibblockade, aber das war vollkommener Quatsch. Unmittelbar nach der Tour wollte ich direkt losschreiben, das geht natürlich überhaupt nicht. Und ausgerechnet mir passiert so was. Ich bin ja immer derjenige, der sagt, bloß nicht mit der Brechstange rangehen. Dann, als der erste Song da war, kamen die anderen 13 innerhalb von vier Monaten dazu. Also so schnell habe ich noch nie geschrieben, so schnell ist es noch nie geflossen. Es war unfassbar.

 Klingt tatsächlich wie aus einem Guss – es passte? 

(lacht) Wie eine Sturzgeburt! So konnten wird schon im Frühsommer ins Studio gehen. Es ist ja schwierig mit all diesen Musikern, die in verschiedenen Städten leben und die auch in verschiedenen Projekten spielen, alles so zu terminieren, dass es passt. Und dann haben wir tatsächlich im Mai einen Slot gefunden wo alles passte. Das war großartig, denn so hatten wir Zeit das alles ordentlich zu mischen, ordentlich zu mastern, Zeit fürs Artwork, das wir alles schön in Ruhe machen konnten. Das war ein tolles Gefühl, da war nix mit „ja, hätten wir ein bisschen mehr Zeit gehabt, hätten wir das besser hingekriegt“. Ich habe in New York mischen lassen. Stewart Lerman hat sich total gefreut, dass wir ihn gefragt haben. Der ist mittlerweile ein Freund der Band. Toll, das ist wirklich noch mal ein neues Familienmitglied.

 Stewart Lerman hat ja schon „Zosamme alt“ aufgenommen und abgemischt. Neben Anne de Wolff und „Ulle“ Rode, die ja jetzt als Produzenten und Hauptkomponisten agieren, ein Weichensteller in der Neujustierung? 

„Zosamme alt“ hat bei uns ganz viel bewirkt. Das Album hat letztendlich zu der Unplugged Tour geführt, die wir wahrscheinlich sonst wohl niemals gemacht hätten. Und auf dieser Tour haben wir uns wieder neu zusammengefunden und haben irgendwie praktisch unseren Kurs korrigiert, neue Ziele ausgegeben. Es war die Idee von Anne und Ulle. Die haben als Produzenten gesagt, dann lass doch den Stewart das mischen, der weiß doch, der mischt doch total songdienlich ab. Also der Begriff Songdienlichkeit, der für mich immer schon sehr wichtig war, diesem Ideal möglichst nahe zu kommen

 Du bist im bester Form, die Band ist hochmotiviert, der Vorverkauf für die Jubiläumstour , die ja bei uns um die Ecke in der Halle Münsterland startet (18. 5.), läuft gigantisch – alles im Lot?  

Es hat großen Spaß gemacht und ich bin total zufrieden damit. Ich freue mich, jetzt damit auf Tour zu gehen. Wir können es kaum erwarten, dass wir spielen dürfen. Bei der Tour sind ja nur fünf neue Songs dabei, sie heißt „Die beliebtesten Lieder“ – also spielen wir Titel, wo wir wissen, dass die zünden. Wir geben dem Affen Zucker! Was vom neuen Album zu hören sein wird, ermitteln wir übers Internet.

 Eine Kölsch-Ikone, die sozial und politisch viel für die Außenwirkung der Stadt getan hat, muss man natürlich fragen, wie das Desaster der Silvesternacht mit den unsäglichen Gewaltexzessen zu verarbeiten ist?  

Zunächst konnte ich gar nicht glauben, was ich da hörte, aber nach und nach bewahrheiteten sich meine allerschlimmsten Befürchtungen. Dementsprechend entsetzt bin ich. Selbstverständlich muss diese Geschichte, wie es sich für einen Rechtsstaat gehört, vorbehaltlos aufgeklärt und die Täter entsprechend bestraft werden. Da gibt es überhaupt kein Vertun. Allerdings bringt Vorverurteilung überhaupt nichts, denn damit macht man sich nur zu Erfüllungsgehilfen der ewig Gestrigen. Traurigerweise ist das, was da passiert ist, Wasser auf die Mühlen von AfD und Pegida. Es ist bitter, dass ausgerechnet in Köln, wo wir doch so stolz auf unser gewachsenes Miteinander sind, die Dinge dermaßen aus dem Ruder laufen konnten. Ich verurteile die Übergriffe schärfstens, appelliere aber immer wieder an alle, nicht zu verallgemeinern. Der allergrößte Teil der Flüchtlinge verhält sich ordentlich und ist froh den Kriegswirren entkommen und bei uns in Sicherheit zu sein.

