Verbandspräsident Schröder im Interview Tierschutzbund: Landwirte sind keine Tierquäler

Von Dirk Fisser | 29.08.2015, 07:13 Uhr

„Auf einem Bauernhof vor langer Zeit“, heißt es in der Warteschleifenmusik des Deutschen Tierschutzbundes, da lebten Kuh und Schwein noch frei. Im Interview mit unserer Redaktion rechnet Verbandspräsident Thomas Schröder mit der modernen Tierhaltung ab, spricht von Qualzucht und dem Versagen der Politik in Sachen Tierschutz. Doch die Landwirte nimmt er auch in Schutz.

 Herr Schröder, Landwirte sagen, den Schweinen, Hühner und Rindern geht es heute viel besser als noch vor einigen Jahren oder Jahrzehnten. Deckt sich das mit der Sicht des Tierschutzbundes? 

Nicht in dieser Pauschalität, das muss man differenzierter sehen. Nehmen wir das Beispiel Milchvieh: Natürlich hat sich da etwas getan, wenn wir an Offenlaufstelle denken, in denen sich Kühe freier bewegen können, obwohl immer noch eingeschränkt. Das ist selbstverständlich besser als die früher übliche Anbindehaltung im Stall, wo die Tiere an der Kette lagen. Aber trotzdem steht in diesen neuen, hellen Ställen ein Tier, das aus meiner Sicht eine Turbokuh ist, die nah an der Qualzucht ist. Ähnlich ist es bei Schweinen und Geflügel. Gerade für den Raum Weser-Ems als Hochburg der Intensivhaltung gilt: Das sind alles Haltungssysteme, die dem Tier per se nicht gerecht werden. Hier kann man pauschalisieren. (Weiterlesen: Weser-Ems: 90 Millionen Stallplätze für Geflügel) 

  Da machen sie also das, was sie den Bauern vorwerfen… 

Nehmen wir doch die Putenhaltung. Das ist und bleibt eine Qualzucht: Wer Putenfleisch aus konventioneller Haltung isst, der isst Fleisch von verkrüppelten Tieren: Die Puten, vor allem die männlichen, können am Ende der Mast nicht mehr stehen. Das kann doch keiner mehr verteidigen und sagen, den Tieren ginge es gut. Ähnlich verhält es sich bei Masthähnchen. Ein natürlicher Bewegungsablauf ist kaum noch möglich. Tiere in der Hochleistungszucht sind schlichtweg kaputt gezüchtet.

 Wer ist denn dann aus Ihrer Sicht jetzt der Böse? Der Bauer? 

Ich distanziere mich von dem Vorwurf, der Landwirt sei Tierquäler. Es handelt sich um einen gesellschaftlich anerkannten Beruf. Der Landwirt ist genauso Opfer des Billigpreissystems wie das Tier. Es ist kaum möglich andere Rassen zu erhalten, als diejenigen, die kaputtgezüchtet worden sind. Zugleich bleibt kaum finanzieller Spielraum für Investitionen in den Tierschutz. Der Handel mit seinem Billigpreissystem drückt immer weiter. Wer dauerhaft die Preise senkt, der senkt das Tierschutzniveau, weil er den Landwirten die Möglichkeit nimmt, in den Tierschutz zu investieren. Da kann man den Bauern nicht einmal etwas vorwerfen. Hier spielt der Handel ganz klar die Rolle des Bösen. Er nimmt Tierleid in Kauf.

 Aber der Verbraucher greift bei Schnäppchen weiter zu… 

Richtig. Jeder hat seinen Anteil am jetzigen System, auch der Kunde. Folglich muss jeder Beteiligte, vom Stall, über die Theke bis zum Einkaufskorb, seinen Beitrag zu leisten, dass sich etwas ändert.

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Der hohe Andrang zeigt: Ist das Geld vorhanden, dann wird in den Tierschutz investiert. Das ist ein positives Signal. Die Branche hat erkannt: Wir haben ein Problem und brauchen eine Lösung. Aber die Methodik kritisieren wir scharf: Es wird kein nachhaltiger Tierschutz garantiert und zudem wird der Verbraucher verdummt, weil er mangels Kennzeichnung nicht erfährt, wo, und unter welchen Bedingungen, sein Schnitzel produziert worden ist. Und dann gibt es auch zu wenig Geld für nötige Maßnahmen. (Weiterlesen: Bauern: Fleisch wird vier Cent pro Kilo teurer) 

 So ganz überraschend ist die Kritik aber nicht, wenn Sie selbst ein Siegel auf dem Markt… 

Stopp, da muss ich widersprechen! Bei der Initiative Tierwohl ist nicht nachvollziehbar, dass drin ist, was suggeriert und beworben wird. Es ist kein transparentes Siegel, sondern ein Werbeumfeld, zudem eher täuschend. Unser Tierschutzlabel hingegen bietet dem Verbraucher eine echte Kaufalternative: die Möglichkeit, sich bewusst für etwas zu entscheiden, was auch in der Packung ist. Vor gut drei Jahren sind wir damit gestartet. (Weiterlesen: Neues Tierschutz-Label in deutschen Fleischtheken) 

 Und wie lautet die Bilanz? 

