Tränen zum Gabriel-Abschied Die neue Zeit, das ist Martin Schulz

Von Beate Tenfelde | 19.03.2017, 18:48 Uhr

Martin Schulz kann es nicht fassen, er schüttelt ungläubig den Kopf. Keine einzige Gegenstimme auf dem SPD-Bundesparteitag in Berlin, alle 605 Delegierten wollen ihn als neuen Parteichef! Damit hat Schulz selbst Kurt Schumacher, den legendären ersten Vorsitzenden der SPD, überflügelt. Der erhielt 1948 „nur“ 99,71 Prozent der Stimmen und war bisher Rekordhalter.

Schulz spricht von einem „überwältigenden Moment, für sich und für alle“. Aber er ist schnell wieder sprechfähig. „Das ist der Auftakt zur Eroberung des Kanzleramtes“, ruft er kämpferisch. Das Parteivolk reißt es von den Stühlen. „Setzt euch!“, stoppt der neue Chef die Ovationen. Denn er will noch eine Botschaft unterbringen: „Ich bemühe mich, euerm Vertrauen gerecht zu werden. Ab morgen beginnt der Kampf.“

Inhaltlich bleibt Schulz erneut sehr vage. Gerechter solle es zugehen in diesem Land, von „Respekt vor jedem einzelnen Menschen“ ist wieder die Rede. Die SPD werde gleichen Lohn für gleiche Arbeit durchsetzen. Konkrete Aussagen zu seinem Regierungsprogramm verspricht Schulz für den Parteitag Mitte Juni in Dortmund. Er verspricht einen fairen Wahlkampf, eine Herabwürdigung des politischen Gegners werde es mit ihm nicht geben.

Klare Worte findet Schulz aber in Richtung AfD: „Die Rechtspopulisten sind keine Alternative für Deutschland – sie sind eine Schande für Deutschland“, ruft Schulz. Den „Feinden der Freiheit“ und der Demokratie sagt er den Kampf an. Tosender Applaus im Saal, viele junge Menschen sind gekommen. Ein ungewohnter Anblick. Die Generationen der Grauhaarigen dominieren üblicherweise das Bild.

Jetzt ist Kanzler

„Jetzt ist Schulz“, prangt wieder auf den Plakaten, die die Jugend emporreckt. Einigen dauert es offenkundig zu lang, bis zur Bundestagswahl am 24. September. „Jetzt ist Kanzler“, ist zu lesen. Die Sozialdemokratie ist so selbstbewusst wie lange nicht mehr. Seit Schulz‘ Nominierung Ende Januar haben sich die Umfragewerte der Partei deutlich verbessert. Die Sozialdemokraten liegen auf Augenhöhe mit der Union oberhalb von 30 Prozent.

Das war zu Zeiten des bisherigen Vorsitzenden Sigmar Gabriel nur ein schöner Traum. Warme Worte findet Schulz für seinen Vorgänger. Den eigenen Ehrgeiz zurückzustellen sei „eine große politische, vor allen Dingen eine große menschliche Leistung, die zeigt, was für ein besonderer Charakter du bist“, sagte er an Gabriel gerichtet. Der muss sich bemühen, die Fassung zu wahren. Als Schulz den Niedersachsen erneut „meinen engen Freund“ nennt, glitzert es in Gabriels Augen. Auch die Genossinnen Manuela Schwesig, Malu Dreyer und Katarina Barley müssen blinzeln.

Spott vom Unions-Nachwuchs

Der Außenminister, der mit kluger Amtsführung seine Kritiker wiederlegt, ruft zum Abschied die Sozialdemokraten zu einem neuen Aufbruch auf: „Lasst uns jetzt gemeinsam dafür kämpfen, damit unsere Wahlergebnisse noch besser werden als jetzt die Umfragewerte.“ Sehr ernst ist Gabriels Miene an diesem Tag, der ihn zu einem Mann der Vergangenheit macht. „Wenn wir schreiten Seit an Seit , wissen wir, es muss gelingen. Denn mit uns zieht die neue Zeit“, singen die Genossen am Ende des Parteitags. Die neue Zeit, das ist Schulz.

Viel muss der 61-Jährige im Moment nicht tun, um bejubelt zu werden. Einfach nur reden, einfach nur fühlen. So war es gestern auch in der „Arena“ an der Spree, einer alten Industriehalle, von der SPD in eine hippe Multimedia-Bühne verwandelt. Draußen auf den Wellen schippert der Union-Nachwuchs auf einem Kahn herum, verspottet den „Gottkanzler“: Der solle mal rüberkommen, er könne doch übers Wasser laufen.

Ins Schwimmen gerät Schulz während seiner rund 75 Minuten langen Rede nur ein einziges Mal. Gerade als er darüber redet, dass Familien mit der SPD ihre Kinder gebührenfrei von der Kita bis zur Uni bringen können, wird es laut hinter ihm. Schulz dreht sich irritiert um. Dort steht ein junger Mann mit einem zwei Monate alten Baby auf dem Arm. Der kleine Jasper im karierten Hemd drückt sich mit großen Augen an die Brust des Papas.

Schulz schaltet blitzschnell. „Um Gottes willen. Mann, ich hatte schon gedacht, ich hab was Falsches gesagt“, sagt der 61-Jährige: „Junge oder Mädchen?“ „Junge“, ruft Kindsvater Sören. „Is egal, wird aufgenommen“, antwortet Schulz. Wenn er schwimmt, dann auf der Erfolgswelle. Zurzeit jedenfalls.