Netflix und Amazon Kaum Jugendschutz bei Streaming-Diensten

Von Tilmann P. Gangloff | 18.12.2018, 07:37 Uhr

Das klassische Fernsehen wird umfassend reguliert, aber vor den Streaming-Diensten scheint der Jugendschutz zu kapitulieren.

Beim Kinobesuch funktioniert Jugendschutz fast perfekt, und auch im klassischen Fernsehen gibt es klare Regeln. Die Jugendlichen tummeln sich aber ganz woanders; und ausgerechnet dort funktioniert der Jugendschutz kaum.Sendungen mit einer Freigabe ab 16 Jahren dürfen im Fernsehen erst nach 22 Uhr ausgestrahlt werden, Filme ab 18 nicht vor 23 Uhr. Bei DVDs oder Videospielen dagegen greifen die Maßnahmen nur an der Theke; wenn ein volljähriger Käufer die Filme oder Spiele an Jüngere weitergibt, lässt sich das nicht verhindern. Trotzdem haben sich die Jugendschutzgesetze bei den alten Medien bewährt. Das ist heutzutage aber nur ein schwacher Trost, denn in der neuen Medienwelt sind die Gesetze vollkommen untauglich; und genau hier tummelt sich die Zielgruppe, die doch eigentlich geschützt werden soll. Am 7. Dezember startete Netflix die neue deutsche Serie „Dogs of Berlin“. Sie enthält einige ungewöhnlich brutale Szenen, die bei einem Kinofilm zu einer Freigabe ab 16 Jahren geführt hätten; Netflix darf die Serie rund um die Uhr anbieten.

Mit Streaming-Diensten wie Netflix oder Prime Video von Amazon, sagt Joachim von Gottberg, werde der Jugendschutz „noch absurder, als er ohnehin schon ist“. Der Geschäftsführer der vor 25 Jahren gegründeten Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF, Berlin) warnt davor, dass der Jugendschutz seine Glaubwürdigkeit verliere, wenn das eine Medium mit aller Konsequenz, das andere dagegen quasi gar nicht kontrolliert werde; „dabei zeigen alle Untersuchungen, dass Jugendliche zu einem hohen Prozentsatz nicht mehr fernsehen, sondern Streaming-Dienste nutzen.“ Diese Dienste dürfen ihre Programme, sofern es nicht bereits bestehende Altersfreigaben gibt, selbst einstufen. Es ist vor allem diese Diskrepanz, die Gottberg beklagt: Das klassische Fernsehen, das für Jugendliche kaum noch eine Rolle spiele, „ist nach wie vor hoch reguliert. Der Bereich hingegen, in dem sie sich regelmäßig aufhalten, unterliegt nur der Selbsteinschätzung.“

Laut Jugendmedienschutz-Staatsvertrag dürfen Streaming-Dienste ähnlich wie TV-Sender Inhalte, die für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet sind, erst ab 22 Uhr anbieten. Allerdings können sie auf diese Zeitbeschränkungen verzichten, wenn sie die Wahrnehmung des Angebots „durch technische oder sonstige Mittel“ unmöglich machen oder wesentlich erschweren, wie es im Gesetz heißt. Prime Video, erläutert ein Amazon-Sprecher, biete Mitgliedern daher die Möglichkeit an, Beschränkungen für Video-Inhalte mit der Prime-Video-Kindersicherung festzulegen. Prime Video verwendet die Einstufungen der FSK als Grundlage für die Kindersicherheitseinstellungen. Für Inhalte, die ab 18 Jahren eingestuft worden seien, „muss, den gesetzlichen Regelungen folgend, vorher eine Bestätigung der Volljährigkeit des Account-Inhabers erfolgen. Neben gültigen Zahlungsinformationen müssen Mitglieder dazu eine Bestätigung der Daten ihres Reise- oder Personalausweises hinterlegen.“

Gottberg verweist jedoch auf einen Test mit einem 15-Jährigen, der sich problemlos anmelden konnte. Aber selbst wenn alles mit rechten Dingen zugeht: Ist ein Zugang erst mal freigeschaltet, liegt es im Ermessen der Abonnenten, wie ernst sie ihre Aufgaben als Erziehungsberechtigte nehmen. Bei Netflix kann der Hauptnutzer Unterkonten anlegen, zum Beispiel für seine Kinder. Wenn er diesen Konten keine eigene Identifikationsnummer (PIN) zuweist, was laut Gottberg gar nicht so einfach sei, könne sich jedes Kind mit dem Konto des Hauptnutzers anmelden und ungehindert alle Angebote anschauen. Ein Netflix-Sprecher sieht das selbstverständlich ganz anders. Jugendschutz, versichert er, „spielt für Netflix natürlich eine sehr wichtige Rolle“. Aus diesem Grund sei der Anbieter im Oktober der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Dienstanbieter (FSM) beigetreten, um gemeinsam hohe Jugendschutzstandards auf der Plattform sicherzustellen.„Gemeinsam mit der FSM hat Netflix daran gearbeitet, familienfreundliche Anpassungen für den deutschen Markt vorzunehmen.“ Nach Einschätzung der FSM seien diese Jugendschutzfunktionen „einfach zu bedienen und sehr gut erklärt“.

Die Kritik des FSF-Chefs gilt allerdings ohnehin weniger den Anbietern, sondern vor allem dem Gesetzgeber, der offenbar auf dem Standpunkt stehe: Man regele alles, was regelbar sei, und finde sich damit ab, dass entsprechende Bestimmungen im Netz nicht mehr durchzusetzen seien. Wünschenswert wäre daher „ein transparentes und plausibles System“, das sich auf die Inhalte und nicht mehr auf den Zugang bezieht.“Die Hoffnung, das Problem mit Hilfe der Technik zu lösen, dürfte sich zerschlagen haben: Das Jugendschutzprogramm JusProg wird laut Gottberg in gerade mal zwei Prozent der Haushalte mit Kindern genutzt. Gottberg plädiert dafür, den Regulierungsgrad im Internet zu erhöhen: Kommerzielle Plattformen sollten verpflichtet werden, bestehende Freigaben der FSK (Kino, DVD) oder der FSF (TV) zu beachten. Für Inhalte, die dort bislang nicht vorgelegen hätten, sollten die Anbieter eine Altersfreigabe beantragen, sofern die entsprechenden Filme und Serien für Jugendliche womöglich nicht geeignet seien. Außerdem könnte der Gesetzgeber Standards für technische Zugangsbeschränkungen festlegen, die für alle Plattformen verbindlich würden: „Mit einer solchen Bestimmung würde man zwar nicht das gesamte Internet erfassen, aber man hätte doch immerhin Regelungen für einen Bereich geschaffen, der sowohl von der Menge als auch vom Gefährdungsrisiko her eine große Rolle spielt.“