Toter Arbeiter aus Rumänien Aus Papenburg kam er im Sarg zurück

24.07.2013, 13:36 Uhr

Der Schweißer Florin Grigore fuhr nach Papenburg, um der Arbeitslosigkeit in Ostrumänien zu entkommen. Zwei Monate später trägt seine Familie ihn in seinem Heimatdorf Lacu Sarat zu Grabe. Die Angehörigen fordern Aufklärung darüber, wie der 32-Jährige bei dem Feuer in der Papenburger Arbeiterunterkunft ums Leben kam. Seine rumänischen Kollegen berichten von Schwarzarbeit.

Von Silviu Mihai (Text)

und George Popescu (Fotos)

Am 9. Juli rief Gelu Grigore in Papenburg an und gratulierte seinem jüngeren Bruder Florin zum 32. Geburtstag. „Vor allem viel Geld habe ich ihm gewünscht. Und viel Erfolg im neuen Job.“ Vier Tage später klingelte bei Gelu in Lacu Sarat das Telefon. Florin Grigore war tot. Die Unterkunft, in der er zusammen mit weiteren rumänischen Arbeitern in Papenburg geschlafen hatte, war ausgebrannt, der junge Mann und ein 45 Jahre alter Kollege konnten sich nicht mehr retten.

Erst Ende Mai hatte Florin seinen Heimatort verlassen, um als Schweißer auf der Meyer Werft zu arbeiten. Jetzt liegt sein Körper auf dem Tisch, mitten im Flur, in einem versiegelten Sarg mit einer knappen deutschen Aufschrift. Seine Eltern und sein Bruder hätten es sich gewünscht, nach rumänischer Tradition die Leiche zu sehen, um Abschied zu nehmen. Doch das geht nicht: Der Körper ist bis zur Unkenntlichkeit verbrannt.

Anwältin soll helfen

Angela und Simion Grigore, Florins Eltern, sind bestürzt über das Geschehene. „Wir können nicht fassen, wie so etwas unserem Sohn passieren könnte – ausgerechnet in Deutschland“, sagt der Rentner. In seinem Blick mischen sich Wut und Enttäuschung. „Jetzt ist noch die Zeit der Trauer. Nach der Beerdigung werden wir uns aber um die offenen Fragen kümmern müssen. Eine Rechtsanwältin wird uns dabei helfen.“

Eine drückende Hitze herrscht über dem ostrumänischen Dorf, der Asphalt schmilzt unter den Schuhen. Die Silhouetten der Pappeln, die sich auf beiden Seiten der Landesstraße reihen, sehen verzerrt aus in der heißen Luft. Hinter den Gärten streckt sich die Walachische Tiefebene mit ihren Disteln in grüngelben Weizenfeldern. Ein weißer Kirchturm ragt über den Häusern auf, der Dorfpriester wird bald kommen und Florin Grigore beisetzen.

Die Kreishauptstadt Braila und die Donau liegen nur zehn Kilometer von Lacu Sarat entfernt. Der Salzsee, der dem Ort seinen Namen gibt, zog vor der Wende noch zahlreiche Touristen aus ganz Rumänien an. „Als Kinder gingen Florin und ich fast jeden Tag schwimmen“, erinnert sich der Bruder Gelu. „Da musste man keine Angst haben, der hohe Salzgehalt lässt einen nicht untergehen.“

Seit den 1990er-Jahren hatten die Kommunen kein Geld mehr, um die Infrastruktur zu unterhalten oder gar zu modernisieren. Die Strände wurden vernachlässigt, die alten Ferienanlagen verfielen. „Nur noch wenige, ältere Besucher aus Braila kommen zu uns für einen Kuraufenthalt“, erzählt Bürgermeister Ion Craciun. Die Kreishauptstadt war früher ein wichtiger Standort der Schwerindustrie mit einem großen Metallverarbeitungswerk, eigener Werft und Handelshafen. Als die staatlichen Unternehmen nach der Wende schlossen, wurden die Bewohner von Braila und den benachbarten Dörfern arbeitslos. Die Werft wurde privatisiert, Arbeitsplätze gibt es dort nur noch für einen Bruchteil der ehemaligen Beschäftigten.

„Die meisten sehen hier keine Perspektive mehr, und das ist seit Jahren so“, bekräftigt Gelu Grigore. Er selber hat eine Baufirma gegründet, die in den Jahren um Rumäniens EU-Beitritt lukrativ war. Dort hat sein Bruder Florin seine Schweißerlehre gemacht, dort hat er später gearbeitet.

Im Griff der Krise

Doch als 2009 die Immobilienblase platzte, brach der Umsatz des Familienunternehmens dramatisch ein. Die darauf folgende Wirtschaftskrise hält Rumänien bis heute fest im Griff. „Wir versuchen, uns über Wasser zu halten, aber viele gehen. Mein Bruder war ja kein Einzelfall“, sagt Gelu Grigore.

