Ukraine-Krise: Rubel erholt sich Deutsch-russische Beziehungen bislang wenig belastet

Von Jean-Charles Fays | 07.07.2014, 22:38 Uhr

Der Einfluss der Ukraine-Krise auf die deutsch-russischen Beziehungen ist geringer als erwartet. Zwar gab es von Januar bis April 4,3 Prozent weniger Investitionen als im Vorjahr, dafür hat sich der Rubel seit April wieder erholt. Während es noch im April eine Entwertung bis auf 51 Rubel pro Euro gab, hat er sich auf aktuell 46 Rubel pro Euro erholt. Nicht nur Großunternehmen wie Siemens investieren in Hochgeschwindigkeitszüge für Russland, auch mittelständische Betriebe aus der Region Osnabrück bauen Produktionsstätten in Russland auf, wie sich auf einer IHK-Delegationsreise in der vergangenen Woche herausstellte.

Russische Unternehmen suchen ungeachtet der Ukraine-Krise deutsche Geschäftspartner . Das veranlasste auch den Präsidenten der IHK-Kammer Emsland, Grafschaft Bentheim und Osnabrück, Martin Schlichter zu folgendem Resümee: „Ich bin mit dem Ergebnis der Reise sehr zufrieden. Wir haben Land und Leute kennengelernt und haben es vielen Unternehmern ermöglicht, intensive Gespräche mit potenziellen Kooperationspartnern in Russland zu führen.“ IHK-Hauptgeschäftsführer Marco Graf wies darauf hin, dass nicht nur die Osnabrücker Sievert AG mit ihrer Trockenmörtel-Sparte quick-mix ein zweites Werk in Russland aufbauen will. Auch bei der Delegationsreise mit Osnabrücker Politikern und Unternehmern aus der Region hätten sich konkrete Geschäfte angebahnt: „Die Kontakte, die wir geknüpft haben, reichten vom ersten Kennenlernen bis zu ganz konkreten Ansiedlungsverhandlungen auch auf der politischen Ebene, die wir begleiten durften und zu Hause nachbereiten werden. Jetzt muss es zum Beispiel bei René Riesner von Berner Ladenbau konkrete weitere Verhandlungen geben, um auf den Gesprächen aufzubauen.“ Riesner erstellt Ladenkonzepte für Warenhäuser der deutschen Einzelhandelskette Globus in Russland . Mit Exportschlager Globus, das seit 2006 jährlich fast einen neuen Markt in Russland aufbaut und bis 2017 18 Märkte in Russland aufbauen will, wächst auch das Engagement von Berner Ladenbau in Russland. Riesner hat daher mit der IHK und der Regionalregierung von Kaluga, einer Region bei Moskau, über den Aufbau einer Produktionshalle gesprochen. „Diese Möglichkeiten sind sehr interessant, weil die aktuellen Einfuhrzölle von 40 Prozent die Geschäfte natürlich sehr erschweren. Es ist die Frage, wie lange die Kunden bereit sind, diese Aufpreise noch zu bezahlen“, erklärt Riesner den Hintergrund der geplanten Investition. Die deutschen Unternehmen seien ungeachtet der ersten EU-Sanktionen wegen der Ukraine-Krise „hochwillkommen“ und bereit, alle bürokratischen Hürden zu überwinden. Riesner appellierte an die Politik angesichts weiterer Sanktionen gegen Russland, über die am Montag bei einem Sondertreffen der EU-Botschafter in Brüssel wegen der Ukraine-Krise entschieden werden soll: „Die wirtschaftlichen Kontakte, die langfristig aufgebaut wurden, dürfen nicht leichtfertig zerschlagen werden.“ Er erwarte von der Politik daher eine deeskalierende Wirkung. Sein Optimismus ist jedoch ungebrochen: „Ich sehe mit Sorge die politische Entwicklung, aber wir lassen uns davon nicht beeinflussen. Gerade jetzt muss man die guten Kontakte pflegen.“

Kreise, die das politische Geschäft in Moskau sehr gut kennen, schätzen Russland nach der Annektierung der Krim als gespalten ein. Russland steht nicht so einheitlich hinter Präsident Wladimir Putin wie allgemein im Westen angenommen. Zwar gibt es Strömungen, die Putin unterstützen, es gibt auch einen kritischen Teil der Bevölkerung, der das als nicht akzeptabel ansieht. Die Gesellschaft ist schon selbstsicherer geworden und hat sich weiterentwickelt. Das ist auch den Geschäftskontakten zu Deutschland zu verdanken.

