Studie der Bertelsmann-Stiftung Teure Kinder, wenig Rente: die falschen Fragen

Meinung – Burkhard Ewert | 17.01.2014, 17:39 Uhr

Die Rentenversicherung benachteiligt Väter und Mütter im Verhältnis zu kinderlosen Beschäftigten, sagt die Bertelsmann-Stiftung - und stellt damit unversehens das gesamte System der Sozialversicherung zur Disposition.

Wieder so eine Studie, die das Elternsein in nervtötender Weise aufs Geld reduziert. Dabei stimmt ja grundsätzlich: Verhieß eine große Kinderschar den Eltern in früheren Zeiten einen materiell gesicherten Ruhestand, indem der Nachwuchs einen versorgte, gilt inzwischen das Gegenteil. Kinder zu haben ist teuer, während Sozialsysteme und Staat die Versorgung im Alter übernommen haben. Richtig ist auch, dass Eltern hierbei finanziell im Nachteil sind. Nicht nur, dass sie für ihre Kinder tausend Dinge bezahlen und diese das System später überhaupt erst am Leben erhalten – in der Erziehungszeit erwerben sie auch noch niedrigere Ansprüche als Kinderlose, die durchgehend arbeiten.

Von diesen nicht gerade neuen Erkenntnissen abgesehen, wirft die aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung aber viel grundsätzlichere Fragen auf. Die erste: Warum geht es hier und generell so unfassbar oft ums Geld, wenn von Kindern die Rede ist? Glaubt jemand, man könne sie staatlicherseits kaufen? Wieso wird nicht häufiger das Klima thematisiert und der mangelnde gute Wille beklagt, sei es bei Behörden und Arbeitgebern oder, oft genug, auch im Freundes- und Bekanntenkreis? Wieso geht es nicht auch um die Ängste? Und schreckt wirklich nur das Geld ab, oder was ist mit der schier unglaublichen Menge an Papierkram, Anträgen, Anmeldungen, Behördengängen und Bescheinigungen, die ein Kinderleben so mit sich bringt? Wieso wird nicht darüber gesprochen, dass Kinder – ob in Filmen oder Studien – viel zu häufig nicht als Glück, sondern Gefahr gelten?

Der zweite Punkt: Das eigentliche Problem ist nicht die Rentenhöhe, sondern es sind die milliardenschweren familienpolitischen Leistungen. Da kann die Koalition noch so viele Zahlungen draufsatteln und Ausnahmen einführen: Es handelt sich um Flickschusterei und Klientelpolitik, nicht etwa um Reformen, die für Gerechtigkeit sorgen. Im Gegenteil, genau dieses Bestreben, mit unzähligen Sonderregeln alle Lebenslagen abbilden zu wollen, hat zu einem Zerrbild geführt. Hier gibt es Kindergeld, das die Eltern prompt wieder für Betreuungskosten abgeben müssen, die dann wiederum die Steuerlast senken. Hier ist der Nachwuchs beitragsfrei mitversichert, bei der Rente aber zahlt man drauf. Hier gibt es Elterngeld, aber die angebliche „Ganztagsbetreuung“ endet mancherorts bereits um 15 Uhr, was eine Vollzeitstelle unmöglich macht.

Mithin gehört wesentlich mehr auf den Prüfstand, als Union und SPD mit ihrem Rentenpaket glauben machen wollen oder die Bertelsmann-Stiftung moniert. Eine Neuregelung der familienpolitischen Leistungen mitsamt Bereinigung der föderalen Wirrungen dabei wäre eine würdige Aufgabe für eine große Koalition. Aber, jede Wette, sie wird es nicht einmal versuchen, sondern lieber noch ein paar Sonderregeln hinzufügen. Vielleicht schafft sie es wenigstens, Kinder nicht länger als eine Last darzustellen, die für einen Normalsterblichen kaum zu bewältigen zu sein scheint.