Willkommen im Müll Ohne Perspektive: Wie Roma in Belgrad leben

Von Franziska Kückmann | 04.06.2015, 21:45 Uhr

Auch wenn derzeit afrikanische Flüchtlinge auf dem Mittelmeer das öffentliche Bild bestimmen: 60 Prozent der Asylbewerber in Deutschland stammen aus der Balkan-Region. Das Kosovo und Serbien gehören zu den Haupt-Herkunftsländern. Ein Ortsbesuch.

Brahim umklammert das weiße Blatt Papier, das seinen Traum zerstört hat. Der Zettel hat ihn wieder zurückgebracht in die verfallene Armensiedlung vor den Toren Belgrads. Anklagend deutet der Zeigefinger des 29-Jährigen auf das Geschriebene. Asylantrag abgelehnt, steht da in Behörden-Deutsch. Die Sprache versteht er nicht. Die Botschaft schon.

Im Februar waren Brahim und seine Frau Tanja in Bielefeld. Jetzt leben sie wieder in einer Roma-Siedlung in der serbischen Hauptstadt. „Raus“, dieses deutsche Wort kennt Brahim, er spricht es mit hartem, gerolltem „r“. Raus – das habe die Polizei zu ihnen gesagt, die sie zum Gehen aufforderte. Zwei Tage haben Brahim und Tanja für die Reise nach Deutschland gebraucht, über Ungarn, und dann in die Bundesrepublik, bis nach Bielefeld. Am Ende hielten sie das Blatt Papier in der Hand und kehrten zurück.

Verschläge im Schlamm

Zurück in die Armut. Die Ansammlung baufälliger Verschläge zwischen Schlamm, Müll und Gerümpel hat die Bezeichnung „Siedlung“ kaum verdient. Selbst an einem regnerischen Maitag schweben üble Gerüche darüber. Als Roma gehören Brahim und Tanja einer Minderheit in Serbien an, die unter Ausgrenzung und Diskriminierung leidet. Fast 90 Prozent der serbischen Asylbewerber in Deutschland sind Roma. Als politisch Verfolgte gelten sie aber nicht. Und Serbien ist als sicheres Herkunftsland eingestuft. Deshalb werden auch fast alle Asylantrage abgelehnt.

Für dieses Dilemma hat Brahim nur eine verzweifelte Armbewegung übrig. „Sicher“, sagt er und zeigt um sich. „Sieht das hier sicher aus?“ Die winzigen Hütten sind aus dem zusammengezimmert, was ihre Bewohner im Müll gefunden haben. Fließendes Wasser gibt es nicht, auch kein Abwassersystem. Durch die Dächer tropft der Regen, in den Gräben schwimmen Fäkalien. Und überall Abfall.

Illegale Siedlung

Tanja sammelt in einer kleinen Badewanne Wasser, das von den Dächern rinnt. Sie nutzt es zum Waschen. Trinkwasser holt sie manchmal aus einer Leitung auf einem nahegelegenen Friedhof. Illegal. Die ganze Siedlung ist illegal. Deshalb kümmern sich die serbischen Behörden auch nicht um die hier lebenden Roma, deshalb fährt auch die Müllabfuhr nur bis zur Straße vor den ersten Hütten. Offiziell gibt es diese Menschen gar nicht.

Wer kann, sucht sein Glück in der Flucht. Wirtschaftsflüchtlinge, dieser Begriff trifft es nicht. Armutsflüchtlinge, das sind sie. Sie fliehen vor dem Nichts, nur um irgendwann in dieses Nichts zurückzukehren, wenn sie in Deutschland abgelehnt worden sind.

Sprunghaft gestiegen

Die Zahl der Flüchtlinge aus einigen Balkanländern ist in den vergangenen Monaten sprunghaft gestiegen. Nicht nur die Roma aus Serbien gehören dazu. Das Kosovo haben in den ersten Monaten des Jahres so viele Bürger verlassen, dass von einem Massenexodus die Rede war. Fast 28000 Kosovaren stellten von Januar bis April 2015 einen Asylantrag in Deutschland – ein Viertel aller Bewerber. Im gleichen Zeitraum im vergangenen Jahr waren es 1700. Aus Serbien kamen in den ersten vier Monaten fast 11500 Menschen (2014: 6600), aus Albanien 11300 (2014: 2600).

Auch aus dem Kosovo fliehen sie vor Armut und Perspektivlosigkeit. Seit der Unabhängigkeit 2008 krebst das Land am Existenzminimum herum und hängt am Tropf internationaler Geldgeber. Ein Drittel der Kosovaren lebt in absoluter Armut, hat also weniger als einen Dollar pro Tag zur Verfügung. Zugleich hat der jüngste Staat Europas auch die jüngste Bevölkerung: Die Hälfte ist unter 25 Jahre alt. Zwei Drittel von ihnen ist arbeitslos.

„5000 Euro von Merkel“

Der Busbahnhof in der kosovarischen Hauptstadt Pristina liegt verschlafen da. Ein paar weiße Busse warten auf Fahrgäste. Vor ein paar Monaten noch, erzählt eine Mitarbeiterin der deutschen Botschaft, sei hier die Hölle los gewesen. Jeden Tag Hunderte Menschen, die auf die Busse gen Norden warteten, sich um die Plätze beinahe schlugen. Richtung Ungarn, dann nach Deutschland. Oder auch nach Frankreich. „Die wildesten Gerüchte gingen herum“, sagt sie. „Etwa, dass Frau Merkel jeden mit 5000 Euro und einem Arbeitsplatz begrüßt.“ Wunschdenken, Verlockungen. Die Realität sieht so aus, dass die Ausgereisten ziemlich schnell wieder zurück im Kosovo sind.

Um die Flüchtlingswelle zu stoppen, hat die deutsche Botschaft zusammen mit der kosovarischen Regierung eine Aufklärungskampagne ins Leben gerufen. In den Medien wurde davor gewarnt, sein Hab und Gut zu verkaufen, um nach Deutschland zu gehen. Betroffene berichteten im Fernsehen von ihren Erfahrungen. Wie es sei, sein Hab und Gut für die Reise mit Schleppern zu verkaufen, abgelehnt zu werden und in der alten Heimat vor dem Nichts zu stehen.

Anreize gefragt

Um die Kosovaren zum Bleiben zu bewegen, brauchen sie Anreize. Eine Perspektive. „Arbeitsplätze, Arbeitsplätze, Arbeitsplätze“, antwortete Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) kürzlich während seines Besuchs in Pristina auf die Frage, was dem Land in erster Linie fehle. Doch solange die Wirtschaft brach liegt und ausländische Investoren zögern, kommt nur wenig in Bewegung. Hauptprobleme sind die grassierende Korruption, die schlechte Infrastruktur, die unzuverlässige Energieversorgung.

Diese Herausforderungen sind Hauptbestandteile der deutschen Entwicklungszusammenarbeit mit dem Kosovo. Fast 30 Millionen Euro stellt Deutschland für 2015 zur Verfügung. Auch nach Serbien fließen Millionenbeträge: 75,5 Millionen Euro sind für das laufende Jahr zugesagt. Die Wirtschaftsentwicklung steht ganz oben auf der Aufgabenliste. Daran hat Deutschland schließlich ein großes eigenes Interesse.

Auch wenn die große Ausreisewelle inzwischen abzuflauen scheint: Brahim und Tanja, das Roma-Ehepaar aus Belgrad, geben noch nicht auf. Brahim entblößt eine Zahnlücke, als er schwach lächelt. „Wir werden noch mal versuchen, nach Deutschland zu kommen“, sagt er. „Bald.“

TEASER-FOTO: