Serie zur Endlager-Suche Wie das Ausland mit dem Atommüll umgeht

Von Christian Schaudwet | 26.06.2013, 05:15 Uhr

Ein Dorf, ein brechend voller Gemeindesaal, Atommanager ducken sich im Fragenhagel besorgter Bürger. Eine weitere Runde im Konflikt um den Atommüll-Endlagerkandidaten Gorleben? Nein, die Szene Ende Mai trug sich nicht im Wendland zu, sondern in Frankreich.

Nahe dem lothringischen Ort Bure, rund 150 Kilometer entfernt von der deutschen Grenze, plant Frankreichs staatliche Agentur für Atomabfall ANDRA die letzte Ruhestätte für hoch radioaktive Brennstäbe aus den 58 Reaktoren des Landes.

Auch bei der zivilen und militärischen Atommacht Frankreich zerbrechen sich Bürgerinitiativen, Wissenschaftler und Politiker den Kopf darüber, wie man mit einer Substanz verfährt, die noch in einer Million Jahren todbringende Strahlung aussenden kann. Aber nicht nur dort. Die Liste der Atomenergie-Länder ist lang, und ihre Pläne unterscheiden sich erheblich. Einige Beispiele:

Frankreich: Unterirdisch erkundet wird bei Bure seit 1994. Was in Gorleben ein Salzstock leisten sollte – oder eines Tages vielleicht wieder soll –, erhoffen sich die französischen Planer von einer 130 Meter starken Tongesteinsschicht in etwa 500 Meter Tiefe. Die Entscheidung für Bure ist aber noch nicht gefallen. Bis zum Herbst soll es ein Dutzend Diskussionsveranstaltungen geben.

Das unterirdische Erkundungslabor bei Bure hat die französische Atomindustrie bisher rund eine Milliarde Euro gekostet. Obwohl die meisten Franzosen der Kernenergie wesentlich weniger Vorbehalte entgegenbringen als die Deutschen, schrecken sie vor Endlagerplänen in ihrer Nachbarschaft zurück. Erkundungsvorhaben im Zentralmassiv und in der Bretagne wurden nach Protesten zu den Akten gelegt.

Schweiz: Auch die Schweiz hat für die Endlagerung ihres Atommülls Tongestein ins Auge gefasst. Zwei Regionen, teils in der Nähe der Grenze zu Deutschland, wurden als mögliche Standorte benannt. Eine Entscheidung für ein Endlager gibt es noch nicht. Aufgrund der starken basisdemokratischen Elemente im politischen System des Landes besteht die Möglichkeit, einen Beschluss per Volksabstimmung rückgängig zu machen.

Großbritannien: Großbritannien unterhält mehrere oberirdische Zwischenlager, darunter eines in Wales für mehr als 300 Atommüllbehälter, das die Brennstäbe bis 2096 beherbergen soll. Doch auch die Briten sind auf der Suche nach einem Endlager und haben mit einem Standort-Auswahlverfahren begonnen. Es soll zum Bau einer Lagerstätte führen, die 2075 in Betrieb gehen kann. Die Resonanz der britischen Gemeinden auf ein Angebot, sich gegen hohe finanzielle Gegenleistungen freiwillig zu melden, war mäßig.

Finnland: Bei der Endlagersuche in Europa am weitesten gekommen ist Finnland. Die Finnen haben auf der Insel Olkiluoto an der Westküste mit dem Bau begonnen. Die hoch radioaktiven Brennstäbe sollen dort in 400 Meter Tiefe in Kupferbehältern in Granitgestein eingelagert und mit Beton versiegelt werden. Atomabfälle schwacher und mittlerer Strahlung werden auf Olkiluoto bereits aufbewahrt. Dort befindet sich auch ein Kernkraftwerk. Der Widerstand der Bevölkerung gegen die Endlagerpläne ist gering.

USA: Die im Yucca Mountain im Bundesstaat Nevada vorgesehene Einlagerung von Atommüll wendete US-Präsident Barack Obama 2009 ab, als ein Gericht die bis dahin angenommene Sicherheitsgarantie für zu kurz befand. Das Yucca-Gebirge wird seit 1978 erkundet, was rund neun Milliarden Dollar gekostet hat. Nach bisherigen Plänen soll der Atommüll dort in 200 bis 400 Meter Tiefe in vulkanischem Tuff eingelagert werden.

Umstritten ist der Standort wegen Erdbebengefahren und seiner Lage im Ureinwohner-Stammesgebiet der Western Shoshone. Derzeit werden die Abfälle der amerikanischen Atomkraftwerke an 120 Orten in 39 Bundesstaaten aufbewahrt. Eine Entscheidung über den Yucca Mountain ist nicht in Sicht.