 „Lebenslänglich“ lebt von den Kontrasten, es gibt weise, zärtliche und leise Töne, fröhliche Songs wie die rockende Köln-Hymne „Dausende von Liebesleeder“ und erschreckend aktuelle politische Songs wie „Absurdistan“ oder „Vision vun Europa“. Was kann Rockpoesie bewirken?  

Empathie wachhalten oder sie womöglich erzeugen. Vielleicht kann man dazu beitragen, dass man nicht nur wegezappt, dass Menschen offen werden. Bereits während der „BAP zieht den Stecker“-Tour hatte ich mir Zeitungsartikel und Fotos ausgeschnitten, von denen ich dachte, dass sie eventuell zu einem Song führen könnten. So auch ein Foto von der Titelseite der Süddeutschen Zeitung, auf dem die Ruinen des letzten Gaza-Kriegs zu sehen sind. Das hat mich total entsetzt. So was kann man doch nicht machen, man kann doch nicht immer weiter diese sture Politik betreiben, wo man mit Kanonen auf Spatzen schießt und keine Zwei-Staaten-Lösung für Israel zulässt, das kann doch nicht immer so weitergehen. Ich bin ratlos. Und das nicht nur in Bezug auf die Vorgänge im Nahen Osten. Absurdistan ist überall.

 „Absurdistan“ enthält tatsächlich auch hochdeutsche Textpassagen – eine Sache der Lüftung und des Klartextes?  

Ja, da ist mir was ganz Irres passiert. Zum ersten Mal stehe ich im Studio und singe was auf Kölsch und denke „Scheiße, das würdest du niemals so sagen“. Das klang plötzlich unangemessen albern. Und da musste mehr Ernst rein, dann habe ich es auf Hochdeutsch versucht, und plötzlich blieben die Nackenhaare unten. Das steht mir doch zu, oder?

 Sowieso! Auf „Radio Pandora“ dominierten Songs aus aller Welt. Dann hast du mit der „Halv su wild“-Kollektion sozusagen die Vermessung des 800-Meter-Radius am Chlodwig Platz vorgenommen und jetzt sind es teilweise philosophische Nahaufnahmen. An „Verdamp lang her“ – wirklich ein Klassiker, den jeder kennt – führt kein Weg vorbei, ein neuer Song heißt „Et ess lang her“. Ein Lied über ein Lied?  

Ich habe schon länger vorgehabt, die Geschichte von „Verdammt lang her“ noch mal zu verarbeiten, zu erzählen, wie es zu dem Song gekommen ist. Ich wusste aber nie wie. Dann dachte ich, ich habe noch sämtliche Notizbücher, die ganzen Taschenkalender habe ich noch alle und habe mal geguckt an welchem Tag ich das denn geschrieben habe. Dass ich auf Karnevalsflucht war, das wusste ich. Dann habe ich nachgeguckt und es war tatsächlich der Rosenmontag 1981, und das war dann genau der richtige Dreh in diese Geschichte reinzukommen. Mein Vater ist am 18. September 1980 gestorben. Übrigens auf den Tag genau 10 Jahre nach dem Hendrix gestorben ist, auf den Tag genau.

 Dann war dein Vater doch ein heimlicher Rock’n’Roller? 

(lacht) Die Wiedergeburt von Jimi Hendrix! Ich habe das auf dem Schirm, erstens, weil meine Frau am 18. September Geburtstag hat, und zweitens weiß ich noch, dass ich damals ein Stones-Konzert in Köln gesehen habe, am 18. September 1970. Auf dem Weg zum Stones-Konzert erfuhren wir, dass Hendrix gestorben war. Alles hängt mit allem zusammen, so ist das.

 Facebook – eine ziemliche Geisterbahn, wo windige Trittbrettfahrer mutig zum Shitstorm blasen?  

