Serie zur organisierten Kriminalität Immer mehr Banden kommen für Einbrüche nach Deutschland

Von Johannes Giewald, Johannes Giewald | 22.02.2018, 07:01 Uhr

Sie hoffen auf schnellen Zugang zu Wohnungen und wertvolle Beute: Einbrecher profitieren von Deutschlands schlecht gesicherten Wohnungen und schlagen in den wohlhabenden Haushalten zu. Wer steckt hinter den Taten?

Etwa alle drei Minuten wird in Deutschland eingebrochen, es entsteht ein Schaden von 400 Millionen Euro. So die aktuellen Zahlen aus 2016. Das Bundeskriminalamt (BKA) beobachtet in der Polizeilichen Kriminalstatistik, dass immer mehr Tatverdächtige aus dem Ausland nach Deutschland kommen. Deren Anteil wuchs seit 1999 von 19,8 Prozent jährlich und lag 2016 bei 42,5 Prozent. Überproportional angestiegen sei die Zahl der Personen aus südost- und osteuropäischen Staaten, teilte das BKA mit. Wegen der weiten Entfernung, die diese Gruppe für ihre Taten zurücklegt, sprechen die Ermittler von „reisenden Tätern“. Die meisten kommen aus Rumänien, Serbien und Albanien.

„Reisende Täter“ agieren überwiegend in Gruppen. „Zu ihnen gehören Personen, die sich hier teilweise wochen- oder gar monatelang aufhalten, um entweder ausschließlich Wohnungseinbruchdiebstähle oder auch andere Straftaten zu begehen“, so das BKA. Vielfach haben sie zuvor auch in anderen europäischen Staaten zugeschlagen.

Trotz des steigenden Anteils ausländischer Banden gibt es aber eine auch eine Vielzahl anderer Tätertypen, die hinter den Einbrüchen in Deutschland stecken. „Es lässt sich nicht herunterbrechen auf eine Gruppe, die verantwortlich ist“, sagte Soziologin Gina Rosa Wollinger, die am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen zur organisierten Kriminalität bei Einbrüchen forscht. Neben kriminellen Banden und Clans aus dem Ausland gibt es eine Vielzahl professioneller Einzeltäter oder Gelegenheitstätern.

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Hilfe durch Landsleute vor Ort

Sogenannte „Residenten“ unterstützen die „reisenden Täter“ hierzulande. Das sind in der Regel Landsleute, die Ansprechpartner vor Ort sind und sich um die Beschaffung von Fahrzeugen, Wohnungen und Papieren kümmern oder bei einer Festnahme Rechtsanwälte vermitteln. Die „Residenten“ geben zudem Hinweise für geeignete Einbruchsobjekte oder -wohngegenden oder verkaufen die Beute.

Solch ein hoher Grad an Professionalisierung und Organisation bei Einbrüchen sei jedoch gar nicht erforderlich, erklärt die Soziologin. „Man braucht kein großes Wissen für Einbrüche und keine Verbindungen wie Hehler zum Absetzen der Beute.“ Viele Wohnungen seien schlecht gesichert. Unterschiede im Vorgehen gibt es dennoch. Profis bohren Fenster- und Türrahmen auf, suchen systematisch nach Beute und treffen Vorkehrungen für eine Flucht. Unprofessionelle Täter gelangen eher durch das Einschlagen von Fenstern in die Wohnungen.

Städte häufiger betroffen als ländliche Regionen

Bei den Einbruchszahlen gibt es in Deutschland ein enormes regionales Gefälle. Im Ländervergleich stehen die drei Stadtstaaten Bremen, Hamburg und Berlin an der Spitze. Auf 100.000 Einwohner kommen in Bremen knapp 460 Einbrüche jährlich. Diese Quote ist achtmal höher als in Bayern und mehr als doppelt so hoch wie in Niedersachsen. „Wohnungseinbruch ist ein urbanes Delikt“, sagt die Soziologin. In Städten mit Brennpunkten und vielen Menschen in schwieriger sozialer Lage seien wird deutlich häufiger eingebrochen.

Auch „reisende Täter“ halten sich vorzugsweise in städtischen Regionen auf. Von hier aus starten sie ihre Einbruchstouren in die nähere oder weitere Umgebung. Im ländlichen Bereich werden Einbruchserien häufig entlang von Autobahnen und Bundesstraßen festgestellt. Nicht selten kehren Serientäter und Banden jedes Jahr in bestimmte Regionen zurück, in denen sie sich auskennen.

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Täter, die im gleichen Ort leben, in dem sie zuschlagen, sind oftmals polizeibekannt. Sie setzen sich größtenteils aus „älteren Gewohnheitstätern“, Banden von Jugendlichen und Heranwachsenden sowie Drogenkonsumenten zusammen, die durch Einbrüche ihre Drogensucht finanzieren.

Einbruchzahlen gehen zurück: eine Trendwende?

Rund 151.000 Mal waren 2016 in Deutschland Einbrecher am Werk, dabei blieb es 67.000 Mal bei einem Versuch. Erstmals seit zehn Jahren ging die Zahl wieder zurück, nachdem sie bis 2015 dauerhaft angestiegen ist. Auch für 2017 erwartet das BKA rückläufige Zahlen, doch ob es eine Trendwende gibt, kann erst über einen längeren Zeitraum erkannt werden. Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) äußerte bereits Zweifel daran. Auch die Aufklärungsquote bleibe weiter gering.

Nur etwas mehr als jeder sechste Einbruch konnte laut Kriminalstatistik 2016 bundesweit aufgeklärt werden. Der Anteil der Verurteilungen liegt sogar unter zehn Prozent. Ermittlungen bei Einbrüchen sind laut Kriminologin und BKA viel schwieriger als bei anderen Delikten. Selten werden Einbrecher von den Bewohnern auf frischer Tat ertappt, es gibt nur wenige Zeugen und Spuren hinterlassen die Täter kaum. „Bei organisierten Banden mit einem größeren Aktionsradius kommt erschwerend hinzu, dass Tatserien erkannt und zentrale Ermittlungen initiiert werden müssen“, so das BKA. In nur 43 Verfahren hat die Justiz 2016 wegen Einbruchs im Zusammenhang mit organisierter Kriminalität ermittelt.

Politik und Polizei unter Druck

Ermittler und Politiker waren wegen der steigenden Einbruchszahlen unter Druck geraten, ihren Kampf gegen Einbrecher zu verstärken. Die Bundesregierung sorgte zuletzt für eine Strafverschärfung, die seit dem Sommer gilt: Beim Einbruch in eine Privatwohnung ist jetzt eine Mindeststrafe von einem Jahr Haft statt sechs Monaten fällig. Der Rahmen reicht bis zu einer zehnjährigen Freiheitsstrafe.

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