Was hilft gegen Altersarmut? Caritas-Chef Cremer fordert 80 Euro mehr Sozialhilfe für Rentner

Von Marion Trimborn | 10.02.2017, 06:05 Uhr

Was kann man gegen die wachsende Altersarmut tun? Die gängigste Forderung lautet, die Renten zu erhöhen, damit ältere Menschen mehr im Portemonnaie haben. Der Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes, Georg Cremer, hält das für den falschen Weg. Weil Menschen mit Mini-Rente davon nichts hätten. Stattdessen fordert Cremer, die Sozialhilfe für Rentner deutlich aufzustocken.

In einem Gespräch mit unserer Redaktion sagte Cremer: „Um den Armen zu helfen, nützt keine allgemeine Rentenerhöhung, sondern wir brauchen Maßnahmen, die spezifisch bei den Armen ankommen.“ Der Caritas-Generalsekretär fordert, den Hartz-IV-Satz um 60 bis 80 Euro anzuheben. Derzeit liegt er bei 400 Euro für einen Alleinstehenden plus Miete und Heizung. Cremer sagte: „Das wäre kein wahnsinniger Sprung, aber es würde den Beziehern einfach mehr finanzielle Flexibilität geben.“ Die zusätzlichen Kosten von einigen Milliarden seien durchaus machbar: „Der Staat kann das finanziell stemmen.“ Cremer kritisierte die Anhebung des Hartz-IV-Regelsatzes um 5 Euro zu Jahresbeginn: „Die Anhebung hat nur die Preissteigerungen ausgeglichen. Aber sie hat an der Tatsache, dass die Hartz-IV-Sätze auf Kante genäht sind, nichts geändert.“

Fast 6 Millionen Deutsche von Altersarmut bedroht

Am Mittwoch waren Zahlen des Europäischen Statistikamtes Eurostat bekannt geworden, wonach 5,7 Millionen Deutsche von Altersarmut bedroht sind. „Der Grund ist, dass wir vermehrt Rentner haben werden, die länger arbeitslos waren“, erklärte Cremer. „Auch wer ein Leben lang nur den Mindestlohn bekommt, ist auf Grundsicherung angewiesen.“ Derzeit erhielten drei Prozent der Deutschen im Rentneralter staatliche Hilfe vom Sozialamt. Nach seriösen Schätzungen dürften es 2029 mit sechs Prozent doppelt so viele sein.

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Nach Ansicht des Caritas-Generalsekretärs kann die häufig geforderte Anhebung des Rentenniveaus die Armut im Alter nicht mildern. Eine solche Maßnahme helfe vor allem den Beziehern guter Renten, die vergleichsweise viel dazu bekämen. „ Mini-Rentner würden nur wenig mehr erhalten, die Armen gingen leer aus“, kritisierte Cremer. „Wer auf Grundsicherung angewiesen sei, hat von der Erhöhung Nullkommanix.“ Denn der kleine Mehrbetrag, den sie als Rentner erhielten, werde ihnen bei der Berechnung der Grundsicherung in gleicher Höhe wieder abgezogen.

Der Caritas-Generalsekretär forderte Freibeträge, damit bei der Berechnung der Grundsicherung ein Teil der gesetzlichen Rente den Empfängern der Grundsicherung gelassen werde. Es sei wichtig, dass derjenige, der sein Leben lang in die Rentenkasse eingezahlt habe , aber dennoch auf Grundsicherung, also Sozialhilfe angewiesen sei, im Alter mehr habe, als der, der nie eingezahlt habe. Cremer kritisierte: „Da gibt es eine Gerechtigkeitslücke.“

Caritas-Chef wendet sich gegen Skandalisierung der Armut

Cremer fürchtet, dass im Wahlkampf das Thema Armut für andere Zwecke missbraucht werden wird. „Wahlkampfzeiten sind immer Zeiten öffentlicher Erregung. Es ist falsch, ein Untergangsszenario zu malen, in dem auch die Mitte dieses reichen Landes als abgehängt dargestellt wird. Das trifft nicht die Lage der Mitte.“ Seit 2005 sei die Entwicklung der Armutsquote in Deutschland einigermaßen stabil. Es gebe auch Tendenzen einer Verbesserung. Cremer sagte: „Man muss aufpassen mit den ständigen Kassandra-Rufen, dass es von Jahr zu Jahr schlechter wird. Das führt zu einer Gesellschaft der Angst.“

Die Zahlen belegten jedoch, dass große Familien mit drei und mehr Kindern ein etwa doppelt so hohes Armutsrisiko wie Familien mit einem oder zwei Kindern hätten. „Da ist ein besserer Lastenausgleich nötig“, forderte Cremer. Das gestaffelte Kindergeld reiche hierfür nicht aus. Eltern von kinderreichen Familien könnten häufig über Jahre nicht beide arbeiten gehen und benötigten deshalb mehr staatliche Hilfe.

Prof. Georg Cremer ist Autor des Buchs „Armut in Deutschland“, das er am 22. Februar in Osnabrück vorstellen wird (ab 19.30 Uhr im Forum am Dom).