Es sind einige dabei, die über das Ziel hinausschießen. Die muss man mal kurz ermahnen und dann ist es aber auch gut. Ich freue mich aber auch über kontrovers diskutierte Sachen, aus denen ich auch was lernen kann. Vernünftige Diskussionen, dafür bin ich immer zu haben, mir muss auch keiner Honig ums Maul schmieren. Mir kann auch einer sagen, das Album ist nichts für mich. Aber wenn es losgeht, dass plötzlich AfD-Spots bei uns gepostet werden, müssen wir das blocken. Nicht in Ordnung findet ich, wenn als Meinung getarnte Gemeinheiten gepostet werden. Das geht nicht. Das ist stalken. Wer in seinem eigenen Haus gestalkt wird, ist berechtigt, eine Gegensprechanlage einzubauen, um zu gucken, wer da ist. Ich muss die Stalker ja nicht einladen.

 Die gesichtslose Facebook-Welt – ein Spiel mit Elfmetern und Eigentoren?  

Facebook hat indirekt ganz merkwürdige Regeln entwickelt. Wenn du Facebook-kompatibel wirst , dann bedeutet das, du fürchtest dich vor einem Shitstorm und redest zwangsläufig den Leuten nach dem Mund. Ich habe keine Lust, irgendjemanden nach dem Mund zu reden. So bin ich nicht. Mich hat noch nie einer an den Nasenring gekriegt, auch nicht Facebook. Das werden die nicht schaffen.

 Zu Hause hast du ein frisches Gremium – deine Frau, die beiden Mädels, die beiden Söhne, was sagen die, wenn Vater Facebook nutzt und sich mitunter ärgern muss?  

Manchmal muss ich fragengehen, kann man das machen, kann man das nicht machen. Also da frage ich meine Töchter, die haben da wirklich einen Plan. Am Anfang war ich vollkommen naiv. Dann postest du das was Lustiges oder was Ernsthaftes... Und wenn du dann den ersten Shitstorm hast, dann denkst du: „Oh, jetzt muss du aber aufpassen.“ Damals war ja dieses Ding, als meine Tochter Isis Abitur gemacht hat, da ging es irgendwie um ein Abschluss-T-Shirt. Ihre Entwürfe waren irgendwie auf den ersten beiden Plätzen. Da haben die mich gefragt, können wir das bei euch auf Facebook posten, dann kriegen wir noch ein paar Stimmen mehr. Ja, macht mal! Ich hatte keine Ahnung, das würde ich heute nie wieder tun. Das gehört da einfach nicht rein. Ich muss ja auch lernfähig sein.

 Was sagen die Nachwuchs-Niedeckens zum neuen BAP-Album? 

Die mögen es total, die haben das von Anfang an mitgekriegt, die ersten Demoversionen, die Texte anzupassen, das haben die ja bei uns im Haus mitgekriegt und auch die ersten Versionen, die ich dann drauf gesungen habe. Und dann auch teilweise noch mal Tipps gegeben. Das ist schön. Mein kleiner, mittelständischer Rock`n Roll-Familienbetrieb!

 Das Album kokettiert mit nix, du bist da anscheinend sehr mit dir im Reinen?  

Es ist wohl so. Es ist kein Album, wo jemand berufsjugendlich auf dem Tisch steht und versucht den Eindruck zu erwecken, er wäre ungefähr halb so alt. Das muss ich nicht, das brauche ich nicht. Ich muss keinem mehr was beweisen, ich habe vier erwachsene Kinder. Ich sage seit Jahren, ich möchte in Ehren alt werden. Wie meine Helden. Dylan, Neil Young, Springsteen, Keith Richards, Tom Petty, Leonard Cohen.

 „Lebenslänglich sucht man Zuversicht“ aus dem Song „Unendlichkeit“ ist meine Lieblingszeile, du hast 2011 den Schlaganfall überstanden, bist fast gestärkt aus der Krise zurückgekehrt ... 

Mein zuversichtlichster Moment war tatsächlich der, als ich nach dem Schlaganfall aus der Narkose erwachte und mich umschaute. Die Ärzte liefen mit skeptischer Miene rum. Meine Familie war total verzweifelt - und ich konnte noch nicht reden, aber ich wusste sofort: Alles wird gut!

 Der Herrjott meint es joot met mir“ – etwas kesses Restkatholisches schimmert durch einige Songs? 

