Zukunft des Rauchens Ist die Zigarette am Ende? Von wegen, sagen Verbände und Drogenbeauftragte

Von Melanie Heike Schmidt | 27.12.2016, 06:00 Uhr

Zeitenwende für Millionen Raucher: Der Vorsitzende des weltgrößten Tabakkonzerns Philip Morris hat das Ende der Zigaretten-Ära verkündet. Deutsche Fachverbände sehen das anders. Und die Drogenbeauftragte warnt: keine Trendwende in Sicht.

Wie schwerer Rauch hing das Statement von André Calantzopoulos, Vorstandschef des Tabakriesen Philip Morris, in der Luft: Im Interview mit der britischen BBC sagte er: „Ich glaube, dass schon bald der Zeitpunkt kommen wird, an dem wir das Ende der Zigaretten-Ära einläuten werden.“

Starker Tobak

Dass Calantzopoulos‘ Einschätzung starker Tobak ist, liegt auf der Hand, denn der Mann ist nicht irgendwer: Seit drei Jahren leitet er Philip Morris, den weltgrößten Hersteller von Tabakwaren. Dank der Vermarktung in rund 180 Ländern setzt der Tabakriese pro Jahr rund 80 Milliarden US-Dollar um. 82.000 Mitarbeiter sorgen dafür, dass es an den berühmtesten Zigarettenmarken wie Marlboro, Chesterfield oder Optima nie mangelt. Und ausgerechnet Calantzopoulos läutet die Totenglocke für die Zigarette? Seltsam.

Dampf statt Rauch

Um zu verstehen, was den CEO antreibt, hilft es, die weniger bekannten Aktivitäten des Konzerns in den Blick zu nehmen. So bastelt Philip Morris seit einem Jahrzehnt an einer neuen E-Zigarette, die nicht nur eine tabakfreie, nikotinhaltige Flüssigkeit verdampft, sondern in der echter Tabak zum Einsatz kommt. Die Hightech-Fluppe ist nun fertig und wurde vor wenigen Wochen in Großbritannien unter dem Namen IQOS eingeführt.

Auch in Deutschland ist der Konzern aktiv und erklärt das Rhein-Main-Gebiet zur Testzone: Seit August hat in Frankfurt ein großer, zweistöckiger Flagship-Store seine Glaspforten geöffnet. Unter dem Motto „This changes everything“ („Das ändert alles“) können Raucher die neue E-Zigarette IQOS testen. Auch in Berlin und anderen Städten sind IQOS mittlerweile erhältlich.

Zwei Fliegen mit einer Klappe

Hat das System Erfolg, würde Philip Morris zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Zum einen würde der Konzern dem Zeitgeist folgen und den noch zarten, aber erstarkenden Trend zum E-Rauchen fördern. Und zum anderen käme bei IQOS immer noch Tabak zum Einsatz.

Aktuell erwirtschaftet Philip Morris den größten Teil seiner Milliardenumsätze mit der Vermarktung konventioneller Zigaretten.

Branche mit Problemen

Doch die Branche hat Probleme. Zwar rauchen beispielsweise im Schnitt in Europa immer noch rund ein Viertel der Einwohner, doch es werden Jahr für Jahr weniger. Auch immer umfangreichere Rauchverbote im öffentlichen Raum zeigen Wirkung. Zudem scheinen junge Leute das Rauchen weniger cool zu finden, die Zahl rauchender Teenies sinkt. Das alles setzt den Tabakmarkt unter Druck. Billigproduzenten aus Osteuropa zum Beispiel zwangen die letzte Fabrik Frankreichs, in der die Traditionsmarke Gauloises im Auftrag des britischen Konzerns Imperial Brands PLC hergestellt wurde, kürzlich zum Aufgeben. Und bei der Reemtsma Cigarettenfabrik GmbH sorgten laut Medienberichtan am Standort Hannover-Langenhagen die von der EU verordneten Schockbilder auf den Zigarettenpackungen für Sorgenfalten bei einigen der insgesamt 800 Mitarbeiter, die hier Tabakwaren herstellen.

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Reemtsma widerspricht

Der Aussage von Philip-Morris-Chef André Calantzopoulos, die Ära der Zigarette könne bald enden, widerspricht man bei der Reemtsma Cigarettenfabriken GmbH mit Sitz in Hamburg allerdings energisch: „Tabak ist ein Genussprodukt mit einer jahrhundertelangen Tradition, und kein Signal im Markt spricht für ein Ende dieser Tradition“, sagte Reemtsma-Pressesprecherin Doreen Neuendorf im Gespräch mit unserer Redaktion. „Es wird immer Konsumenten geben, die sich für traditionelle Tabakprodukte entscheiden oder für neue Produkte oder für beides.“

Noch ein Nischenprodukt

Aktuell seien „E-Zigaretten im deutschen Markt ein Nischenprodukt mit einem Verwenderanteil auf geringem Niveau“, erläuterte Neuendorf. „Wir sprechen hier von einem niedrigen einstelligen Prozentbereich.“ Der Markt für E-Zigaretten wachse zaghaft, so die Sprecherin. „Eine deutliche Mehrheit der Verwender sind zudem Dualisten, welche parallel weiter klassische Tabakwaren konsumieren.“ Unterm Strich sei man jedoch überzeugt, dass der Markt für E-Zigaretten an Bedeutung zunehmen werde. „Wir unterstützen die Weiterentwicklung des Potenzials von E-Zigaretten“, so Neuendorf. Schon jetzt sei Reemtsma „innerhalb der Unternehmensgruppe über Fontem Ventures mit der E-Zigarettenmarke blu in ausgewählten Ländern erfolgreich aktiv“, sagte die Sprecherin. Die Reemtsma Cigarettenfabriken GmbH ist Teil der Imperial Brands PLC mit Sitz in Großbritannien. Imperial Brands PLC ist Nummer vier im internationalen Tabakmarkt nach Philip Morris, British American Tobacco und Japan Tobacco.

