Weltkrieg in den Paradoxien der Erinnerung Labor aller Desaster des Jahrhunderts

Von Dr. Stefan Lüddemann | 13.01.2014, 09:00 Uhr

Der Erste Weltkrieg hat nicht nur Europa gespalten, sondern auch die Erinnerung. Heute wird er vor allem als desaströses, aber fernes Verhängnis gesehen. Dabei ist er neu zu bewerten – als Labor, in dem zum ersten Mal erprobt wurde, was die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts zur Kette der Katastrophen machen sollte.

 George F. Kennans Wort vom Ersten Weltkrieg als der „Urkatastrophe“ des Jahrhunderts identifiziert den Krieg als Auslöser von Prozessen, die in ihren Konsequenzen weit über 1918 hinausreichen, rückt ihn gleichzeitig aber auch in die Position einer fernen Vorgeschichte. Besonders für die Deutschen ist der Erste Weltkrieg – im Gegensatz etwa zu Engländern und Franzosen – fast völlig aus dem Horizont der Erinnerung gerutscht. Während sich Engländer heute noch papierene Mohnblüten zum Gedenken an die Gefallenen und die Schlachtfelder Flanderns ans Revers heften oder Franzosen die „anciens combattants“, die alten Kämpfer, ehren, gibt es in Deutschland keine selbstverständliche Geste der Trauer oder des Gedenkens.

Kein Wunder. Der politische, militärische und vor allem moralische Zusammenbruch, den Deutschland durch den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust erlitt, überdeckte das Grauen des industrialisierten Tötens, das den Ersten Weltkrieg als apokalyptische Zeitenwende so furchtbar kenntlich gemacht hatte. Der Versuch, die Verbrechen des Dritten Reiches, sofern überhaupt möglich, zu bewältigen, hat hierzulande alle Kapazitäten des Gedenkens und der Erinnerung gefordert. Der Erste Weltkrieg entschwand aus dem Bereich gesellschaftlicher Debatte. Erst in der erneuten, durch den 100. Jahrestag motivierten Rückschau wird bestürzend deutlich, welche Tendenzen der Erste Weltkrieg angestoßen hat. Ob der Untergang ganzer Reiche, der Sprung zu immer grausameren Waffen, zu Luftkrieg und rassistischer Abwertung ganzer Völker – der Erste Weltkrieg hat Politik und Konflikte wie ein Brandbeschleuniger brutalisieren helfen.

Allerdings war es den Deutschen auch niemals gelungen, ihrer Erinnerung an den von Franzosen und Engländern so genannten „Großen Krieg“ stimmige Form und damit einigende Kraft zu verleihen. Im Zeichen des von Kaiser Wilhelm II. beschworenen „Burgfriedens“ standen 1914 noch jene ideologischen Gegner zusammen, die in den Zwanzigerjahren das Gedenken an den Krieg zum Knüppel im Kampf der Weltanschauungen machen sollten. Unter dem Eindruck der fatalen „Dolchstoßlegende“ ging der Krieg noch weiter, als die Waffen seit November 1918 schon schwiegen – als erbitterte Entzweiung, an der die Weimarer Republik scheitern sollte.

Dazu passte, dass jenes Andenken buchstäblich weggesperrt wurde, was zum Bild des angeblich unbesiegten Heeres und soldatischen Heldentums nicht passen wollte. „Dieser verdammte Krieg! In der Provinz verstreut sollte es einsame Gebäude geben, wo noch immer verstümmelte Soldaten lagen. Männer ohne Gliedmaßen, Männer mit furchtbaren Gesichtern, ohne Nasen, ohne Münder. [...] Und der Selige, der irgendwo in der Mark Brandenburg durch Glasröhrchen gefüttert wurde, lebte zu Hause nur noch als hübsche Fotografie über dem Sofa“, heißt es noch 1931 in Erich Kästners satirischem Roman „Fabian“ . Das verleugnete Leid – nur eine der Verdrängungen, die die Erinnerung an den Weltkrieg bestimmten.

Dieser Krieg konnte allerdings auch nicht ohne erhebliche Friktionen zum Gegenstand des kollektiven Gedächtnisses transformiert werden. Dafür war er selbst viel zu sehr ein Phänomen kaum zu ertragender Paradoxien und nicht mehr beherrschbarer Beschleunigungen. Dass anfangs noch Armeen mit bunten Uniformen und Kavallerie in einen Krieg zogen, dessen Ikonografie später von Feldgrau und Stahlhelm bestimmt werden sollte, kehrt bereits den Epochenbruch nach außen, der sich hier vollzog.

Entsprechend widersprüchlich schätzten schon die Zeitzeugen das Geschehen ein. „Wie hätte der Soldat im Künstler nicht Gott loben sollen für den Zusammenbruch einer Friedenswelt, die er so satt, so überaus satt hatte?“, ereiferte sich Thomas Mann 1914 in seinen „Gedanken im Kriege“, während sein österreichischer Schriftstellerkollege Stefan Zweig in seinen Erinnerungen 1942 rückblickend den Untergang jener Lebenswelt bedauerte, die er die „Welt von Gestern“ nannte. War der Krieg nun Befreiung oder ein Opfergang, den der Dada-Dichter Hugo Ball in seinem 1916 uraufgeführten „Krippenspiel“ bitter beschwor?

„Und da er ward gekreuzigt da floss viel warmes Blut“, schließt Balls Text mit einer Totenklage, die jene jungen Männer meint, die zur gleichen Zeit nicht am Kreuz, sondern in Schützengräben oder Stacheldrahtverhauen verbluteten. Künstler registrierten sensibel jenen Verlust der Sicherheit von Lebensverhältnissen und der Berechenbarkeit politischer Abläufe, die der Erste Weltkrieg bringen sollte. Als Inferno, das alle Vorerwartung überstieg, kappte er die Verbindung zu der Zeit vor seinem Ausbruch. Stellvertretend gerade für viele junge Leute erhoffte Thomas Mann von dem Krieg reinigende Wirkung. Doch er brachte nur den Rückfall in Rohheit.

Diese Barbarei brach – vielleicht die verstörendste Erfahrung von allen – mitten in einer Welt auf, die sich für zivilisiert und fortgeschritten hielt. Vermeintlich unzerstörbare Bilder von Heldenmut und soldatischer Bewährung zerschellten in Trommelfeuer und Gaskrieg. „Der Krieg ist zur Maschine geworden, zur automatischen Maschine. Infanterieangriff: Sperrfeuer. Artilleriekampf: Antwort. Und Antwort heißt: Verluste. Wann kommen wir endlich aus dieser Hölle heraus?“, schreibt Edlef Köppen 1930 in seinem bestürzend harten Frontroman „Heeresbericht“ . Der Erste Weltkrieg brachte waffentechnische Erfindungen wie Flammenwerfer, Maschinenpistole und Panzer, aber auch den in seiner Brutalität mittelalterlich anmutenden Nahkampf mit Stachelkeule und „Grabendolch“.

Unter dem Druck von Materialschlachten zerbrachen nicht nur die Seelen jener Menschen, die den Krieg physisch überlebten, sondern auch hergebrachte politische Ordnungen und Wertesysteme. Wer erinnert sich heute noch daran, dass auch Luftkrieg und Heimatfront zum Erbe des Ersten Weltkrieges gehören? Oder die rassistische Abwertung der Völker im Osten, die im Zeichen „deutscher Kultur“ überrannt wurden? Im Rückblick erscheint dieser Krieg als Probelauf genau jener Radikalisierungen von Konflikten, die erst später voll durchschlagen sollten. Der Erste Weltkrieg war beides: Untergang und Geburtsstunde.