Skandal erschüttert Großbritannien Kindesmissbrauch in höchsten Kreisen der Gesellschaft?

07.07.2014, 11:36 Uhr

Kaum eine Woche nach dem Urteil gegen den BBC-Kindersendungs-Moderator Rolf Harris wegen Kindesmissbrauchs in zwölf Fällen gibt es einen neuen Kinderschänder-Skandal in Großbritannien. Mehr als 40 aktive und ehemalige Politiker werden verdächtigt, entweder selbst Kinder missbraucht oder von dem Missbrauch gewusst zu haben.

Mindestens zehn Parlamentsabgeordnete sollen auf Ermittlungslisten der Polizei stehen, darunter einflussreiche Namen aller großen Parteien wie der ehemalige Margaret Thatcher-Vertraute, der bereits verstorbene Sir Peter Morrison. Das berichtet die Zeitung „Daily Telegraph“.

Die Dokumente, die einen Kinderschänder-Ring beweisen könnten und die 1983 dem Innenminister übergeben worden waren, sind allerdings verschwunden. Möglicherweise, so spekuliert die britische Presse, sind sie entfernt worden, um einen Skandal zu vertuschen. Eine von Premierminister David Cameron in Auftrag gegebene Untersuchung zeigt: Es ist nicht das einzige Dokument. Der mit der Untersuchung beauftragte Beamte Mark Sedwill musste einräumen, dass 114 „möglicherweise wichtige Akten“ vernichtet worden seien. Zumindest sind sie nicht mehr auffindbar.

Sonderkommission im Einsatz

Seit rund zwei Jahren rücken in unregelmäßigen Abständen immer wieder neue Prominente ins Visier von Justiz und Medien, die über Jahre Kinder missbraucht haben sollen. Darunter sind die BBC-Moderatoren Jimmy Savile und Rolf Harris, der ehemalige Rocker Gary Glitter und der einflussreiche Unterhaltungsindustrie-Manager Max Clifford.

Das hat zu Ermittlungen der Polizei-Sonderkommission „Operation Yewtree“ geführt, die anfangs nur den 2012 bekannt gewordenen Anschuldigungen gegen den 2011 verstorbenen „Top of the Pops“-Moderator Jimmy Savile auf den Grund gehen sollte. Nach neuestem Ermittlungsstand soll Savile über 500 Kinder und Jugendliche missbraucht haben. Mit der „Operation Yewtree“ haben die jetzigen Ermittlungen der „Operation Fernbridge“ nichts zu tun, die Ausmaße dürften allerdings ähnlich dramatisch sein.

Mindestens 20 Parlamentarier

Die polizeilichen Ermittlungen der „Operation Fernbridge“ beruhen auf den Recherchen des bekannten Kinderrechtlers Peter McKelvie, der über 20 Jahre lang Material über Kindesmissbrauch in Großbritanniens höchsten Gesellschaftsschichten gesammelt haben soll. Aufgrund seiner Informationen hatte Scotland Yard die Sonderkommission ins Leben gerufen.

McKelvie sagte dem „Daily Telegraph“: „Ich glaube, es gibt genügend Anhaltspunkte, Ermittlungen gegen mindestens 20 Mitglieder des Parlaments und Lords anzustrengen.“ Weitere 20 sollen den Missbrauch gedeckt haben.

Suche nach belastendem Dokument

Premier Cameron hatte den hochrangigen Beamten Sedwill im Innenministerium gebeten, zu untersuchen, was mit dem Schriftstück passiert ist, das der Abgeordnete Geoffrey Dickens Mitte der 1980er-Jahre an den damaligen konservativen Innenminister Leon Brittan übergeben hatte. Das könnte die Existenz eines VIP-Kinderschänder-Rings beweisen. Brittan gab zunächst an, er könne sich daran nicht erinnern. Inzwischen kam sein Gedächtnis wieder. Lord Brittan wird zurzeit von der Polizei zu einem Sexualdelikt aus dem Jahr 1967 befragt. Er soll eine damals 19-jährige Studentin vergewaltigt haben.

Der Skandal wird nur Tage nach einem Gerichtsverfahren bekannt, das einen ehemaligen politischen Berater des britischen Premiers Cameron betrifft. Der 63-jährigen Patrick Rock steht zurzeit wegen des Verdachts der Herstellung und des Besitzes von Kinderpornographie vor Gericht.