In den vergangenen zehn Jahren zogen über 50000 Einwohner weg aus dem Landkreis Braila – rund 15 Prozent der Bevölkerung. Bukarest, das nur 200 Kilometer entfernt liegt, bot einigen bessere Chancen auf eine Stelle. Andere gingen nach Westeuropa, um dort ihr Glück zu suchen. Heute noch leben viele Menschen aus der Gegend vor allem in Italien und Spanien, die kulturelle und sprachliche Ähnlichkeit erleichtert die Integration deutlich. „Das Problem ist, dass es jetzt auch dort keine Arbeit mehr gibt“, stellt Bürgermeister Craciun fest. So kommt es, dass immer öfter Deutschland als Ziel in Betracht gezogen wird.

Vier weitere Männer aus Lacu Sarat arbeiten aktuell noch auf der Werft in Papenburg. Keiner von ihnen dachte, dass er sich mit dieser Beschäftigung eine goldene Nase verdienen wird. „Doch die Stelle schien viel besser zu sein als eine ähnliche in Rumänien, die es sowieso kaum gibt“, sagt einer der vier, der nicht namentlich genannt werden möchte. „Von acht Euro die Stunde bar auf die Hand kann man in Braila und auch in Bukarest nur träumen“, bekräftigt auch Gelu Grigore.

Diesen durchschnittlichen Stundenlohn versprach die Bordo Mavi SRL, die rumänische Firma, die Florin Grigore und seine Kollegen offiziell anstellte und nach Papenburg schickte.

„Keiner hier, der über die entsprechende Ausbildung verfügt, würde so ein Angebot ablehnen“, sagen sie in Lacu Sarat. Im Durchschnitt verdienen Arbeitnehmer in Rumänien knapp über 2,20 Euro die Stunde.

So war auch Florin Grigore schnell überzeugt. Am 24. Mai unterschrieb er einen dreiseitigen Arbeitsvertrag, in dem etwa steht, dass er Anweisungen der Arbeitgeber verantwortungsbewusst umsetzen müsse, dass das Klima in Deutschland kontinental und gemäßigt sei. Und, etwas weiter unten: „Im Todesfall wird der Arbeitnehmer repatriiert.“

Am 28. Mai saß der neue Mitarbeiter im Flugzeug und ging gleich auf die Werft. Untergebracht wurde er in einem alten Papenburger Einfamilienhaus, das Bordo Mavi von der Emder Personalleasingfirma Sahinler GmbH gemietet hat. Beide Gesellschaften agieren als Subunternehmen für die Meyer Werft. Als nach dem tödlichen Brand eine Diskussion um fragwürdige Wohn- und Arbeitsbedingungen ausbrach, wies das Emder Unternehmen alle Vorwürfe zurück.

Monatslohn: 174 Euro

Ein Blick in Florin Grigores Arbeitsvertrag zeigt: Offiziell bekam der ausgebildete Schweißer einen Bruttolohn von umgerechnet 174 Euro im Monat. Dies entspricht genau dem gesetzlichen Mindestlohn in Rumänien. Darüber hinaus sieht der Vertrag Tagessätze von 35 Euro vor, die kein Teil des Lohns sind. Was zunächst komisch klingt, ist bei rumänischen Arbeitgebern ein bewährter Trick. Auf diesem Weg lassen sich die Sozialversicherungsbeiträge auf ein Minimum reduzieren.

Doch allem Anschein nach bekamen die Werftarbeiter viel mehr Geld. Sie berichten von Stundenlöhnen zwischen sieben und neun Euro. Hätten sie die vertraglich vorgeschriebenen Achtstundenschichten auf der Werft geschoben, hätte sich der Monatslohn damit auf 1500 Euro summiert – viel mehr also, als der Arbeitsvertrag von Florin Grigore ausweist.

Wurde also ein Teil der Löhne an deutschen und rumänischen Steuerbehörden vorbei bezahlt? Mehrere rumänische Werftarbeiter berichten, dass Bordo Mavi die Löhne in bar auszahlt. Von Überweisungen der Gehälter auf Bankkonten weiß niemand etwas.

Vor dem Haus von Florin Grigore sammeln sich derweil Freunde der Familien, Bekannte und Nachbarn. Die älteren Frauen tragen Schwarz, bedecken ihren Kopf. Es werden ein paar Kleinigkeiten, Bier und Wein aus Plastikflaschen serviert, „für die Seele des Verstorbenen“, wie es hier heißt. Drinnen wirkt alles neu und aufgeräumt. Erst kurz vor seiner Abreise war der getrennt lebende junge Mann in das frisch renovierte Haus eingezogen, hatte noch ein Zimmer für den siebenjährigen Sohn eingerichtet, der regelmäßig zu Besuch kommen sollte. Jetzt wird in Lacu Sarat ein weiteres Haus leer stehen.

„Ich bekomme meinen Bruder nicht mehr zurück“, klagt Gelu Grigore. Aber es sei ihm wichtig, sagt er, dass aufgeklärt wird, ob illegale Machenschaften vorliegen. „Sowohl hier als auch in Deutschland.“