Wansleben: Wir brauchen Europa DIHK: „Weiter wie bisher“ geht nicht mehr

Von Beate Tenfelde | 25.06.2016, 06:55 Uhr

Was genau kommt durch das Votum der Briten für den EU-Ausstieg auf deutsche Unternehmen zu? Ist „business as usual“ vorbei? Dazu im Interview Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK).

Das Debakel ist eingetreten: Es kommt zum Brexit. Wie soll es zwischen Großbritannien und Resteuropa weitergehen?

Die deutsche Wirtschaft ist auf den Fortbestand des Binnenmarktes geradezu angewiesen. Die deutschen Unternehmen legen größten Wert auf die Geschäftsbeziehungen zu den britischen Kunden. Sie verdienen dort gutes Geld, sie haben dort gute Zulieferer. Wir müssen bei den Verhandlungen mit Großbritannien im Auge behalten, dass Europa zusammenbleibt. Die Wirtschaft hat daran massives Interesse – auch mit Blick auf Arbeitsplatzerhalt, Wohlstand und Sicherheit.

Droht Europa Zerfall und Niedergang?

Gute Nachbarschaft ist einer unserer zentralen Werte. Europa war nie eine Wagenburg – und darf es auch in Zukunft nicht werden.

Wie groß ist die Gefahr eines Dominoeffekts?

Die EU-kritischen Diskussionen in vielen EU-Mitgliedstaaten – auch bei uns hier in Deutschland – geben durchaus Anlass zur Sorge. Es kommt jetzt darauf an, die Vorteile Europas hervorzuheben. Und Europa liefert immense Vorteile – ohne dass es der Einzelne immer sofort merkt.

Welche genau?

Einen europäischen Binnenmarkt, offene Grenzen, gemeinsame Rechtssysteme, durchlässige Steuersysteme, keine Zölle. Wir haben  paneuropäische Wertschöpfungsketten. Es ist überhaupt kein Problem, Kunden oder Lieferanten in allen Teilen Europas zu haben. Innerhalb Europas brauchen wir keine Handelsabkommen zwischen den einzelnen Ländern – es ist alles da, und zwar vom Feinsten.

Es folgen jetzt mehrjährige Austrittsverhandlungen. Wie sollen sich Firmen verhalten?

Großbritannien kommt jetzt in schwieriges Fahrwasser, weil die internationalen Handelsverträge neu aufgesetzt werden müssen. Eine zusätzliche Instabilität bedeutet, was mit Schottland oder auch Nordirland wird.

Sechs von zehn in Großbritannien tätigen deutschen Unternehmen haben erklärt, ihr Engagement im Fall des Brexit zurückzufahren . . .

Jeder Unternehmer wird versuchen, seine Geschäfte aufrechtzuerhalten. So schnell gibt keiner eine Fabrik oder Kundenkontakte auf. Das wäre auch sehr unklug. Das Vereinigte Königreich ist drittgrößter Abnehmer deutscher Exporte weltweit. Die deutsche Wirtschaft liefert jährlich Waren für rund 90 Milliarden Euro auf die Insel. Etwa 750 000 Arbeitsplätze hängen hierzulande davon ab. Ob der Brexit zu einem gegenseitigen Aufbau von Zöllen führe, ist offen. Klar ist jedoch: Selbst, wenn die EU in diesem Fall auf Zölle verzichten würde, kommt auf die Unternehmen definitiv viel mehr Bürokratie zu.

Kostet der Brexit in Deutschland Arbeitsplätze?

Es gibt Schätzungen, dass der Brexit in Deutschland 0,5 Prozent unseres Wachstums kostet. Aber wir müssen mit solchen Prognosen sehr vorsichtig sein.

Business as usual mit Großbritannien funktioniert nicht mehr?

Nein, das geht nicht mehr. Manch einer in Großbritannien wird erst zeitversetzt wirklich registrieren, welch massiven Folgen der Brexit hat und was er von Europa hatte.