Übergriffe in Silvesternacht Was wir über die Vorfälle in Köln wissen

05.01.2016, 11:38 Uhr

Noch werfen die Übergriffe in der Silvesternacht am Hauptbahnhof in Köln viele Fragen auf. Wie viele Frauen waren betroffen, wie viele Täter gab es? Eine Übersicht darüber, was wir wissen – und was nicht.

 Was wissen wir über die Vorfälle? 

In der Silvesternacht waren auf dem Bahnhofsvorplatz in Köln viele Frauen belästigt und bestohlen worden. Auch von einer Vergewaltigung ist die Rede. Frauen sollen von Männern umzingelt, bedrängt und ausgeraubt worden sein. Der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers sprach am Montag von Sexualdelikten in sehr massiver Form und einer Vergewaltigung. Inzwischen liegen der Polizei 100 Anzeigen vor. Seit Montag seien noch einmal 30 neue Anzeigen hinzugekommen, sagte ein Sprecher der Kölner Polizei am Dienstag. Die Behörden gehen davon aus, dass weitere Übergriffe stattgefunden haben, aber noch nicht angezeigt worden sind.

 Was ist über die Täter bekannt? 

Auf dem Vorplatz des Kölner Hauptbahnhofes versammelten sich am Silvesterabend offenbar etwa 1000 Männer, die „dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum“ stammen, so die Polizei. Dies hätten alle Zeugen übereinstimmend ausgesagt. Aus der Menge bildeten sich demnach Gruppen von mehreren Männern, die meisten von ihnen im Alter zwischen 15 und 35 Jahren, die dann Frauen belästigten. Noch ist nicht bekannt, ob unter den Tätern auch Flüchtlinge waren. Der NRW-Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Arnold Plickert, warnte davor, wegen der Taten alle Flüchtlinge als potenzielle Straftäter zu diffamieren. „Wenn es Flüchtlinge gibt, die ein Problem damit haben, die Freiheitsrechte anderer Menschen zu respektieren, müssen wir mit aller Härte des Gesetzes gegen sie vorgehen.“ Es dürfe aber nicht übersehen werden, „dass der Großteil der Menschen zu uns gekommen ist, weil sie in ihren Herkunftsländern ihres Lebens nicht mehr sicher sind“.

 Wie war die Polizei aufgestellt? 

Die Bundespolizei, die für den Bahnhof zuständig ist, war nach Angaben von Wolfgang Wurm, Präsident der Bundespolizeidirektion Sankt Augustin, mit 70 Kräften vor Ort. Die Kölner Polizei hatte im Bereich Hauptbahnhof und Dom rund 140 Beamte im Einsatz. Einige davon wurden aus anderen Teilen der Innenstadt zum Bahnhof geschickt, als dort die Lage eskalierte. „Für den Einsatz, den wir voraussehen konnten, waren wir sehr gut aufgestellt“, sagt Wurm. Wie sich der Einsatz dann tatsächlich entwickelt habe, sei eine „völlig neue Erfahrung“ und „für uns nicht absehbar“ gewesen: „Dafür hätten wir sicherlich ein wenig mehr Kräfte benötigt.“

 Wie konnte es trotz Polizeipräsenz zu so vielen Straftaten kommen? 

Von den sexuellen Übergriffen und Diebstählen erfuhr die Polizei Wurm zufolge größtenteils im Laufe der Silvesternacht durch die wachsende Zahl von Anzeigen. Die Taten selbst hätten die anwesenden Polizeibeamten nicht beobachtet, weil diese sich in einer riesigen und unübersichtlichen Menschenmenge abgespielt hätten. Festnahmen habe es keine gegeben, weil Zeugen und Opfer die Täter im Getümmel nicht wiedererkannt hätten. Dennoch bleibt die Frage offen, wieso erst nach wenigen Tagen durchsickert, welches Ausmaß die Vorfälle angenommen haben.

 Waren die Übergriffe organisiert? 

Das ist noch nicht geklärt. GdP-Landeschef Plickert sagte: „Das ist im Prinzip ein organisiertes Vorgehen, was wir da festgestellt haben.“ Es müsse ermittelt werden, wie es eigentlich möglich gewesen sei, „dass diese Tausend nach Köln gekommen sind und sich da getroffen haben“. Nach Einschätzung der Vorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, handelt es sich jedoch nicht um organisierte Kriminalität, aber schon um „eine Absprache der Täter, die die Masse der Menschen nutzen, die Dunkelheit und den Überraschungseffekt, um nach vollzogener Tat wieder unerkannt zu entkommen“. Der Polizeigewerkschafter befürchtet deswegen, dass es sehr schwierig wird, die einzelnen Angreifer zu überführen. Ihm entgegnet Justizminister Heiko Maas (SPD) am Dienstag: „Das Ganze scheint abgesprochen gewesen zu sein. Es wäre schön, wenn das keine Organisierte Kriminalität wäre, aber ich würde das gerne mal überprüfen, ob es im Hintergrund Leute gibt, die so etwas organisieren.“

 Wie beurteilt die Polizei selbst ihren Einsatz? 

