Suche nach Gauck-Nachfolger Ein geklonter Präsident?

Meinung – Beate Tenfelde | 07.06.2016, 18:07 Uhr

Kaum hat Bundespräsident Joachim Gauck auf eine zweite Amtszeit verzichtet, wird die Stimmung in der schwarz-roten Koalition bei der Nachfolgedebatte deutlich gereizter. SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann schloss am Dienstag aus, dass nach jetzigem Stand ein CDU-Politiker ins Schloss Bellevue einziehen werde, weil die Union eben auch keinen Sozialdemokraten haben wolle. Ein Kommentar.

Bloß keine Hysterie, weil ein Bundespräsident eine ganz normale Entscheidung trifft und nicht erneut kandidiert. Und bitte nicht Parteienstreit - so wie er schon wenige Stunden nach Joachim Gaucks Rückzugserklärung nervte. Eine Nachfolgersuche mit Würde , das muss jetzt Maßgabe sein. Schließlich bleibt Gauck den Deutschen ja noch ein Dreivierteljahr als Staatsoberhaupt erhalten. Und außerdem ist auch er nicht unersetzlich oder gar unfehlbar, auch wenn dieser Eindruck jetzt in vielen Würdigungen entsteht.

Die Ansprüche an den Amtsnachfolger sind allerdings extrem hoch, das auf jeden Fall hat Gauck mit offenem Herzen und unbequemen Wahrheiten bewirkt. Es sieht fast so aus, als müssten wir uns den nächsten Präsidenten klonen, damit die vielfältigen Anforderungen an einen Gauck 2 irgendwie erfüllt werden. Und Wünsche gibt es viele: Die Linken wollen einen Präsidenten, der die soziale Spaltung zum Herzensthema macht, die SPD denkt an ein Staatsoberhaupt mit Migrationshintergrund, die Grünen wollen eine Frau , die Union sagt erst einmal gar nichts.

Für alle gilt: Bloß nicht zu sehr aus dem Fenster lehnen und einen Lagerwahlkampf heraufbeschwören, der potenzielle Wähler verprellt. Denn die Bundesversammlung, die im Februar 2017 den neuen Präsidenten wählt, hat Strahlkraft für Bundestagswahl im Herbst nächsten Jahres. Jeder sucht also für sich allein - und die Gefahr ist groß, dass neues Staatsoberhaupt jemand wird, der keinem wehtut.