(lacht) Ich bin restkatholisch. Kann man sagen. Ich erzähle in diesem Zusammenhang immer ganz gerne, was ich in einer tierischen Reportage im Fernsehen gesehen habe. Nach der Wiedervereinigung hat man den Osthirschen und den Westhirschen Chips eingepflanzt, wo man sehen kann, bis wohin die gehen. Und die gehen seit Generationen tatsächlich nur bis zu der Stelle, wo irgendwann mal die deutsch-deutsche Grenze verlaufen ist. Das ist genetisch noch vererbt. Das Ziel dieses Versuchs ist es rauszukriegen, wie viele Generationen das anhält. Dann wieder zu mir. Meine ganze Familie väterlicherseits, die waren über Jahrhunderte Winzer aus Unkel am Rhein. Und im vorigen Jahrhundert, als mein Vater jung war, ist die Reblaus eingeschleppt worden, da mussten die sich alle einen anderen Beruf suchen. Mein Vater ist nach Köln gegangen. Aber über Jahrhunderte hatte ich nur erzkatholische Vorfahren. Natürlich bin ich da genetisch belastet. Ich bin restkatholisch, do mähste nix draan. Da kannst du nix dran machen!

 Osnabrück kommt ja auch im Booklet vor – und zwar bei den warmen Worten zum Stück „Zeitverschwendung“? 

Es gab eine Veranstaltung mit Diskussion in eurer Kunsthalle im vergangenen Jahr, da warst du ja leider verhindert. Da habe ich mit Tina im „Steigenberger Hotel Remarque“ übernachtet. Vor dem Einschlafen kam mir Erich Maria Remarques Roman „Die Nacht von Lissabon“ in den Sinn. Das ist mein Lieblingsroman von Remarque. Ich habe mich an dieses Gefühl erinnert, als ich das Buch damals gelesen hatte, Jahre vorher. Ich war ziemlich ergriffen damals, als ich das zu Ende gelesene Buch zugeklappt habe, um es auf den Schreibtisch zu legen. Es war ein ganz, ganz tiefes Gefühl der Dankbarkeit, dass ich nicht durch so ein Elend musste, wie das im Buch beschrieben ist. Ich war total ergriffen, es war ein inniger Moment. Am nächsten Tag im ICE von Osnabrück nach Köln habe ich dann diesen Text geschrieben, den Text von „Zeitverschwendung“. Ein kleines, erwachsenes Liebeslied.

 Apropos Liebeserklärungen! „Schrääsch hinger mir“ ist eurer Drummer-Ikone Jürgen Zöller gewidmet, der mit dir 27 Jahre durch Dick und Dünn ging. Mit ihm könnte man sicher im Urwald eine Oper rocken – forever dein trommelnder „Fitzcarraldo“? 

(lacht) „Fitzcarraldo“ – passt schon. Schon als Jürgen noch für Wolf Maahn spielte, wusste ich, da trommelt Klaus Kinski. Kinski ist für mich „Fitzcarraldo“, das ist mein Lieblingsfilm. Es ist ein schönes Stück geworden! Jürgen mag es. Die ersten Versionen waren noch mit Streichern, aber das konnten wir dem vitalen Kerl nicht antun. Jürgen hat ja noch junge Kinder, er ist jetzt 68 und hat vor zehn Jahren sein zweiten Familienversuch gestartet.

 Auch Spätromantiker müssen akzeptieren, die Sieben-Zwerge-WG vom „Chlodwig Eck“ gibt‘s nicht mehr. Selten wurde so fruchtbar gewechselt, man kann wohl heute vom Dreamteam sprechen. Niedecken der Mercedes und Motor, BAP der Stern auf der Kühlerhaube – ist das Niedeckens BAP? 

Von mir aus. Ich bin sehr, sehr froh, dass wir da endlich mal „Butter bei die Fische“ getan haben, einfach mal mit der Wahrheit rausgerückt sind. Du kannst diese Legenden-Bildung endlos fortsetzen, bis dass du irgendwann dickbäuchig im Bierzelt landest mit Leuten, die überhaupt keinen Bock mehr drauf haben. Ich habe schon furchtbare Besetzungen auf Bühnen gesehen von Bands, die dann in vermeintlicher Originalbesetzung da rumstehen. Also ich lege wirklich Wert drauf, dass ich nur mit Musikern zusammenarbeite, für die BAP die Hauptband ist, die sich bei BAP verwirklichen. Ich habe keine Lust auf Mucker, die Dienst nach Vorschrift machen. Da ist mir auch meine Zeit zu schade.

 Ich muss sagen – selten war mehr BAP in der Tüte. BAP steht schon immer für so einen gemeinsamen Code, für ein gemeinsames Langzeiterlebnis? 