Der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers hat inzwischen Kritik an den Beamten am Hauptbahnhof geübt. Albers hat die erste Einschätzung der Beamten zum Einsatz in der Silvesternacht als falsch kritisiert. Offenbar wurde den Behörden das Ausmaß der Vorfälle erst allmählich am 2. Januar klar, wie Polizei-Pressemitteilungen zeigen. In einer Mitteilung vom Neujahrstag hatte das Polizeipräsidium Köln die Einsatzlage als entspannt beschrieben. Dafür erntete die Polizei heftige Kritik. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) bemängelte in den ARD-“Tagesthemen“ den Einsatz der Kölner Beamten: „Da wird der Platz geräumt – und später finden diese Ereignisse statt, und man wartet auf Anzeigen. So kann die Polizei nicht arbeiten.“

 Welche offiziellen Reaktionen gibt es? 

Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) reagierte scharf auf die Ereignisse. „Wir nehmen es nicht hin, dass sich nordafrikanische Männergruppen organisieren, um wehrlose Frauen mit dreisten sexuellen Attacken zu erniedrigen“, zitierten der Kölner „Express“ und der „Kölner Stadt-Anzeiger“ den Minister. „Deshalb ist es notwendig, dass die Kölner Polizei konsequent ermittelt und zur Abschreckung Präsenz zeigt.“

Frauen seien „kein Freiwild“, erklärte auch Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD). Die Vorfälle in Köln seien „widerwärtig und abscheulich“. Die Täter müssten schnell ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden“ - „egal welcher Herkunft und Religion sie sind“, forderte Schwesig. Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) betonte: „Die feigen und abscheulichen Übergriffe werden wir nicht hinnehmen.“ Das sei offenbar „eine völlig neue Dimension organisierter Kriminalität.“ Der CDU-Politiker Jens Spahn forderte via Twitter einen gesellschaftlichen „Aufschrei“.

Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker kündigte an, entschlossen gegenzusteuern. „Die Oberbürgermeisterin kann und wird nicht akzeptieren, dass sich hier ein rechtsfreier Raum bildet“, sagte Stadtsprecher Gregor Timmer. Schon Anfang Februar werden zu Weiberfastnacht und Rosenmontag Hunderttausende Besucher in Köln erwartet. Die Stadtspitze werde nicht zulassen, dass Menschen, die in die Domstadt kommen, Opfer von Übergriffen würden.

Der Deutsche Städte-und Gemeindebund forderte gerade mit Blick auf Karneval eine verstärkte Polizeipräsenz. „Wir dürfen nach den gezielten Misshandlungen in der Silvesternacht nicht zur Tagesordnung übergehen. Vor der Karnevalssaison muss es angemessene Konzepte geben“, sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg unserer Redaktion. 

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hat die Übergriffe verurteilt. Zugleich warnte der Ressortchef davor, Flüchtlinge unter Generalverdacht zu stellen. Die Vorfälle in Köln seien erschreckend und nicht zu tolerieren, sagte de Maizière am Dienstag in Berlin. Die sexuellen Übergriffe gegen Frauen seien abscheulich und nicht hinnehmbar. Die Täter müssten nun konsequent ermittelt werden. „Der Rechtsstaat darf nicht zulassen, dass Menschen, die in unseren Städten friedlich feiern, derartigen Übergriffen ausgesetzt sind“, mahnte der Minister. „Dass ein so große Zahl von Personen, offensichtlich mit Migrationshintergrund, diese Übergriffe verübt haben sollen, stellt eine neue Dimension dar“, sagte er. „Dies darf aber nicht dazu führen, dass nunmehr Flüchtlinge gleich welcher Herkunft, die bei uns Schutz vor Verfolgung suchen, unter einen Generalverdacht gestellt werden.“

 Ist andernorts Ähnliches geschehen? 

Auch in Hamburg und Stuttgart ermittelt die Polizei wegen Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht. In Hamburg gab es bis Dienstag 50 Anzeigen. Die Hamburger Opfer seien jeweils von mehreren Männern an der Reeperbahn umringt und an der Brust oder im Intimbereich angefasst worden, hieß es. Die Angaben zu den Gruppengrößen schwankten zwischen 5 oder 6 bis 20. Die Täter hätten den Frauen Handys, Papiere und Geld weggenommen. Es gehe um neun Fälle von sexueller Beleidigung, Raub und räuberischem Diebstahl. In Berlin habe es in der Silvesternacht keine massiven Übergriffe auf Frauen wie in Köln gegeben, teilte die dortige Polizei mit.