Serie: Ritterorden gestern und heute Zwischen Schwert und Kreuz: der Deutsche Orden

Von Kristina Roispich | 21.08.2018, 11:00 Uhr

Er verband zu Zeiten der Kreuzzüge die Rollen von Ritter und Mönch und gründete sogar seinen eigenen Staat – heute ist der Orden der Brüder vom Deutschen Haus Sankt Mariens in Jerusalem, kurz Deutscher Orden, mit 1100 Mitgliedern einer von drei Orden, die dem Papst unterstellt sind.

Kreuz und Schwert, blutige Schlachten und Karitas, Unterwerfung und Mission: Das ist das Bild des Deutschen Ordens im Mittelalter. Er war der erste deutsche und nach Johannitern und Templern der drittgrößte geistliche Ritterorden in der Zeit der Kreuzzüge; herrschte zwischenzeitlich über einen eigenen Staat. Strukturen und Regeln wurden im Wesentlichen von seinen Vorgängern übernommen, ebenso wie der Weiße Mantel der Templer. Statt des roten Kreuzes stand ein schwarzes für den Deutschen Orden. Daraus entstand eine erbitterte Rivalität der beiden Ritterorden. Da die Templer den Weißen Mantel für sich beanspruchten, legten sie sogar offiziellen Protest beim Papst ein.

Der Legende nach hat der Deutsche Orden seinen Ursprung in einer Bruderschaft aus Bremer und Lübecker Kaufleuten, die im Jahre 1190 in Akkon, einer Hafenstadt im heutigen Nordisrael, mit ihren Schiffssegeln ein Feldlazarett zur Pflege hilfsbedürftiger Pilger und verwundeter Kreuzfahrer errichteten. Seitdem ist das Karitative das Ideal des Ordens. Diese Spitalbruderschaft wurde acht Jahre später schließlich von adligen deutschen Kreuzfahrern in einen Ritterorden umgewandelt, sodass zur Versorgung der Pilger, Kranken und Bedürftigen auch der Kampf für den Glauben hinzukam.

Eigener Staat gegründet

Bald darauf breitete sich der Orden immer weiter in Europa aus, eroberte große Gebiete des Baltikums und in Teile Polens. Noch heute erinnern die ehemaligen Ritterburgen viele Osteuropäer an die blutige Vergangenheit des Ordens. Im 13. Jahrhundert gründete dieser einen eigenen Staat in den slawischen Gebieten östlich des Deutschen Reiches. In Marienburg, dem heutigen polnischen Malborg bei Danzig, errichteten die ritterlichen Landherren eine der größten Burganlagen des Mittelalters, die zum Sitz des Ordens und seiner Großmeister wurde. So wuchs der Ordensstaat zur stärksten Macht im Ostseeraum heran. Historiker sprechen von großer Grausamkeit, von Unterdrückung und der Missionierung, die als Ziel vielfach nur vorgeschoben wurde: Bei der Eroberung Danzings etwa kämpften Ordensritter gegen Christen.

Mit der Schlacht bei Tannenberg 1410, bei der die Ritter einem polnisch-litauischen Heer unterlagen, musste der Orden jedoch erhebliche Gebietsverluste hinnehmen und verlor an Bedeutung. Im Laufe des 16. Jahrhunderts begann schließlich die innere Erneuerung des Deutschen Ordens. Sein letztes Territorium musste er zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufgeben.

Unter dem Heiligen Stuhl

1929 wurde dann schließlich der Ritterbrüderzweig aufgelöst und der übrige Teil von Papst Pius XI. in einen rein geistlichen Orden der „Brüder des deutschen Hauses Sankt Mariens in Jerusalem“ umgewandelt. Er untersteht damit als einer von drei Orden mit seinen rund 1100 Mitgliedern auch heute noch dem Heiligen Stuhl, hat seine Zentrale allerdings in Wien.

„Die seit 1198 bestehende ritterliche und kämpferische Tradition wurde damit aufgegeben, es fand eine Rückkehr zu den karitativen Aufgaben statt, wie sie sicher auch in der ursprünglichen Gründung des deutschen Hospitals vor Akkon 1190 eine Rolle spielten“, sagt der Historiker Jürgen Sarnowsky. „Im Übrigen haben durch die Umgestaltung nach 1923 auch ältere geistliche Ideale wieder eine stärkere Betonung gefunden.“ Dem Orden gehören seitdem auch das Institut der Deutschordensschwestern und die sogenannten Familiaren als Laiengemeinschaft an.

Heutige Form von früherer Ritterlichkeit

Und heute? „Unsere Mitglieder, wie jeder engagierte Christ, sind ganz besonders aufgerufen, christliche Werte auch mit einer gewissen Form der Zivilcourage zu vertreten. Das ist durchaus eine Aufgabe, die eine heutige Form von früherer Ritterlichkeit darstellt und in besonderer Weise den Familiaren aufgetragen ist“, erklärt Hochmeister Bruno Platter. Er ist seit 2000 der Leiter des Ordens, wird sein Amt allerdings bald abgeben.

Die Gemeinschaft ist heute mit ihren Provinzen in Deutschland, Österreich, Italien, Slowenien, Tschechien und der Slowakei vertreten. In jede dieser Provinzen befindet sich ein Haupthaus als Mutterkloster, in dem die Provinzleitung ihren Sitz hat. In Deutschland ist dieser für die Ordensbrüder im oberbayrischen Landkreis Miesbach und für die Deutschordensschwestern in Passau. Dort leben die sich in Ausbildung befindlichen sowie die älteren, nicht mehr berufstätigen Ordensmitglieder. Die anderen Brüder und Schwestern sind vor Ort in den angeschlossenen Klosterkirchen, Pfarreien oder sozialen Einrichtungen tätig.

Vier Säulen des Ordens

Das Wirken des Ordens beschreibt Platter mit vier Säulen: „Die primäre Aufgabe ist die religiöse. Die Mehrzahl der Priester ist in der Seelsorge tätig, das ist die Kerntätigkeit.“ Es gehe darum, Gott zu dienen in der Nachfolge Christi. Und das in Pfarreien, die bereits seit über 800 Jahren in den Provinzen des Ordens bestünden.

Der zweite Tätigkeitsbereich sei der sozial-karitative. Als dritte Komponente zähle der kulturelle Sektor inklusive der Bereiche Pädagogik, Didaktik und Kunst. Und zu guter Letzt die vierte Säule, die heute durch die Familiaren vertreten sei. Mit einer Mitgliederzahl von 900 machen zahlenmäßig sie den größten Anteil des Ordens aus. Ihr Wirken beschreibt Platter als weltanschaulich, gesellschaftsformend und -prägend. Wie der Orden im Mittelalter durch seinen eigenen Ordensstaat gesellschaftlich formend aufgetreten sei, „so ist heute das Engagement eines engagierten Christen im Umfeld heutiger Berufssituationen und heutiger Gesellschaft gefragt.“ Sie unterstützen die Werke des Ordens außerdem „durch Beratung, Spenden oder auch durch persönliche Dienste“.