Fragen und Antworten "Teilhabe-Atlas": Diese deutschen Regionen sind abgehängt

Von Vincent Buß und dpa | 22.08.2019, 20:13 Uhr

Die Lebensverhältnisse in Deutschland variieren stark, wie aus neuen „Teilhabe-Atlas Deutschland“ hervorgeht. Welche Region landet wo und was sagt die Bevölkerung dazu?

Deutschland ist weit von gleichwertigen Lebensverhältnissen in seinen verschiedenen Regionen entfernt. Das geht aus dem „Teilhabeatlas Deutschland“ des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung und der Wüstenrot-Stiftung hervor, der gestern in Berlin vorgestellt wurde.

Was wurde untersucht?

Die Studie basiert auf einer Auswertung von acht Indikatoren aus 401 kreisfreien Städten und Landkreisen sowie Interviews zur Wahrnehmung der eigenen Region. Zu den Teilhabe-Indikatoren gehören:

  • Quote von Hartz-IV-Empfängern
  • Wanderungssaldo
  • jährlich verfügbares Haushaltseinkommen je Einwohner
  • kommunalen Steuereinnahmen
  • Schulabbrecherquote
  • Lebenserwartung
  • Internet-Breitbandversorgung
  • Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen des alltäglichen Lebens wie Ärzten, Supermärkten und regelmäßigem öffentlichen Nahverkehr

Im Ergebnis teilt sich die Republik in sechs Bereiche auf, die sich in ihren Rahmenbedingungen ähneln: drei städtische und drei ländliche „Cluster“ mit jeweils guten, mäßigen und geringeren Teilhabechancen.

Wo sind die Teilhabechancen besonders gut?

In reichen Großstädten und ihren Speckgürteln. Das sind 19 städtische Kreise, viele liegen in den Wirtschaftszentren der Republik – darunter München, Hamburg und Wolfsburg. Diese Regionen zeichnen sich durch sehr hohe Einkommen, sehr hohe Steueraufkommen, sehr viel Zuzug, eine sehr gute Nahversorgung, eine hohe Lebenserwartung, schnelles Internet und nur einen mittleren Anteil von Schulabbrechern und Hartz-IV-Beziehern aus.

Dazu kommen rund 90 ländliche Regionen mit ähnlichen Qualitäten, jedoch weniger Zuzug und einer eher schlechten Nahversorgung. Diese Kreise liegen vorwiegend im wirtschaftsstarken Süden, in Baden-Württemberg und im Südwesten Bayerns. In Ostdeutschland schafft es nur der Landkreis Dahme-Spreewald im Süden Berlins in diese Kategorie.

Wer landet im Mittelfeld?

Im ländlichen Raum etwa 130 Kreise, die vor allem in Westdeutschland liegen – etwa der Landkreis Osnabrück. In den östlichen Bundesländern fallen nur einzelne Kreise, die an Großstädte wie Berlin, Dresden oder Leipzig angrenzen, in diese Kategorie.

Ebenfalls dazu gehören neben Großstädten wie Hannover und Potsdam insgesamt rund 50 überwiegend kreisfreie Städte oder Landkreise mit großen Kreisstädten. Sie alle liegen bei Hartz-IV-Quoten, Einkommen, Schulabbrechern und Lebenserwartung im mittleren Bereich.

Die ländlichen Regionen haben mittlere Steueraufkommen, mäßiges Internet, eine leichte Abwanderung und eine nur sehr geringe Nahversorgung. Die städtischen Gebiete schneiden in diesen Punkten hingegen sehr gut ab.

Was sind die Schlusslichter?

Fast 60 ländliche Kreise, die überwiegend in Ostdeutschland liegen sowie vereinzelt in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und im Saarland. Außerdem gehören rund 50 – meist kreisfreie – Städte in diese Kategorie, zum Beispiel Berlin, Bremen und viele Ruhrgebietsstädte. Es sind vor allem Kreise, die einen harten Strukturwandel hinter sich haben.

Stadt und Land gemein sind sehr hohe Hartz-IV-Quoten, geringe Einkommen, ein hoher Anteil an Schulabbrechern und eine geringere Lebenserwartung. Wiederum ist der ländliche Bereich geprägt von geringen Steueraufkommen, starker Abwanderung, wenig Internet und eine sehr geringen Nahversorgung – im Gegensatz zu den Städten.

Was sagt die Bevölkerung?

In insgesamt fast 300 Einzelinterviews und Gruppengesprächen hätten Bürger und Politiker „ihre Lebensbedingungen weitgehend realistisch eingeschätzt“, sagte gestern Manuel Slupina als Mitautor der Studie.

Die befragten Landbewohner seien sich meist des Nachteils bewusst, dass sie zum Arbeiten pendeln müssen und für manche Erledigungen auf die nächste größere Stadt angewiesen sind:

„Trotzdem äußerten sie, dass sie gern dort leben.“

Sie fühlten sich jedoch vor allem dann abgehängt, wenn Schulen und Kliniken schlossen, Läden leer standen und es nur sehr langsames Internet gab. „Dieses Gefühl machte sich auch breit, wenn eine Region insgesamt eine gute Entwicklung nimmt“, so Slupina.

Aber selbst in prosperierenden Städten seien die Menschen nicht durchweg zufrieden. Es habe etwa Klagen über zu hohe Mieten gegegeben sowie Unterverständnis über fehlende Schul- und Kitaplätze.

Welche Forderungen ergeben sich?

Anstatt eine „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“ zu versprechen, sollte die Politik vielmehr eine bundesweit einheitliche Grundversorgung definieren, sagte Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung in Anspielung auf die Arbeit der Kommission Gleichwertige Lebensverhältnisse der Bundesregierung. Zudem müssten die Kommunen mehr Eigenverantwortung bekommen.

„Damit sie dort ansetzen können, wo es am dringendsten ist, ob das der Erhalt der Grundschule oder der Bau eines weiteren Verkehrskreisels ist“, sagte Stefan Krämer von der Wüstenrot-Stiftung.

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