DZV: Zigarette bleibt beliebtestes Tabakprodukt

Dass bald die letzte Zigarette ausgedrückt sein wird, glaubt auch Jan Mücke, Geschäftsführer Deutscher Zigarettenverband (DZV), nicht: „Die Zigarette bleibt auch in Zukunft das beliebteste Tabakprodukt der Deutschen.“ Mit einem „Marktanteil von weit über 90 Prozent am Gesamtmarkt für Tabakerzeugnisse und über 20 Millionen zufriedenen Kunden“ würden Zigaretten und Feinschnitttabak für Zigaretten zum Selberdrehen „auch künftig das Hauptmarktsegment für erwachsene Raucherinnen und Raucher bleiben“, betonte Mücke. Man investiere in risikoreduzierte Erzeugnisse wie die E-Zigarette und sogenannte Heat-not-Burn-Produkte, bei denen Tabak erhitzt und nicht verbrannt wird, so der DZV-Geschäftsführer. „Diese neuartigen Tabakprodukte ergänzen unser Produktportfolio, sie werden es aber nicht ersetzen“, sagte er.

VdR: Mehr als reine Nikotinaufnahme

Ähnliche Töne kommen von Michael von Foerster, Hauptgeschäftsführer Verband der Deutschen Rauchtabakindustrie: „Der VdR steht der Aussage von Philip Morris zum Ende der Zigarette gelassen gegenüber“, sagte Foerster. „Für viele Genießer ist das Rauchen mehr als die reine Nikotinaufnahme. Der ursprüngliche Genuss von frischem Tabak oder einer guten Zigarre ist nicht zu ersetzen.“

Drogenbeauftragte: Alles andere als unbedenklich

Dass derartige Aussagen der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marlene Mortler, nicht gefallen, liegt auf der Hand. Auch sie sieht das Ende der Zigarettenära noch nicht gekommen – zu ihrem Bedauern, wie sie im Gespräch mit unserer Redaktion betonte: „Solange bei uns jeder Vierte raucht und jedes Jahr über 120.000 Menschen an den Folgen des Tabakkonsums sterben, sind wir von einem Ende der Ära des Rauchens weit entfernt – leider!“ Ob die E-Zigarette einmal substanziell zur Schadensminderung betragen werde, sei noch völlig offen, so die CSU-Politikerin. „Hierfür wird es entscheidend darauf ankommen, was in E-Zigaretten eigentlich verdampft wird. Betrachtet man die heutigen Wirkstoffe der E-Zigaretten können wir mit Sicherheit sagen: Sie sind alles andere als unbedenklich.“ Auch Krebsverbände warnten bereits vor möglicherweise negativen Folgen der E-Zigaretten.

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Sechs Millionen Tote im Jahr

Raucher zeigen sich davon meist unbeeindruckt. Zahlen offenbaren die Dimension der Sucht: Rund eine Milliarde Raucher gibt es weltweit, mehr als sechs Millionen Menschen sterben laut Weltgesundheitsorganisation WHO pro Jahr an den Folgen des Tabakkonsums. Allein in Deutschland werden täglich etwa 223 Millionen Zigaretten geraucht. Wie sich das Inhalieren der Dämpfe aus E-Zigaretten auf die Gesundheit auswirkt, ist noch unklar.

Experten: Umsatz bei E-Zigaretten könnte sich verfünffachen

Dass den Tabakkonzernen daran gelegen ist, ihre Kunden zu halten, liegt nahe: Jährlich setzt die Branche weltweit etwa 700 Milliarden US-Dollar (658 Milliarden Euro) mit klassischen Tabakwaren um. Im Vergleich zur E-Zigarette ein Witz: Hier liegt der Umsatz weltweit bei rund sechs Milliarden US-Dollar (6,27 Milliarden Euro). Doch das soll sich ändern: Experten haben ausgerechnet, dass sich der Umsatz mit den Dampfern bis zum Jahr 2030 auf 30 Milliarden Dollar (31,35 Milliarden Euro) verfünffachen könnte.

Hochgerechnet: Weitere 84 Millionen Tote bis 2030

Und die Zahl der Toten? Schwer zu sagen, schließlich gibt es zu den neuen Verdampfern und E-Zigaretten noch keine belastbaren Langzeitstudien. Aber: Bliebe die aktuelle WHO-Zahl konstant, würden bis Ende 2030 etwa noch 84 Millionen Erdbewohner an den Folgen des klassischen Tabakkonsums sterben.

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