Ich pflege die Werte von BAP , die pflege ich immer weiter. Die kann auch keiner besser pflegen als ich. Ich bin ja nicht marktforscherisch unterwegs und gucke, was hätten die Leute denn gerne, sondern ich lasse die Entwicklung organisch passieren. Ich könnte dir nicht sagen, wie das nächste Album läuft. Das Einzige, was ich garantieren kann, ist, dass sich das auch wieder organisch entwickelt. Ich genieße es auf Tour zu sein, ich möchte auf der Bühne ein Gemeinschaftserlebnis haben. Die Band, das Publikum. Ich bin der Gastgeber, ich möchte, dass sich alle wohl fühlen, die in diesem Raum sind. Ich möchte keine Mucker, ich möchte keine „Contract Killer“.

 Anne de Wolff und „Ulle“ Rode - Glücksfälle für die Shows, die Studioarbeit und das aufgewertete Profil der Band? 

Ja, absolut. Mir ist während der letzten Tour aufgegangen, dass das Sinn machen würde, wenn die beiden das Album auch produzieren. Denn es sind Multi-Instrumentalisten, die sich genau auskennen mit dieser Musik, auf die ich abfahre. Wo wir auch weiterkommen! Das haben die wirklich ganz, ganz großartig gemacht. Mit ganz viel Akribie, mit ganz viel Liebe und auch sehr flexibel. Das ist wirklich ein Glücksfall. Die sind wirklich sehr kreativ, das sind keine Poser, sehr versiert. Ulle ist ein fantastischer Gitarrist, der es überhaupt nicht nötig hat auf Gitarrengott zu machen. Aber wenn der will, kann der auch das!

 Du scheinst u. a. neben Nena, Annett Louisan, Seven, Samy Deluxe und BossHoss gesetzt zu sein, wenn Xavier Naidoo in diesem Jahr mit dem „Sing meinen Song“- Tauschkonzert die dritte Erfolgsschleife anpeilt. Freust du dich?  

Dazu kann ich dir noch gar nichts zu sagen.

 Zum Schluss noch einer Drei-Kronen-Konstellation: Angela Merkel, Papst Franziskus und FC-Trainer Peter Stöger. Wer ist zurzeit als Hoffnungsträger geeignet? 

(lacht) Jetzt willst du es aber wissen. „Angie, dat hässte joot jemaat!“, denke ich mir manchmal, wenn ich ihre Auftritte im Fernsehen sehe. Angela Merkel macht mittlerweile ordentliche SPD-Realpolitik, das finde ich prima, deswegen darf man die auch nicht im Regen stehen lassen. Bei allen Witzeleien, die man macht. Der Papst, da freue ich mir einen Ast. Ich weiß nicht, ob ich aus der Kirche ausgetreten wäre, wenn der damals schon da gewesen wäre. Also der ist gut, der macht mir Freude. Und der Stöger macht mir natürlich auch große Freude mit seiner trockenen Art, wunderbar. Wie cool der reagiert hat, als wir gegen die Hannoveraner Handballmannschaft gespielt haben und er dem Schiedsrichter seine Brille angeboten hat. Eine unfassbare Geste, sensationell! Auch die Pressekonferenz war großartig, klasse.

 Was ist eigentlich ein „Vollkasko-Desperado“? 

Das war das erste Stück für das Album. Das habe ich in der Türkei geschrieben, das hat eigentlich den Knoten zum Platzen gebracht. Von da an wusste ich, es läuft, es funktioniert. Das ist einfach oder eigentlich ein Stück über die neue Unsitte der Selfies. Ich habe es immer gerne, wenn ich mit den Leuten auch reden kann. Aber wenn ein Selfie gemacht wird, kannst du nicht mit den Leuten reden. Wenn ein Selfie gemacht wird, musst du den Mund halten, sonst verwackelt das. Die Leute sind sowieso nervös, wenn sie einen dann plötzlich zwischen sich haben, da wissen sie nicht mehr, wie das Ding funktioniert. Und wenn du dann großartig was erzählst, dann verwackelt das. Und dann musst du das nochmal machen und das ist dann eine furchtbare Situation. Ich habe es immer lieber, wenn ich den Leuten irgendwo etwas drauf geschrieben habe oder wenn die Leute von selbst erzählen, als sie das erste Mal BAP gesehen haben oder was sie mit BAP erlebt haben auf einer Klassenfahrt oder weiß der Geier. Vielleicht haben sie sogar zu den Klängen von „Do kanns zaubere“ geheiratet. Ich mag diese Geschichten total gerne, die die Leute mir erzählen.