Aber auch Putin selbst scheint sich dem Westen zu öffnen. Er gratulierte den USA zum Unabhängigkeitstag und äußerte den Wunsch nach besseren amerikanisch-russischen Beziehungen. Außerdem unterstützt er die deutsch-russischen Geschäfte. Auch aus Botschafterkreisen gibt es gegen die intensive Städtepartnerschaft, die sich auch in dem Besuch der Osnabrücker Delegation Ende Juni in Twer äußerte, keine politischen Bedenken, sondern wird ausdrücklich begrüßt.

Der zur Fußball-WM 2018 geplante Bau von Autobahnen wird Investitionen zunehmend erleichtern. Eine Autobahn soll beispielsweise Moskau mit der 170 Kilometer nordwestlich gelegenen Stadt Twer und Twer mit der 3500 Kilometer östlich gelegenen Stadt Nowosibirsk verbinden. Das macht zum Beispiel dem Hamburger Versandhandelsunternehmen Otto Hoffnung, das einen Standort in Twer hat. „Der russische Kunde ist gewohnt zu warten“, drückt es ein Vertreter von Otto in Twer aus. „Pakete sind in die entlegenen Winkel von Russland wie Sibirien schon mal einen Monat unterwegs.“ Deutsche würden es seinen Angaben zufolge in Sibirien wahrscheinlich so empfinden, als gäbe es dort gar keine Straßen. Nach Petersburg oder Moskau biete Otto hingegen jetzt schon einen 24-Stunden-Lieferservice.

Wirtschaftsnahe Kreise vermuten aber, dass solche Transportwege auch mit dem Zoll zusammenhängen. Die Probleme mit kleineren Paketen werden demnach in der Staatsduma viel diskutiert. In der Branche ist es bekannt, dass DHL, UPS und andere Logistikfirmen Probleme mit dem Zoll haben, weshalb an einer Gesetzesänderung gearbeitet wird. Viele Lieferanten sind nicht bereit, schon bei kleinen Paketen umfangreiche Beschreibungen dazuzulegen, um welche Waren es sich handelt und aus welchem Stoff sie sind.

Twers Oberbürgermeister Alexander Korsin zeigte sich begeistert vom Besuch der politischen und wirtschaftlichen Delegation in seiner Stadt: „Ich bin sehr stolz darauf, dass die deutschen Unternehmen hier so viel investieren. Zum Beispiel das Unternehmen Otto beschert uns viele Steuereinnahmen und ich hoffe, dass sich diese Einnahmen noch weiter mehren werden.“ Dass nach der Rückkehr der Osnabrücker Delegation die Waffenruhe in der Ukraine ausgesetzt wurde, bewertete der Osnabrücker Oberbürgermeister Wolfgang Griesert „als Begleitmusik diplomatischer Lösungsfindung“. Das sei aber nicht nur riskant, sondern könne auch leicht außer Kontrolle geraten, wenn das Blutvergießen anhalte oder sogar eskaliere. Vielleicht gehe es aber auch nur um die Wiederherstellung staatlicher Souveränität und Schutz der Grenzen, um das eigene Land und seine Bevölkerung vor Angriffen zu schützen. Insgesamt resümierte Griesert die Reise: „Die Städtepartnerschaft hat Unvergleichliches geleistet, denn Frieden ohne Vertrauen ist nicht möglich. Menschen, die einander vertrauen, sind nur schwer zu motivieren, die Waffen aufeinander zu richten. Die Städtepartnerschaften sind eine besondere Verpflichtung für uns als Friedensstadt.“ Auch die Leiterin der Repräsentanz des Landes Niedersachsen in Moskau, Anna Urumyan, beeindruckte der Besuch der Delegation aus der Region Osnabrück in Russland: „Das ist nicht selbstverständlich in solchen Zeiten. Es ist aber wichtig.“

Hier geht`s zum Russland-Blog über die Delegationsreise.