Ich gebe zu: Wir haben uns größere und schnellere Fortschritte erhofft. Etwa 50 Betriebe mit Masthühnern haben sich uns angeschlossen, bis zum Ende des Jahres werden wir mit den Mastschweinen bei knapp 20 Betrieben liegen. Wir sind aber nicht zuletzt zum Beispiel von der Initiative Tierwohl ausgebremst worden, weil viele Landwirte zunächst schauen wollten, wo sich eine Teilnahme mehr auszahlt.

 Tragen Sie mit Ihrem Label nicht auch zur zusätzlichen Verwirrung der Verbraucher bei? Auf fast jeder Verpackung prangt irgendetwas, aber was dahinter steckt, weiß kaum jemand.  

Die Verbraucherverwirrung hat die Bundesregierung zu verantworten, die bei der staatlichen Kennzeichnung versagt. Dabei zeigt die breite Debatte über Zustände in Ställen doch, dass der Verbraucher eine Orientierung möchte. Seit Jahren kommt die Bundesregierung ihrer Verantwortung für eine transparente Kennzeichnung nicht nach, gesetzliche Standards sind noch immer ungenügend. Stattdessen wird Werbelügen von grünen Wiesen und glücklichen Schweinen Raum gelassen. Unser Angebot: Aus unserem Tierschutzlabel wollen wir ein staatliches Siegel machen. Solange es keine ausreichenden gesetzlichen Standards gibt, müssen wir den Tieren auf anderer Ebene helfen.

 Profitiert ihr Verband finanziell, wenn jemand ihr Label nutzt? 

Nein, derzeit ist das ein Minusgeschäft für uns. Richtig ist aber: Wir vergeben Lizenzen, die Geld kosten. Davon finanzieren wir die Experten, die Bearbeitung, die Kontrollen, die mit dem Label zusammenhängen.

 Neben dem Tierschutzbund prangern auch andere Organisationen wie etwa Peta Missstände in der Tierhaltung an. Etwa, indem sie in Ställe eindringen und Videoaufnahmen machen. Warum macht das der Tierschutzbund nicht? 

Unsere Maxime lautet: Wir arbeiten mit legalen Mitteln. Dabei bleibt es. Ich bin der Meinung: in partnerschaftlichen Lösungen denken, in diesem Fall mit der Landwirtschaft, bringt schneller voran als eine Konfrontation. Es reicht doch schon aus, ein ganz normales Foto aus einem Stall mit intensiver Tierhaltung zu veröffentlichen, um für Aufregung zu sorgen. (Weiterlesen: Tierrechtler zeigen Landwirte aus dem Emsland an) 

 Warum reden Sie von Intensivtierhaltung und nicht von Massentierhaltung? 

Weil man an der reinen Masse heutzutage den Tierschutz nicht mehr messen kann. Es wäre fatal zu sagen: bis 499 Kühe ist alles prima, darüber wird es schlecht. Jedes einzelne Tier muss in den Blick genommen werden. Fest steht aber auch: 100.000 Hühnern im Stall kann das nicht mehr der Fall sein. Hier kann niemand seriös die Frage beantworten: Wie gut geht es dem einzelnen Tier? Dessen Wohlbefinden aber muss Maßstab sein.

 In Nordrhein-Westfalen gilt das Verbandsklagerecht, bei dem der Tierschutzbund Belange der Tiere vertreten darf. In Niedersachsen soll das entsprechende Gesetz in wenigen Wochen vom Kabinett abgesegnet werden. Wird der Tierschutzbund die Landwirtschaft mit Klagen gegen Neubauten lahmlegen? 

Nein, es kommt sehr viel Gutes auf die Landwirte zu. Zu einem frühen Zeitpunkt können Konflikte beigelegt werden, bevor der Bau beginnt. Das ist sowohl im Sinne des Landwirts aber auch des Tierschutzes. (Weiterlesen: Kommunen warnen vor Verbandsklagerecht für Tierschützer) 

 Ja, Moment, Sie haben eben noch im Fall eines Putenstalls aus dem Kreis Warendorf angedroht, das Vorhaben notfalls vor Gericht zu stoppen… 

Das hängt jetzt davon ab, ob unsere Einwendungen im Genehmigungsverfahren für den Stall Gehör finden. Ist das nicht der Fall, dann muss dann eben ein Gericht entscheiden. Wir sind bereit, dass bis zum letzen Schritt auszufechten. (Weiterlesen: „Qualzucht“-Vorwurf: Tierschutzbund torpediert Putenhaltung) 

 Vorhin haben Sie die Putenhaltung noch als Qualzucht definiert. Dementsprechend müssen Sie das Ganze doch bis vors Bundesverwaltungsgericht treiben und damit möglicherweise das Ende der Putenzucht in Deutschland besiegeln… 

Warten wir die Verfahren ab. Wir müssen wohl zudem akzeptieren, dass es Bestandsschutz für Ställe gibt, es geht also eher um zukünftige Bauten. Drohszenarien bringen uns aber nicht weiter. Aber ich bleibe dabei: Die heutige Putenhaltung in der konventionellen Form ist nicht mit dem Tierschutz vereinbar. Nicht wir sorgen hier für Rechtsunsicherheit, indem wir vom Verbandsklagerecht Gebrauch machen, sondern der Gesetzgeber. Der hat es versäumt, rechtliche Vorgabe für das Halten von Puten zu erlassen. Die Pute ist Symbol einer völlig überdrehten Tierhaltung. Wir als Deutscher Tierschutzbund müssen die Systemfrage stellen. Ich frage aber auch die Bauern und die Verbraucher: Darf erlaubt sein, was nicht verboten ist?

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