Ein Jahr Taliban-Herrschaft in Kabul terre des hommes: Zehn Millionen Kinder in Afghanistan von Hunger bedroht

Von Thomas Ludwig | 11.08.2022, 12:14 Uhr | Update am 11.08.2022

Ein Jahr nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan ist das Kinderhilfswerk „terre des hommes“ wieder in elf Provinzen des Landes aktiv - und versucht das Beste aus der komplizierten Lage zu machen.

Anlässlich des Jahrestages der Einnahme Kabuls durch die Taliban, appelliert das Kinderhilfswerk terre des hommes (tdh) an die deutsche Regierung, trotz andauernder Menschenrechtsverletzungen an der humanitären Hilfe und einer längerfristigen Entwicklungszusammenarbeit festzuhalten. „Die Bundesregierung darf die afghanische Zivilbevölkerung nicht vergessen und muss sich an ihre Zusagen halten“, sagte tdh-Vorstandssprecher Beat Wehrle unserer Redaktion.

„Es herrscht eine massive Hungersnot. Für die Kinder in Afghanistan geht es um ihr Überleben. Mehr als zehn Millionen Kinder sind auf humanitäre Hilfe angewiesen“, betonte Wehrle. Deutschland sollte seine Unterstützung demnach „verstärkt über internationale und lokale Nichtregierungsorganisationen, die über langjährige Expertise in Afghanistan verfügen, umsetzen“.

Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Taliban nötig

Ein Jahr nach der Machtübernahme der islamistischen Taliban am 15. August 2021 ist terre des hommes wieder in elf afghanischen Provinzen aktiv. Dabei geht es um die Bereitstellung von Nahrungsmitteln, medizinische Hilfe, psychosoziale Begleitung sowie um Bildungs- und Berufsbildungsprogramme. Die Arbeit unter den neuen Machthabern gestalte sich schwieriger als in der Vergangenheit, so Wehrle, sie sei aber nicht unmöglich: „Die Empfindlichkeiten der Taliban verlangen von den Helfern vor Ort viel Pragmatismus und Fingerspitzengefühl“.

Die von den Taliban-Herrschern verfügte strikte Trennung nach Geschlechtern macht die Arbeit deutlich komplizierter. Mädchen dürfen die Schule überdies nur noch bis zur sechsten Klasse besuchen.

Eingeschränkte Schulbildung für Mädchen

„Die Rechte von Frauen auf Bildung, Arbeit und Bewegungsfreiheit sind stark eingeschränkt und in vielen Fällen sogar ganz aufgehoben“, sagte tdh-Vorstand Wehrle und warnte: „Eine ganze Generation von Mädchen wird ihre Schulausbildung nicht abschließen können. Nach wie vor gehen Frauen und Mädchen auf die Straße, um dagegen zu protestieren. Sie alle riskieren willkürliche Verhaftungen.“

Menschenrecht auf humanitäre Hilfe

Umso wichtiger sei es, dass Deutschland Afghanistan nicht aus dem Blick verliere und dafür Sorge trage, dass bestehende Sanktionen gegen das Taliban-Regime den Transfer humanitärer Hilfsgelder und Mittel der Entwicklungszusammenarbeit nicht gefährden. „Das Menschenrecht auf humanitäre Hilfe“, heißt es bei terre des hommes, „muss höher wiegen als eine Null-Risiko-Politik bei der Einhaltung von Sanktionen“.

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